01.11.2012, 16:52

Krakau – geschichtsträchtig und voller Lebensfreude Stadt der sprechenden Steine

Foto: Robert Hardin

Keine Stadt Polens ist so schwungvoll und selbstbewusst wie Krakau. Südländisch und ein bisschen verrückt kommt sie daher – italienisches dolce vita gepaart mit französischer Bohème.

Das Südländische kommt von den italienischen Renaissancebauten, die den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt überstanden haben. Ohnehin hat der Krieg Krakau nur wenig anhaben können, ganz im Gegensatz zu anderen polnischen Großstädten. Aufgrund der alten Gemäuer, die zum Teil bereits mehrere Jahrhunderte alt sind, wird die Stadt an der Weichsel auch gerne als "Stadt der sprechenden Steine" bezeichnet.

Diese Vergangenheit wird geliebt, gelebt und verteidigt. Moderne Einkaufstempel und Hotels wurden an den Rand der Stadt verdrängt. Die Alt- stadt zeichnet sich durch Kopfsteinpflaster, historische Türmchen, Tore und Stadtmauern aus. Stolze Droschkenkutscher fahren Touristen durch die Altstadt. Die Bewohner leben ihre glorreiche Vergangenheit. Schließlich war Krakau ein halbes Jahrtausend (1038-1609) Hauptstadt eines Reiches, das sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte. Aus dieser Zeit stammen auch so prunkvolle Gebäude wie das Schloss auf dem Wawel, mehr als 100 Kirchen und Klöster und Europas größter Marktplatz. Italienische Architekten kamen damals, um dem König und dem Adel ihre Prachtbauten zu erstellen.

So lange Krakau Dreh- und Angelpunkt Polens war, galt das Land als eine Großmacht. Die wechselvolle Geschichte Krakaus erreichte ihren Tiefpunkt 1945. Die Juden, die vorher ein Viertel der Bevölkerung ausmachten, gab es nicht mehr, Adel, Klerus und Bürgertum wurden entmachtet. Das Konzentrationslager Auschwitz, nur 70 Kilometer westlich von Krakau, legt beredtes Zeugnis dieser Zeit ab, in der Millionen Juden den Tod fanden.

Doch die Bevölkerung fand immer wieder Schlupflöcher, um ihre Interessen durchzusetzen. So war Krakau auch im tiefsten Sozialismus Hochburg des Klerus. Unmengen an Kirchen zeugen davon, fast alle Orden haben ein Kloster in der Stadt – und über Nachwuchs brauchen sie sich nicht zu sorgen.

Neben der gläubigen Seite Krakaus, stehen auch Genuss und Geselligkeit im Vordergrund. Mehr als 50.000 Studenten, die in Europas ältester Universität eingeschrieben sind, drücken Krakau ihren Stempel der Lebensfreude und der Intelligenz auf. Die Altstadt ist bestückt mit vielen netten Kaffees und Kneipen, internationalen Restaurants jeglicher Preisklasse – und vor allem den beliebten Kellerkneipen in denen fast jeden Abend Jazz und Klezmer zu hören sind. Dicke Samtvorhänge, Sofas in denen man fast versinkt, schummeriges Licht und ein Ambiente, wie im Mittelalter. Während die Stadt mit seinen vielen Straßencafés à la Habsburger Kultur tagsüber vor allem den Touristen gehört, ist sie nachts vor allem in der Hand der Krakauer. Denn alles was dunkel ist, hat Kultstatus in Krakau – und das bei Jung und Alt.

Vor allem das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz, in dem heute kaum noch Juden leben, ist Mittelpunkt der abendlichen Kultur. Mit seinen Clubs, Cafés, Galerien und Ateliers ist es das "Quartier Latin" Krakaus, immer am Puls der Zeit, immer der Puls des Lebens.

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