Handball
"Schmerzen sind einem plötzlich egal"
Lars Christiansen, Linksaußen der SG Flensburg-Handewitt, ist der erfolgreichste Torjäger der Champions League. Vor dem Hinspiel des rein deutschen Endspiel am Sonntag (17 Uhr, Eurosport) gegen den Dauerrivalen THW Kiel sprach Berliner Morgenpost mit dem 35-jährigen Dänen über die Stärke der Bundesliga und die extreme Belastung der Handballer.
Berliner Morgenpost : Die beiden stärksten Mannschaften Europas kommen in diesem Jahr aus Schleswig-Holstein und nicht mehr aus Spanien. Ist damit entschieden, wer die stärkste Liga der Welt hat?
Lars Christiansen : Ich habe immer gesagt, dass Deutschland die stärkste Liga der Welt hat. Entscheidend ist: Damit sind nicht nur die Topmannschaften gemeint, sondern die Liga generell. Spanien ist auch sehr stark – aber mehr so die ersten zwei, drei Teams.
Berliner Morgenpost : Warum war es überhaupt so schwer, in die Phalanx der Spanier einzubrechen, die die letzten zehn von 13 Titeln in der Champions League gewonnen haben?
Christiansen : Das hat natürlich mehrere Gründe und es hat auch mit Glück zu tun. Aber ein wichtiger Faktor ist eben die Stärke und Ausgeglichenheit unserer Liga: Hier kann auch der Erste beim Letzten verlieren.
Berliner Morgenpost : In Spanien nicht?
Christiansen: In Spanien ist so etwas völlig unmöglich. Dort lässt sich die Liga viel schneller abhaken und sich auf die Champions League konzentrieren. Bei uns muss dagegen permanent die Konzentration auf jedes Spiel gerichtet sein – auch in der Liga.
Berliner Morgenpost : Könnte ein Grund für das deutsch-deutsche Duell die von der WM gebliebene Euphorie sein?
Christiansen : Diese WM war schon meine zehnte Endrunde. Aber es war das erste Mal, dass alles so gut geklappt hat, alles so optimal lief. Die WM war wirklich perfekt organisiert. Da hat es natürlich doppelt so viel Spaß gemacht.
Berliner Morgenpost : Das Duell Flensburg gegen Kiel wird häufig auch als Bundesligaduell der dänischen Fraktion gegen die Schweden gesehen. Was unterscheidet derzeit den Handball in beiden Ländern?
Christiansen : Der Unterschied ist nicht so groß. Früher waren wir im Vergleich immer so etwas wie der kleine Bruder, wenn es zum Duell zwischen Dänemark und Schweden kam. In den letzten Jahren hat es uns geholfen, dass wir konstanter gespielt haben. Aber das sind nicht die wirklichen Ursachen, warum es eine schwedische Fraktion in Kiel und eine große dänische in Flensburg gibt. Das hat einfach mit Einkaufspolitik zu tun. In Kiel hat man Schweden gekauft, weil man geglaubt hat, dass sie gut vom Typ dahin passen, in Flensburg hat man dagegen eben auf die Dänen gesetzt. Doch der Unterschied in den nationalen Persönlichkeiten ist nicht so groß.
Berliner Morgenpost : Fast alle Spieler haben eine extrem anstrengende Saison hinter sich. Nur die Schweden nicht, weil diese bereits in der WM-Qualifikation an Island gescheitert waren. Ist das ein Vorteil für Kiel?
Christiansen : Das könnte man denken, aber in einem Endspiel der Champions League hakt jeder Spieler seine Erschöpfung und Müdigkeit einfach ab. Selbst wenn man ein wenig angeschlagen oder verletzt ist: In so einem Fall steckt man das einfach weg. Das gilt für beide Mannschaften genauso wie auch für Dänen und Schweden.
Berliner Morgenpost : Schmerzen spürt man trotzdem.
Christiansen: Ja, aber sie sind einem plötzlich egal. Dafür ist der Traum einfach zu groß für alle Spieler, dass sie jetzt im Endspiel stehen und den Titel gewinnen können. Da liegt viel zu viel auf der Platte – gerade auch für uns, weil es in dieser Saison die letzte Möglichkeit ist, einen Titel zu gewinnen. Ich muss aber sagen, dass Kiel zurzeit unglaublich gut drauf ist. Die spielen hervorragend.
Berliner Morgenpost : Stapeln Sie da nicht etwas tief? Im Pokal-Halbfinale vor einer Woche hat Ihr Team einen Rückstand von sieben Toren wieder aufgeholt und am Ende mit nur einem Treffer gegen Kiel verloren.
Christiansen : So kann man das auch sehen. Auf der anderen Seite haben wir durch die sieben Tore Rückstand schon relativ früh den Sieg verspielt. Doch es stimmt schon, das stärkt natürlich den Charakter, dass wir in diese Partie wieder zurückgekommen sind. Das zeugt auch von unserer Moral.















