08.11.12

Europaliga

Alba-Gegner Maccabi Tel Aviv ist mehr als ein Basketballklub

Die Berliner empfangen den 50-fachen israelischen Meister, der auch politisch viel bewirkt hat. Das Team reist mit Personenschutz.

Von Sebastian Arlt
Foto: AFP

Überlegen: Maccabis Flügelspieler Nick Caner-Medley (r.) wird auch in Berlin schwer zu stoppen sein
Überlegen: Maccabis Flügelspieler Nick Caner-Medley (r.) wird auch in Berlin schwer zu stoppen sein

Am heutigen Donnerstagabend werden die Straßen in Tel Aviv und anderen israelischen Städten leergefegt sein. So etwa wie hierzulande, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt. Doch es geht um einen anderen Ball – um Basketball.

Wenn das Team von Maccabi Tel Aviv in der Europaliga bei Alba Berlin antritt (20.45 Uhr, O 2 World), fiebert ein großer Teil der acht Millionen Einwohner vor den Fernsehgeräten mit. Bei Heimspielen in Europas Eliteliga ist die "Nokia Arena" mit 11.060 Zuschauern immer ausverkauft. Dauerkarten werden vererbt, Tickets im freien Verkauf gibt es so gut wie nicht.

Was die nationale Liga betrifft, ist das Interesse nicht so groß. Die anderen Klubs und deren Anhänger leiden eher unter der Dominanz von Maccabi. Groß war der Jubel bei vielen, als sich 2010 völlig überraschend Hapoel Gilboa Galil Elyson den Titel vor Maccabi holte. Doch die internationalen Spiele sorgen für Einigkeit und Identifikation.

Botschafter als Fan

Maccabi und Basketball, das ist dann für fast alle eine Herzensangelegenheit. Auch für Yakov Hadas-Handelsman, den israelischen Botschafter in Deutschland. "Seit meiner Kindheit bin ich großer Fan von Maccabi und ein treuer Anhänger der Mannschaft", sagt der Repräsentant seines Landes. Er berichtet davon, wie "unheimlich stolz" seine Landsleute auf die Erfolge der Mannschaft seien.

Da ist die sportliche Seite: 50 nationale Titel hat der Klub bereits geholt, fünfmal, zuletzt 2005, wurde Maccabi europäischer Champion. Im Final Four der Europaliga ist das Team Stammgast, 2011 standen die Israelis zum letzten Mal im Finale und verloren gegen Panathinaikos Athen.

Repräsentant Israels

Doch es gibt auch den politischen Aspekt: Wohl kein Sportklub repräsentiert seine Heimat so wie Maccabi Tel Aviv. "Maccabi ist der beste Botschafter unseres Landes", hat einmal der ehemalige Staatspräsident Chaim Herzog erklärt. "Kvuzah shel haMedina (hebräisch für "Mannschaft des Staates") wird das Basketballteam in Israel genannt.

Maccabi als Botschafter, der vieles bewirkt und Zeichen gesetzt hat. Die Basketballer aus Tel Aviv waren beispielsweise – im Rahmen des Final Four 1989 – die erste israelische Mannschaft, die nach dem Terroranschlag bei Olympia 1972 wieder in München antrat. Neben einem Besuch des Konzentrationslagers in Dachau stand auch eine Kranzniederlegung im olympischen Dorf auf dem Programm, der Stätte des Palästinenser-Überfalls. Die Basketballer waren 1989 auch beteiligt, als langsam Tauwetter die politische Eiszeit zwischen der Sowjetunion und Israel nach dem Sechstagekrieg 1967 beendete.

Hatten sich Teams beider Staaten vorher nur auf neutralem Terrain – zum Beispiel in Belgien – getroffen, gab es in diesem Jahr zum ersten Mal echte Heimspiele zwischen Maccabi und dem Armeesportklub Moskau. In Anlehnung an die Ping-Pong-Politik, mit der einst das amerikanisch-chinesische Verhältnis entkrampft wurde, lässt sich von Dunking-Politik sprechen.

Maccabi-Ableger auch in Berlin

Der amerikanische Jude Tal Brodi, der als Spieler Maccabi 1977 zum ersten Europaligatriumph (im Finale 78:77 gegen Varese) führte, sagte nach dem Halbfinalsieg gegen ZSKA Moskau (91:79) den legendären Satz: "Wir haben Israel auf die Landkarte gehoben. Von jetzt an bleiben wir darauf. Nicht nur im Sport. Überall!"

Maccabi ist der Name des jüdischen Weltsportverbandes, 1921 ins Leben gerufen. Er ging aus der zionistischen Maccabi-Bewegung hervor. Deren Ziel: Das Bewusstsein der jüdischen Jugend für religiöse, kulturelle und nationale Werte zu fördern. In vielen Ländern gibt es Maccabi-Klubs, auch in Berlin: Beim TuS Maccabi betreiben etwa 500 Mitglieder Fußball, Basketball, Schwimmen, Tischtennis, Volleyball, Tennis und Schach.

Team hat eigene Sicherheitskräfte

Viele davon werden am Donnerstag auch in der O 2 World sein, um ihre gegen Alba haushoch favorisierte Mannschaft zu sehen. Insgesamt werden einige hundert Maccabi-Fans erwartet. Botschafter Hadas-Handelsman wird nicht kommen können, die Familie wird dennoch vertreten sein: "Mein jüngster Sohn wird da sein, um Maccabi anzufeuern."

Wo das israelische Team antritt, werden natürlich besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen. So auch in der Arena am Ostbahnhof. Einzelheiten sind nicht zu erfahren: Sicherheitsgeheimnis. Bekannt ist jedenfalls, dass das Maccabi-Team immer mit eigenen Personenschützern reist.

Auf einer Wellenlänge mit Alba

Maccabi und Alba pflegen seit Jahren ein sehr gutes Verhältnis. Der Berliner Geschäftsführer Marco Baldi und Tel Avivs Präsident Shimon Mizahri kennen sich seit 20 Jahren und sind inzwischen befreundet. Seit jeher liege man "auf einer Wellenlänge", wie es Baldi ausdrückt. "Beide Klubs generieren ihre Mittel am Markt, sind nicht von Mäzenen abhängig." Beim Etat trennen die Klubs allerdings Welten. Maccabi, gesponsert vom Fahrstuhlhersteller "Elektra", hat jedes Jahr nicht weniger als 15 Millionen Euro zur Verfügung. Bei Alba sind es in dieser Saison etwa 7,5 Millionen.

Mizahri ist in einer besonderen Weise ein Phänomen: Der 73-jährige Jurist, Israels renommiertester Verkehrsrechtler, steht dem Klub seit 43 Jahren vor. 1969 wollte er das Amt "nur für kurze Zeit".

Kooperation im Jugendbereich

Mizahri, Baldi und Henning Harnisch, Alba-Vizepräsident und Leiter des Jugendprogramms, waren es, die 2009 gemeinsam eine weitreichende Kooperation zwischen den beiden Klubs ins Leben gerufen haben. Diese sieht einen "sportlichen und kulturellen Austausch" (Baldi) vor. 2010 weilte die U19 von Alba in Israel, wohnte in Familien von Maccabi-Jugendspielern, man trainierte gemeinsam und spielte gegeneinander. "Jugend-Basketball ist nicht nur Trainieren und Spielen", sagt Harnisch, "sondern bietet auch die Chance, sich sozial und kulturell weiterzuentwickeln."

Es war also nicht nur der Sport ein Thema. Harnisch spricht davon, "sich auch der geschichtlichen Verantwortung zu stellen". So besuchten die Berliner Jugendlichen die Holocaust-Gedenkstätte "Yad Vashem". 2011 waren junge Israelis zum Gegenbesuch in Berlin; am 8. Dezember wird der Alba-Nachwuchs zu einem zehntätigen Aufenthalt erneut in Tel Aviv erwartet.

Ganz im Sinne von Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, der sagt: "Basketball, wie jeder Sport auch, bringt Gesellschaften und Länder zusammen – er baut Brücken zwischen Nationen. Maccabi Tel Aviv ist ein Beispiel dafür, wie der Sport zur Verständigung und Freundschaft zwischen unseren Ländern beitragen kann."

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