Interview Lehrerverband
Rund 200 000 Schüler schwänzen täglich die Schule
Regelmäßig zur Schule gehen? Manche Jugendliche würden daran nicht einmal im Traum denken! Auch in Berlin gibt es Eltern, die ihre pubertären Kinder nicht im Griff haben und überfordert wirken. In einigen Familien merkt man sofort, wer hier das Sagen hat – nicht die Eltern, sondern die Jugendlichen. Bekommen solche Eltern überhaupt mit, wenn ihre Kinder die Schule schwänzen? Wie im Alltag zu beobachten ist, gehen Schulschwänzer während der regulären Unterrichtszeit lieber in Parks oder aber shoppen. Der Deutsche Lehrerverband fordert deshalb einige Veränderungen, um das Problem lösen zu können. In einem Interview mit Jugendreporterin Liv Ziegfeld spricht Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, über das schwierige Thema:
Von Liv Ziegfeld, Kl. 8DN1, Berlin International School, Dahlem
Liv Ziegfeld: Wie viele Schüler schwänzen ihrer Meinung nach täglich die Schule in ganz Deutschland?
Josef Kraus: Ich schätze die Zahl auf etwa 200000 Schüler täglich, aber genaue Zahlen gibt es nicht. Bei ungefähr zwölf Millionen Schülern in Deutschland ist diese Zahl eindeutig zu hoch. In der Tat wären das rund 1,6 Prozent aller Schüler in ganz Deutschland.
Was sehen Sie als Grund, warum manche Jugendliche nicht regelmäßig zum Unterricht erscheinen?
Das ist individuell sehr unterschiedlich. Folgende Gründe gibt es: Angst vor Noten, Angst vor Mitschülern, Null-Bock-Mentalität, Mutprobe unter Gleichaltrigen. Manchmal schwänzen Schüler mit elterlicher Zustimmung den Unterricht, um die Ferien zu verlängern und günstigere Flugtickets zu bekommen
Wissen Sie, in welchem Alter der Hauptteil der 200000 Schulschwänzer ist?
Überwiegend im Alter zwischen 14 und 16 Jahren. Danach entschuldigen sich manche Schüler in den Oberstufen selber, wenn sie schon volljährig sind.
Was empfinden Sie als beste Lösung für Schulschwänzer?
Zunächst würde ich eine konsequentere Kontrolle der Anwesenheit durch die Schulen durchführen. Eine weitere Möglichkeit könnte das Verlangen eines ärztlichen Attests bei gehäuften "Entschuldigungen" sein. Die Meldung beim Jugendamt muss in manchen Fällen auch durchgezogen werden, so wie Maßnahmen der Erziehungshilfe des Jugendamtes und gegebenenfalls eine Geldbuße.
Glauben Sie, dass die Mehrheit der Schulschwänzer ihren Schulabschluss am Ende nicht schaffen wird?
Eigentlich schon, denn Schulschwänzer sind unter Schulabgängern ohne Schulabschluss weit überrepräsentiert.
Und das sagt die Schülerin
Doch aus welchem Grund machen eigentlich Schüler "blau"? Auch dazu haben wir ein Interview geführt. Paula L.* (Name von der Redaktion geändert) erzählte mir dabei ihre Geschichte vom Schulschwänzen:
Liv: Wie oft hast Du schon die Schule geschwänzt?
Paula L.: Ich habe nur einmal geschwänzt, das war in der zehnten Klasse.
Weshalb bist Du nicht zur Schule gegangen und wo hast Du Dich stattdessen aufgehalten?
Ich war mit meiner Freundin in ein Café gegangen. Wir wollten morgens zusammen mit der S-Bahn zur Schule fahren, hatten dann aber überhaupt keine Lust darauf. Wir entschieden uns, in ein nahe gelegenes Café zu gehen und dort etwas zu essen und zu trinken. Unsere Eltern dachten, wir würden ganz normal zur Schule gehen, doch das taten wir nicht. Wir hatten nur bis 13.30 Uhr Schule, und so konnten wir den ganzen Schultag in diesem Café bleiben und gemütlich reden.
Hat jemand Euch erwischt und habt Ihr Ärger bekommen?
Nein, zum Glück hat uns überhaupt keiner gesehen und unsere Familien haben es auch nicht mitbekommen. Die Schule hat auch nicht nach uns gefragt, und wir haben am nächsten Tag einfach gesagt, wir seien krank gewesen.
Würdest Du aufgrund dieser Erfahrung noch einmal schwänzen?
Nein, auf keinen Fall! Auch wenn wir nicht erwischt wurden, war es schon Bestrafung genug, unsere Eltern anzulügen, denn wir hatten beide ein sehr schlechtes Gefühl dabei.
Fazit: Bei Paula L. ist das Schwänzen ein Einzelfall geblieben. Das sieht bei vielen Schülern anders aus. Um zu verhindern, dass es immer mehr Schulschwänzer gibt, diskutieren Politiker und Fachleute in den Berliner Bezirken schon lange darüber, welche Maßnahmen angemessen sind, damit Schule wieder für alle Jugendlichen zum Alltag gehört. Und sie nicht stattdessen lieber shoppen oder in Cafés gehen.
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