02.12.12

Basketball

Alba-Trainer Obradovic tritt auf seinen Lehrmeister Pesic

Im emotionalen Spitzenspiel der Bundesliga gegen Bayern München kommt es in Berlin zu einem Wiedersehen zwischen ehemaligen Weggefährten.

Von Dietmar Wenck
Foto: dpa

Albas Trainer Obradovic empfängt seinen Gegner mit offenen Armen in Berlin
Albas Trainer Obradovic empfängt seinen Gegner mit offenen Armen in Berlin

Unmittelbar nach dem Europaligaspiel in Chalon vor zehn Tagen summte das Handy von Sasa Obradovic – eine SMS. Der Trainer von Alba Berlin schaute auf sein Display und musste schmunzeln. Der erste Gratulant zu dem wichtigen Sieg beim französischen Meister, der den Berlinern ihren Weg in die Top 16 ebnete, war Svetislav Pesic. Da freute sich offenbar einer mit seinem ehemaligen Spieler, seinem ehemaligen Verein und vermutlich auch für den gesamten deutschen Basketball gleich mit.

Am Sonntagabend gegen 19 Uhr wird diese Form der Kommunikation nicht nötig sein. Denn viel ist in den wenigen Tagen seither passiert. Was zur Folge hat, dass die beiden sich die Hände schütteln können, egal wie die Bundesliga-Partie zwischen Alba Berlin und dem FC Bayern München in der O 2 World (Beginn 17 Uhr) ausgehen wird. Mittlerweile hat Pesic beim Konkurrenten von der Isar einen Vertrag bis zum Saisonende unterzeichnet. Es war dringend an der Zeit, dass in München etwas geschieht. Der neuerdings auch im Basketball ambitionierte Klub hatte zwar das teuerste Ensemble der Liga zusammengestellt, aber wenig damit erreicht. Platz neun und 10:10 Punkte waren kaum das, was sich die Bayern-Bosse vorgestellt hatten.

Aus deprimierten Bayern werden Meisterschaftsanwärter

Woran sie selbst ja einen nicht geringen Anteil hatten. Der Rauswurf von Dirk Bauermann sechs Tage vor Saisonstart und der missglückte Versuch mit dessen Assistenten Yannis Christopoulos als Cheftrainer waren schwer zu vermitteln und brachten auch keinen Erfolg. Doch was eine Personalie bewirken kann: Aus den deprimierten, zuletzt schon belächelten Bayern ist mit der Verpflichtung von Svetislav Pesic sofort wieder ein Meisterschaftsanwärter geworden.

Obwohl der neue Mann gerade einmal sieben Trainingseinheiten hatte, die bislang so konturarm auftretende Schar talentierter Individualisten zu einem Team zu formen. "Ich bin dafür zuständig, so schnell wie möglich die Mannschaft in den Griff zu bekommen", formuliert Pesic seine Aufgabe, "ich will ihr Spiel nicht ändern, sondern nur verbessern." Alba-Geschäftsführer Marco Baldi ist sicher, dass "Sveti ganz schnell für Stabilität sorgen wird. Er hat die Erfahrung dafür".

Trotz der komplizierten Situation in München, wo Pesic-Sohn Marko (35) als Sportdirektor quasi Vorgesetzter seines Vaters ist. Und wo mit Uli Hoeneß ein Präsident das Sagen hat, der nicht zimperlich reagiert, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Genau wie Pesic senior übrigens. Das birgt Zündstoff.

"Ich glaube nicht, dass das zum Problem wird allein aufgrund ihrer Charaktere", widerspricht Baldi, "beide haben sich dem Erfolg verschrieben." Womit zwischen den Zeilen durchklingt, dass sich das in Zeiten ausbleibender Siege auch ändern könnte. Was wiederum Sportdirektor Marko Pesic zurückweist: "Es stimmt nicht, dass hier alle mitreden wollen. Seit ich hier bin, hat jeder Trainer in Ruhe arbeiten können und 150 Prozent Vertrauen bekommen."

Für Obradovic als Helfer in der Not immer dabei: Pesic

Aber das ist ohnehin nicht Alba Berlins Sorge. Auch nicht die von Obradovic, der ein ganz besonderes Verhältnis zum "Alten" hat, wie ihn die Spieler damals heimlich nannten und heute noch immer nennen. Pesic hat seinen zwanzig Jahre jüngeren Landsmann 1994 zu Alba Berlin geholt, als Anführer einer aufstrebenden Mannschaft, als seinen verlängerten Arm, wie man das Verhältnis zwischen Coach und Spielmacher so unschön beschreibt. Die Verbindung war ein voller Erfolg.

1995 gewannen beide den Korac-Cup mit Alba, 1997 den ersten deutschen Pokal und die erste Deutsche Meisterschaft, alles Meilensteine der Ära Pesic in Berlin. Danach folgte die kurzzeitige Trennung, Obradovic hatte sich in den Vertragsverhandlungen verpokert und bekam den Russen Wassili Karassew vor die Nase gesetzt. Als jedoch Pesic 2001 in Köln anheuerte und parallel die jugoslawische Nationalmannschaft übernahm, war der Mann ohne Haare auf dem Kopf wieder dabei, wurde Vizemeister mit den Westdeutschen, vor allem aber Europameister mit seinem Nationalteam.

Damals klang die Spielerkarriere Obradovics bereits aus; was im Basketball sehr selten vorkommt: Er war vorübergehend Spielertrainer in Köln, bis er sich ganz auf das Coachen konzentrierte. Immer ein Helfer in der Not war ihm dabei Svetislav Pesic, inzwischen in Spanien und Italien unterwegs. Der Kontakt riss nie ab, Obradovic konnte sich immer Rat holen. Und er übernahm manches von seinem Vorgänger, "er ist mein Lehrmeister, wir telefonieren auch jetzt noch manchmal", sagt der Alba-Trainer. Er kann sich also auch sehr wohl vorab ein Bild machen, was auf ihn und seine Mannschaft zukommt am Sonntag: eine auf aggressive Bayern-Verteidigung ausgerichtete Spielweise mit Ballgewinnen und schnellen Gegenangriffen.

Pesic hat mit Köln und Barcelona bei Alba gewonnen

Nicht viel anderes erwartet Pesic von Obradovics Mannschaft: "Sasa ist gelungen, seine Mannschaft so zu formen, wie er selbst gespielt hat: moderner Basketball mit hoher Intensität, viel Transition und einer sehr guten Defense", lobt der Altmeister seinen Lehrling, "man sieht auch von außen, dass in der Mannschaft Teamgeist herrscht." Er wird alles versuchen, das zu unterbinden und wie bei seinen früheren Rückkehren nach Berlin mit RheinEnergie Köln und dem FC Barcelona an alter Wirkungsstätte die Punkte zu entführen.

Bei aller Zuneigung und Verbundenheit – da hat Sasa Obradovic aber doch etwas einzuwenden. "Ich wünsche ihm viel Erfolg mit den Bayern", sagt der 43-Jährige, "aber selbstverständlich erst ab Montag."

Pesic - Stationen eines Meistermachers

1983 Jugoslawischer Meister mit Bosna Sarajevo

1984 Pokalsieger mit Bosna Sarajevo

1987 Weltmeister mit der U19 Jugoslawiens

1993 Europameister mit Deutschland

1995 Korac Cup mit Alba Berlin

1997, 1998, 1999, 2000 Deutscher Meister mit Alba Berlin

1997, 1999 Pokalsieger mit Alba Berlin

2001 Europameister mit Jugoslawien

2002 Weltmeister mit Jugoslawien

2003 Spanischer Meister und Pokalsieger, Gewinn der Euroleague mit dem FC Barcelona

2004 Spanischer Meister mit dem FC Barcelona

2007 Fiba-Eurocup mit Akasvayu Girona

Svetislav Pesic trainierte zudem noch:

 

2001 bis 2002 RheinEnergie Köln

 

2004 bis 2006 Lottomatica Rom

 

2007 bis 2008 Dinamo Moskau

 

2008 bis 2009 und 2011 Roter Stern Belgrad

 

2010 bis 2011 Valencia Basket

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Infizierte Pfleger Bentley darf leben - Hund hat kein Ebola
Sonnenfinsternis "Man muss das sehen, um es zu glauben!"
Terror in Kanada Überwachungskameras zeigen Angriff auf Parlament
Gasexplosion Explosion verwüstet ganze Straße in Ludwigshafen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Trend

Die schönsten Fotobomben der Stars

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote