Reportage
Obdachlose in Berlin: Wie sie leben, wovon sie träumen
Anders als die lebhafte Eingangsseite des Bahnhofs Zoologischer Garten ist die hintere Seite ruhig und düster. Dort ist auch der Sitz der Bahnhofsmission am Zoo. Als ich den Saal betrete, sind rund 50 Menschen darin, die sich gerade anstellen, um Essen und Trinken zu erhalten. Einige sitzen schon auf den Bänken und haben einen Teller vor sich stehen.
Es gibt viele Vorurteile über Obdachlose: Diese seien doch selbst verantwortlich für ihre Situation, heißt es oft. Oder: Geld, das man ihnen spende, werde sowieso gleich für Zigaretten oder Alkohol vergeudet. Im Gespräch mit Artjom, der seit fast zweieinhalb Jahren keinen festen Wohnsitz mehr hat, zeigt sich, dass solche Vorurteile oft nicht stimmen.
Artjom, 31 Jahre alt und aus Estland, hat in relativ kurzer Zeit Deutsch sprechen gelernt und ist sehr höflich. Eigentlich ist er zum Arbeiten nach Deutschland gekommen. Leider hat sich für ihn keine feste Arbeit ergeben, aber Artjom ist ehrgeizig. Regelmäßig erkundigt er sich in der Jobbörse und ist nicht wählerisch, denn: "Egal, was für ein Job es ist, ob Reinigungskraft oder etwas Ähnliches, ich will unbedingt einen Job haben", sagt er. Bis dahin verdient er sein Geld mit dem Verkauf der ,,Motz", dem Berliner Straßenmagazin, und von anderen Zeitungen. Mit der "Motz" verdient er bis zum Nachmittag gerade 20 Euro. Er freut sich über das verdiente Geld – betteln würde er nicht.
Dieses Jahr hat Artjom einige Monate Hartz IV bekommen. So konnte er sich eine kurze Zeit lang eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Yorckstraße leisten. Allerdings gab es Uneinigkeiten mit dem Vermieter und nun übernachtet er in einem Zelt zusammen mit anderen Obdachlosen. Überraschenderweise macht er sich keine Sorgen wegen des nahen Winters, denn er sei "abgehärtet", wie er sagt. Wie viele andere Obdachlose kommt er täglich in die "Bahnhofsmission am Zoo", um etwas zu essen und zu trinken.
Genaue Zahlen zur Obdachlosigkeit gibt es nicht. Doch auch wenn eine offizielle Statistik fehlt, hat man das Problem in Berlin ständig vor Augen: Man sieht die Obdachlosen auf U-Bahn-Fahrten, auf abseits liegenden Bänken und in Parks.
Artjom wünscht sich nicht nur Arbeit, sondern auch eine Wohnung, wo er sich mal ausruhen kann. Nach Estland will er nicht zurück, denn aufgegeben hat er noch lange nicht. So antwortet er auf die Frage, ob er oft verzweifelt ist, sich mit seiner Situation angefreundet hat oder für eine bessere Zukunft kämpft, kurz und knapp mit: ,,Der letzte Satz ist meine Antwort. Ich werde für eine bessere Zukunft kämpfen."
Man kann Artjom und anderen Obdachlosen immer wieder helfen. Geld spenden, ihnen eine Zeitung abkaufen, Kleidung und Decken an Hilfsorganisationen abgeben sind nur einige von vielen Optionen. JooHee Kim
20000 Menschen ohne Zuhause
Rund 20000 Menschen in Deutschland sind nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) obdachlos: Sie leben dauerhaft auf der Straße. Die meisten von ihnen sind Männer (64 Prozent); Frauen (25) und Kinder (11) sind laut BAGW in der Minderheit. Für Obdachlosigkeit gibt es viele Gründe. Mietschulden, Zwangsräumung, Arbeitslosigkeit, Drogensucht, Scheidung, Tod des Lebensgefährten oder Depressionen können dazu führen, dass jemand auf der Straße landet. Bei Kindern und Teenagern sind die Ursachen oft Geldmangel in der Familie, Flucht vor Gewalt oder Missbrauch, ständiger Streit mit anderen Familienmitgliedern.
Der Winter ist für Menschen ohne festen Wohnsitz besonders hart: Immer wieder berichten die Medien von Obdachlosen, die erfroren sind. Weil sie nicht das Geld hatten, um sich warme Kleidung und Schlafsäcke kaufen zu können.
Eigentlich haben Gemeinden und Städte die Pflicht, Obdachlose unterzubringen. Wenigstens für die Nacht. Viele Wohnsitzlose scheuen sich aber aus unterschiedlichen Gründen davor, in die Unterkünfte oder Suppenküchen zu gehen.
Es gibt viele Organisationen, die sich vor allem im Winter darum bemühen, Obdachlosen zu helfen. Eine davon ist der Kältebus der Berliner Stadtmission, der von November bis März durch Berlin fährt und Nichtsesshafte in eine Unterkunft bringt. Wer nicht einsteigen will, kann sich mit warmem Tee oder einem Schlafsack notdürftig versorgen lassen.
Es gibt etliche Notunterkünfte in Berlin, doch ist die Zahl nach Darstellung von Hilfswerken deutlich zu niedrig. Allein das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz meldet ein Defizit von 79 Betten. Das entspricht etwa 11000 fehlenden Übernachtungen im gesamten Winter. Die Gefahr, dass sich die Zahl der Kältetoten erhöht, steigt damit erheblich!
Fazit: In Deutschland gibt es zu viele Obdachlose, die meisten leben in Berlin. Wir finden, das sollte sich ändern! Deshalb fordern wir Euch auf mitzuhelfen.
Viele Organisationen unterstützen Obdachlose, darunter die Diakonie, Caritas, Berliner Tafel, Deutsches Rotes Kreuz. Auch kleine Spenden können helfen, Leben zu retten!
Und wenn Ihr Lebensmittel habt, die Ihr nach zwei Tagen wegwerfen wollt, bringt sie zur Berliner Tafel oder in Suppenküchen. Auch in Eurem Bezirk gibt es bestimmt Notunterkünfte. Fragt dort nach, ob sie nicht etwas gebrauchen könnten! Lea Weigt & Daniel Waldeck
JooHee Kim, Kl. 8DN1, Berlin International School, Dahlem; Lea Weigt & Daniel Waldek, Kl. 8c, Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium, Lichtenberg
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