Plädoyer einer Betroffenen
Heimkinder müssen gegen viele Vorurteile kämpfen
Wenn ich Leuten erzähle, dass ich im Heim wohne, werde ich manchmal ausgelacht - sie glauben mir nicht. Ich sehe nicht so aus, ich benehme mich nicht so. Aber wie, bitte, sieht denn ein typisches Heimkind aus? Jogginghose, ungekämmt, einfach schäbig?
Ich komme aus einer gut situierten Familie, in der auf den ersten Blick alles perfekt zu sein schien. Doch auch nur von außen, denn wir sind zerrüttet und zerstritten, solange ich denken kann.
So lief ich von einem zum anderen, spielte Psychologin und Eheberaterin. Bis ich auf eine neue Schule kam. Dort stieß ich auf eine wundervolle Lehrerin, die wahrscheinlich immer in meinen Gedanken bleiben wird. Sie merkte mir an, dass es mir nicht gut ging und überredete mich, zu einer Psychologin zu gehen. Diese fand meine damalige familiäre Situation untragbar und wollte, dass ich von zuhause wegzog. Und dann ging alles ganz schnell. Das Jugendamt wurde eingeschaltet, meine Eltern trennten sich und ich zog in ein Heim. Ich habe noch nie gehört, dass jemand mit dem Begriff "Heim" etwas Positives verbunden hat. Doch eigentlich ist es nur ein Haus, ein ziemlich großes Haus für Kinder und Jugendliche, die sonst nirgendwo wohnen können.
Und doch wird man, wenn man in einem Heim wohnt, oft als "asozial" abgestempelt. Vielleicht trifft es tatsächlich auf einige zu, dass sie stehlen, Drogen nehmen, Leute anpöbeln. Doch machen das nicht auch oft genug andere Jugendliche, die sich z. B. von ihren Eltern nicht verstanden fühlen oder einfach nur "cool" sein wollen? Vielleicht entsteht dieses Bild nur im Kopf einiger Menschen. Doch stellt sich dann nicht die Frage, ob die Persönlichkeit nicht wichtiger ist als Vorurteile? Ich selbst sage nur wenigen Menschen, dass ich im Heim wohne, denn ich kenne die typischen negativen Reaktionen. "Wie kann ich denn freiwillig aufgeben, in einer Familie zu leben, in der ich mir über Geld keine Sorgen zu machen brauche?" Was spielt das denn für eine Rolle? Mir ging es nicht gut. Natürlich dreht sich in unserem Leben viel ums Geld, der Druck der Gesellschaft ist groß, selbst unter Jugendlichen. Man muss einem bestimmten Idealbild entsprechen, um "cool" zu sein. Aber werde ich dadurch Freunde finden? Ist es nicht viel wichtiger, dass Freunde uns gerne haben, so wie wir sind, und für uns da sind? Sollten wir nicht jedem die gleiche Chance geben?
Viktoria, Kl. 1b, 14, Anna-Freud-Schule, Charlottenburg
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