Basketball
Alba-Profi Herber arbeitet am Comeback
Vier Tage nach der ersten Heimniederlage in dieser Saison will Alba Berlin am Mittwoch (19.30 Uhr) in Ludwigsburg in die Erfolgsspur zurückkehren. Dabei kann Alba-Coach Luka Pavicevic alle Spieler einsetzen - bis auf Johannes Herber. Doch der 26-Jährige will nach seinem zweiten Kreuzbandriss von Mitleid nichts mehr hören.
Johannes Herber gehört eher nicht zu diesen Leuten, die immer einen flotten Spruch parat haben, weil sie ihre Umgebung permanent zum Lachen bringen wollen. Er wägt seine Worte lieber ab, macht sich viele Gedanken, überlegt gern mal eine Weile, bevor er antwortet. Dabei wirkt der Profi von Alba Berlin manchmal fast schon ein bisschen bedrückt.
Ganz anders ist das, wenn er schreibt. In seiner Kolumne im Basketball-Magazin "Five" mit dem Titel "Joes Ecke – Herber geht's nicht" nimmt der Nationalspieler wahlweise mit feinem Humor oder beißender Ironie seine Sportart, Funktionäre oder einfach irgendjemand auf die Schippe. In der Not sogar sich selbst.
Neulich war so ein Fall. Da erinnerte sich der 26-Jährige daran, dass einmal in West Virginia, wo er vier Jahre studierte und sehr erfolgreich Basketball spielte, bei einem Schönheitswettbewerb für Schweine ein Borstenvieh namens Joe Herber den ersten Preis belegt hatte. Wieder eingefallen war ihm das, weil er zuletzt so häufig mit Formeln begrüßt worden war wie "Da bist du ja, du armes Schwein". Ein älterer Herr habe ihm gar erklärt, an seiner, also Herbers, Stelle hätte er sich den nächsten Strick gesucht; eine Dame bot ihm alternativ an, es doch einmal in ihrem Rollstuhlteam zu versuchen. Herber schloss die Aufzählung der Mitleidsbekundungen so: "Diesen Menschen möchte ich hiermit danken."
Vage Hoffnung, wieder wie vorher Basketball spielen zu können
Das sollte heißen, dass es nun genug sei. Bitte keine traurigen Augen mehr und kein Mitleid, weil er sich zum zweiten Mal in zwei Jahren das vordere Kreuzband im linken Knie gerissen hatte. Weil er sich erneut durch eine monatelange Rehabilitation quälen muss in der vagen Hoffnung, danach wieder wie vorher Basketball spielen zu können. Weil aus einem der Hoffnungsträger für eine erfolgreiche deutsche Basketball-Ära nach Dirk Nowitzki ein Sportinvalide werden könnte. Für viele Sportler bedeutete diese Verletzung in der Tat das Karriereende. "Ich akzeptiere das als einen Teil des Sports", sagt er, "und Mitleid will ich nicht. Das hilft auch selten."
Es ist so schon alles schwer genug. Herber hatte sich am Ende der vergangenen Saison nach einem Perspektivgespräch mit Trainer Luka Pavicevic gerade entschlossen, Alba Berlin zu verlassen und etwas Neues zu beginnen, einen Verein zu suchen, wo er mehr Einsatzzeiten bekäme. Im Jahr zuvor hatte er kaum gespielt. Nun nahm er bei der Nationalmannschaft einen neuen, viel versprechenden Anlauf, war fit und hatte gutes, intensives Training hinter sich. Das Knie schien stabil, Johannes Herber fühlte sich sicher und rechnete nicht mehr damit, dass es noch einmal solche Probleme bereiten würde.
Aber ausgerechnet in der letzten Einheit am 5. August bekam er mitten in einer Bewegung einen Stoß. "Ich hatte das Gefühl, das Kreuzband wehrt sich, ehe es reißt." Dann wurde das Bein steif, das Knie schwoll an. Alles wie beim ersten Mal. Johannes Herber brauchte keine Ergebnisse der Computertomografie, um zu spüren, was passiert war.
"Die ganze aufkeimende Hoffnung war zerstört, das war schwer hinzunehmen", erzählt Herber. Drei Wochen brauchte er, ehe er sich erneut operieren ließ. "Ich konnte nicht einfach den Schalter umlegen. Ich musste erst wieder Kraft schöpfen für die Reha."
Inzwischen fiebert Herber bei jedem Heimspiel mit
Aktuelle und frühere Mitspieler meldeten sich, machten ihm Mut. So half ein Gespräch mit dem ehemaligen Alba-Spieler Jörg Lütcke, der seine Karriere nach dem zweiten Kreuzbandriss noch über einige Jahre fortgesetzt hatte – und erst nach dem dritten beendete. Ebenso die Erinnerung an zwei Kreuzbandrisse des Amerikaners Demond Mallet, einst Bundesligaspieler in Braunschweig, Bamberg und Köln, der noch heute in Europas Profiligen unterwegs ist.
Auch sein Ex-Verein aus Berlin ließ Herber nicht im Stich, bot ihm an, die Auflösung seines ursprünglich bis 2010 laufenden Arbeitsvertrages rückgängig zu machen. Herber nahm dankbar an, musste nicht umziehen, genießt den vollen Versicherungsschutz und kann die erstklassige medizinische Infrastruktur Albas für seinen Comeback-Versuch nutzen.
Dass er es noch einmal probieren will, steht für Herber fest. War da nie der Gedanke aufzuhören? "Eigentlich nicht – vielleicht Zweifel." Anfangs sei es zwiespältig gewesen, Alba zuzuschauen: "Man sieht, wie die anderen sich warm machen und empfindet Wehmut, nicht dabei zu sein." Inzwischen fiebert er bei jedem Heimspiel mit. Und erlebt, wie sein Team meistens gewinnt.
Im März möchte er wieder mit der Mannschaft trainieren
Auch für ihn läuft es gut vier Monate nach der Operation planmäßig. "Ich bin auf dem aufsteigenden Ast", sagt Herber. Er hat wieder mit dem Joggen angefangen, macht Würfe aus dem Stand. Wenn es so positiv weitergeht, hält er es für realistisch, im März ganz normal mit der Mannschaft zu trainieren. Und wenn es dann nicht klappt mit dem Comeback?
"Basketball hat mir sehr viel gegeben", sagt Herber, "aber es ist nicht das Einzige, worauf ich mich stützen kann." Vom College in West Virginia hat er seinen Bachelor in Politikwissenschaften mitgebracht; per Fernstudium macht er jetzt seinen Master im Fach Internationale Beziehungen. Existenzangst hat er also nicht. "Aber ich will noch einmal ein positives Basketball-Erlebnis haben", sagt Johannes Herber, "auf dem Feld stehen und spielen." Am liebsten natürlich die Karriere noch um ein paar Jahre verlängern.
Nicht nur den Lesern von "Five" würde das sicher gefallen.
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