30.10.2012, 15:31

Wer lange nicht in Warschau war, erkennt Polens Hauptstadt kaum wieder Die Boom-Town an der Weichsel ist ein Meisterwerk polnischer Restauratoren

Foto: PA/Chromorange/P. Widmann

Von Polen und seiner Hauptstadt haben viele Menschen ein noch immer klischeebehaftetes Bild. Es ist daher längst an der Zeit, neuen Tatsachen ins Auge zu blicken. Seit dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs und insbesondere dem EU-Beitritt des Landes entfaltet Warschau eine atemberaubende Dynamik und wartet darauf, entdeckt zu werden.

Zunächst überrascht die Skyline des früheren "Paris des Ostens". Büro-, Hotel- und Wohntürme künden vom wirtschaftlichen Aufschwung in der Metropole an der Weichsel. Weitere Wolkenkratzer sind im Bau. Die neuen Stadtviertel ziehen insbesondere junge Leute an, die hier gutbezahlte Arbeitsplätze und modernste Infrastruktur vorfinden. Aber auch Touristen genießen Cafés, Restaurants, Shopping-Arkaden und Kultur.

Das Gros der Besucher aber möchte insbesondere das historische Warschau erleben. Und auf den ersten Blick gibt es in Warschau sogar mehr Altbauten als Städte vergleichbarer Größe in Deutschland. Wer genauer hinschaut – und wer um die Geschichte weiß, dass in Warschau bei Kriegsende 1945 neun von zehn Häusern dem Erdboden gleichgemacht waren – stellt fest, dass im mittelalterlich anmutenden Altstadtkern kaum ein Gebäude älter als 50 Jahre ist. Doch anstatt die polnische Hauptstadt an an- derer Stelle neu zu errichten, wie viele Experten geraten hatten, weil sie einen Wiederaufbau in der Trümmerwüste für unmöglich gehalten hatten, stützten sich die Architekten bei der Rekonstruktion auf alte Fotos, historische Stiche und Stadtansichten aus dem 18. Jahrhundert. Damit das neue Alte gar nicht so neu wirke, wurde der Putz der Häuser mit Unregelmäßigkeiten versehen, um der Altstadt Patina zu verleihen. Bis heute präsentieren sich die alten Neubauten hier nicht "überrenoviert".

Ein Rundgang durch dieses Meisterwerk polnischer Restauratoren beginnt am besten am Schlossplatz (Plac Zamkowy). Das Königschloss, wie es sich heute darbietet, entstand ab dem Ende des 16. Jahrhunderts, nachdem Warschau Hauptstadt geworden war. Von dem Bauwerk ließ der Krieg nichts übrig. Anfang der 1970er-Jahre fiel die Entscheidung zur Rekonstruktion. Tipp: sonntags ist der Eintritt frei. In den umliegenden Gassen sind die Ladenschilder schmiedeeisern, Pferdedroschken warten auf touristische Kundschaft. Eine Fahrt geht vorbei am ältesten Gotteshaus, der Kirche Johannes des Täufers. Um 1400 erstmals urkundlich erwähnt, liegt die Kathedrale zwischen Schlossplatz und Marktplatz.

Südlich der Altstadt verläuft der sogenannte Königsweg, der Stadtschloss mit der Residenz Wilanów verbindet. Palast und Park gelten als das polnische Versailles und wurden in ursprünglicher Barockform wiederaufgebaut. Zu besichtigen sind unter anderem die Bibliothek, die privaten Gemächer des Königs mit Originalmöbeln oder der Etruskersaal mit antiken Skulpturen. Die Sammlung von barocken Sargporträts ist die größte weltweit.

Die Straßen Krakauer Vorstadt (Krakowskie Przedmiescie) und Neue Welt (Nowy Swiat) sind Warschaus Flaniermeilen. Hier befinden sich auch die beiden interessantesten Hotels: Das Grandhotel "Bristol"l von 1911 und das "Europejski" von 1857.

Ein Warschau-Besuch wäre nicht komplett ohne einen Rundgang durch die ehemals jüdischen Stadtteile nordwestlich der Altstadt. Doch dort, wo einmal das Ghetto war, umzingeln Plattenbauten das Denkmal der Helden – der Ort, an dem Kanzler Willy Brandt 1970 niederkniete. Nach jüdischen Spuren müssen Besucher lange suchen. Die Nozyk-Synagoge in der Grzybowska-Straße ist die einzige, die den Krieg überlebte. Unweit davon steht das Jüdische Theater (Aufführungen in Jiddisch). An der Okopowa-Straße liegt der Jüdische Friedhof von 1806, auch er unzerstört.

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