Gesundheit
Gefährliche Schönheitsideale
In Deutschland wünscht sich bereits jeder Fünfte zwischen neun und 14 Jahren eine Schönheitsoperation. Laut Schätzungen legen sich bereits jetzt pro Jahr rund 100.000 Kinder und Jugendliche unters Messer. In der Politik diskutiert man nun über ein Verbot ästhetischer Operationen für Minderjährige.
Von Anja Breljak, 20 Jahre
"Ich mag meine Nase nicht - sie ist dick, krumm und schief", erzählt Daniela C. Manchmal wird die 17-Jährige in der Schule deswegen gehänselt. Und manchmal, so Daniela, würde sie sich gerne einer Schönheitsoperation unterziehen. Nach einer Umfrage des Kinderbarometers der LBS-Initiative "Junge Familien" ist Daniela mit ihrem Wunsch hierzulande nicht allein: Jedes fünfte Kind zwischen neun und 14 wünscht sich danach eine Schönheitsoperation.
Die nackten Zahlen sehen so aus: Mehr als eine Million Deutsche lassen sich Schätzungen zufolge pro Jahr kosmetisch operieren. Darunter sind rund zehn Prozent Kinder und Jugendliche. Aktuell ist das Thema auch wegen einer politischen Initiative: Zum Antrag der Koalitionsfraktionen, Schönheitsoperationen bei Jugendlichen zu verbieten, gab es gerade eine Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Das Ziel des Gesetzesantrags ist es vor allem, Missbräuche bei Schönheitsoperationen zu verhindern und die Patienten so weit wie möglich zu schützen. An Minderjährigen sollen laut Antrag keine ästhetischen Operationen durchgeführt werden - medial übertriebene Schönheitsideale seien zunehmend Grund für junge Mädchen, sich unters Messer zu legen.
Experten warnen jedoch vor der Überschätzung der Zahlen. "Die Schönheitschirurgen sprechen von rund 100.000 Eingriffen pro Jahr bei Minderjährigen. Bei dieser Zahl sind aber die Operationen zum Anlegen abstehender Ohren bereits mitgezählt", sagt der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dr. Wolfram Hartmann. Von Minderjährigen, die sich die Brüste vergrößern lassen, oder denen die Nasenkorrektur von den Eltern zum Schulabschluss gesponsert wird, hört man vor allem in den USA. Hartmann aber gibt Entwarnung: "Bisher spielen solche Eingriffe bei Minderjährigen bei uns in Deutschland noch keine große Rolle."
Auch Stars sind nicht perfekt
"Die Debatte ist äußerst wichtig, ein Verbot aber nicht nötig", macht auch Dr. Johannes Bruck, Chefarzt der Abteilung für Plastische Chirurgie im Martin-Luther-Krankenhaus, deutlich. Es sei wichtig, Leitlinien festzulegen, die Entscheidung über eine plastische Operation müsse aber individuell und im Gespräch mit den Jugendlichen getroffen werden, so der Experte. Als Sekretär und Vorstandsmitglied der Vereinigung der Deutschen Ästhetischen-Plastischen Chirurgen saß er am 23. April beratend im Gesundheitsausschuss. Und als Vater einer 16-Jährigen nimmt er besonderen Anteil an der Diskussion: "Vor allem gegenüber den jungen Patienten muss man Verständnis aufbringen und ihnen in der Beratung die Chance geben selbst zu reflektieren."
Der Umgang mit den Schönheitsidealen fällt nicht leicht. Heidi Klums perfektes Gesicht auf der ersten Seite vieler Magazine, Orlando Blooms steinhart anmutender Waschbrettbauch oder die langen Beine, die über die Laufstege von "Germany's Next Topmodel" schreiten: Das Bild makelloser Schönheit wird von den Medien in das Bewusstsein vieler Jugendlicher transportiert. Für die 17-jährige Anica B. steht aber außer Frage: "Auch die Stars in den Medien sind nicht perfekt, das Bild, das sie vortäuschen, ist unreal." Im Rahmen ihrer mündlichen Prüfung für den Mittleren Schulabschluss in Biologie hat sie sich mit dem Thema "Schönheitsoperationen" beschäftigt. "Schönheit ist vergänglich, und sich operieren zu lassen, um dem Schönheitsideal zu entsprechen, macht keinen Sinn", erklärt Anica. Wenn psychologische oder medizinische Gründe für eine Schönheitsoperation sprechen, dann wäre der Eingriff aber verständlich. Sie selbst wünscht sich jedenfalls keine OP zum Abi.
Das Selbstbewusstsein der Jugendlichen fördern - das ist ein wichtiger Schritt. So hat sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Ziel gesetzt, breit zu informieren. Auch Anica und Daniela kennen deren Broschüren wie "Spieglein, Spieglein...". Mit Info-Material will man die öffentliche Meinungsbildung beeinflussen und vor allem Jugendlichen die Problematik der Schönheitsideale klarmachen. Die Auswirkungen medialer Schönheitsbilder auf das Selbstvertrauen Jugendlicher sind nicht zu unterschätzen: Nicht nur Schönheits-OPs, sondern vor allem Ess-Störungen wie Bulimie oder Magersucht sind problematisch.
Im Gegensatz zu vielen Experten hält Daniela das Verbot von Schönheitsoperationen aber für sinnvoll. Die Möglichkeit, bei einem Pfuscher zu landen, flößt ihr Angst ein. Vor allem aber findet Daniela: "So lernen Jugendliche mit ihren Fehlern umzugehen; das Verbot fördert zwangsläufig das Selbstvertrauen."
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