Religion
Das schwierige Verhältnis zwischen Glauben und Naturwissenschaft
Lassen sich Naturwissenschaften und Glauben miteinander verbinden? Oder gibt es einen Konflikt zwischen beiden? Darüber gibt es immer wieder heftige Diskussionen. Wir haben zum Thema zwei Experten befragt, die aus verschiedenen Lagern kommen: den Berliner Geologen Prof. Reinhold Leinfelder sowie Pater Tobias Zimmermann SJ, den Rektor des Canisius-Kollegs Berlin.
Von Kilian Eissenhauer, Pascal Klose und Benjamin Langner, Kl. 7b, Canisius-Kolleg, Tiergarten
"Wenn die Naturgesetze göttlich sind und die Spielregeln einmal aufgestellt wurden, damit die Welt sich so entwickeln kann, wie sie sich entwickelt hat, dann wäre es ja nicht perfekt, wenn man immer wieder nachjustieren müsste," sagt Prof. Leinfelder. Erstaunlicherweise ist Pater Zimmermann als Theologe ähnlicher Meinung: "Ich glaube, wenn man irgendwo in der Schöpfung einen Punkt sucht, den man nicht erklären kann und dann sagt, da muss Gott gehandelt haben, dann macht man einen Fehler." Es gibt allerdings einige Menschen, die genau das machen. Heute nennt man diese Leute Kreationisten, also Menschen, die der Meinung sind, dass die wörtliche Auslegung der Heiligen Schriften, insbesondere das 1. Buch Mose, die tatsächliche Entstehung von Leben und Universum beschreiben. Sie glauben, alles wäre Gottes Schaffenswerk, naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle haben in ihrer Welt keinen Platz.
Genau so ein Kreationist war zunächst auch Charles Darwin (1809-1862), der dann jedoch die Evolutionstheorie aufstellte. Er fuhr auf Expeditionen, um naturwissenschaftlich nachzuweisen, dass alles von Gott geschaffen ist. Durch seine Forschungen musste Darwin allerdings einsehen, dass seine frühere Ansicht nicht korrekt war und stellte am Ende sogar die Theorie des Gegenteils auf. Beide Interviewpartner, sowohl Prof. Leinfelder als auch Pater Zimmermann sind derselben Meinung, dass Glaube etwas anderes ist als Naturwissenschaft. "Wir Menschen sind natürlich Tiere, ich kann auch sagen, wir sind chemische Molekülcocktails oder ich kann sagen, wir bestehen zu 65 Prozent aus Wasser, das ist alles richtig, aber das ist nicht alles, was uns ausmacht (…). Für alle Eltern darf ein Kind auch ein kleines Wunder sein", so Prof. Leinfelder. Naturwissenschaftler gehen davon aus, dass es keine Wunder gibt, sondern alles erklärbar ist. Der Geologe erzählt einen Bildwitz, der folgendermaßen geht: Ein Naturwissenschaftsstudent steht an der Tafel und rechnet: Die Rechnung, mit vielen Formeln kompliziert belegt, steht auf der linken Seite; rechts sieht man das Ergebnis, auch umständlich belegt, und in der Mitte der Tafel schreibt er groß "WUNDER". - "Bei Schritt Zwei müssten Sie aber noch etwas konkreter werden", sagt daraufhin der Professor zum Studenten.
Die Naturwissenschaften können uns Dinge beschreiben und erklären, wie die Natur funktioniert, aber ob alles Dasein darüber hinaus noch einen höheren Sinn hat, kann uns nur unser eigener Glaube beantworten. Beiden Interviewten stellten wir auch die Frage, wo in der Evolution noch Lücken seien, die man nur mit Gott erklären könnte. Wieder antworteten beide ähnlich. Pater Zimmermann sagte: "Dass es noch Lücken gibt, heißt nur, dass wir noch nicht alles wissen (…) und Gott darf kein Lückenbüßer sein, der immer dann eingesetzt wird, wenn wir nicht weiter wissen." Prof. Leinfelder führte aus, dass die Forscher sicher noch viel Neues herausfinden würden, auch ohne Gott einsetzen zu müssen, denn wenn man in den Naturwissenschaften noch etwas anderes bräuchte, um die Natur zu erklären, wären es keine Naturwissenschaften mehr.
Auch auf die Frage, ob Jesus wie in der Bibel tatsächlich heilen konnte, ohne Medizin einzusetzen, antworteten beide gleich: Auf jeden Fall! Es gäbe so etwas wie heilende Anwesenheit, das sei mit dem Placebo-Effekt vergleichbar. Ausreichender Wille, Freude und Ermutigung könnten Menschen manchmal heilen.
Andere biblische Stellen, die ebenfalls unwahrscheinlich scheinen, dürfen manchmal einfach nicht nur wörtlich genommen werden. Ein Beispiel wäre die Bibelstelle, in der Jesus übers Wasser läuft. Da ginge es erst einmal um die Aussage, dass Jesus ein Mensch ist, der durch seine Vertrautheit mit dem Vater Dinge kann, die andere nicht können, meint Pater Zimmermann. "Die Leute vor 2000 Jahren haben das sofort kapiert. Wenn die hörten, da ist jemand, von dem erzählt wird, eine Jungfrau habe ihn geboren, dann wussten sie sofort, der Erzähler will mir sagen: Das ist Gottes Sohn. Wenn wir heute sagen: ,Das ist ein cooler Hund' und würden das jemandem sagen, der vor 2000 Jahren gelebt hat, würde der uns anschauen und sagen: ,Wieso, der ist doch gar kein Hund'. Und dann könnten wir eine naturwissenschaftliche Debatte darüber führen, ob derjenige jetzt ein Hund ist oder nicht."
Naturwissenschaftler wie Prof. Leinfelder und Theologen wie Pater Zimmermann zeigen durch ihr jeweils offenes Ohr für die jeweils andere Disziplin, wie bereichernd und auch erkenntniserweiternd solche Gespräche über Fachgrenzen hinaus sein können.
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