Schüler & Medien

Vom Druck, immer schön zu sein

Die Inszenierung perfekter Körper in Beauty-Zeitschriften, in Werbung und Filmen ist schlecht für das Selbstbewusstsein. Vor allem für das von Jugendlichen. Harriet Schulz, 17, schreibt in der Morgenpost Klartext.

Foto: Frank Lehmann

Es ist Montagmorgen, kurz vor acht Uhr. Ich sitze in der U-Bahn, bin auf dem Weg zur Schule und beobachte die Männer und Frauen, die müde ihrem Ziel entgegenfahren. Und da, auf einmal, entdecke ich unerwartet und voller Grauen . . . eine Frau, die ein Beauty-Magazin liest. "Bitte, nicht schon wieder", denke ich und rolle genervt mit den Augen.

Okay, das klingt vielleicht ein bisschen übertrieben. Also ist es an der Zeit, dass ich mich kurz vorstelle. Ich bin eine 17-jährige, halbwegs normale Schülerin, die findet, dass das Leben eigentlich ganz spaßig sein kann. Was ich damit sagen will, ist: Der Artikel, den Ihr hier lest und der sich mit der Darstellung der beiden Geschlechter in den Medien beschäftigt, ist nicht aus Verbitterung geschrieben worden. Er ist entstanden, weil ich denke, dass es an der Zeit ist, dass sich alle, vor allem Jugendliche, mit diesem Thema auseinandersetzen.

Ich wollte wissen, wie andere Jugendlich meines Alters zu diesem Thema stehen und stellte bei einer kleinen Umfrage in meiner Schule fest, dass sich viele damit beschäftigen. Sieben von zehn Jugendlichen, darunter Jungen und Mädchen, empfinden die Darstellung der Frau in den Medien – in Lifestyle- und Beauty-Magazinen sowie in der Werbung – als unangemessen. Die Mädchen fühlen sich durch das makellose Aussehen der Frauen unter Druck gesetzt, sie berichten, dass ihr Selbstbewusstsein sinkt. Besonders für sehr junge Mädchen sei dies ein Problem. Außerdem finden sie diese Art der Darstellung unrealistisch. Frauen, die perfekt sind, vom Aussehen bis zum Charakter, gibt es nicht, argumentierten die befragten Schülerinnen. Dies würde falsche Erwartungen wecken.

Geschlechter-Klischees

Die befragten Jungs konnten sich dem anschließen. Sie konnten sich auch gut in die Lage der Mädchen hineinversetzen, die sich durch perfekt in Szene gesetzte Frauenkörper unter Druck fühlen. Noch deutlicher fielen die Antworten auf die Fragen zur Darstellung von Männern aus. Zehn von zehn Jugendlichen (wieder beide Geschlechter) waren der Ansicht, dass die Darstellung des Mannes nicht angemessen ist. Auch die Jungs sprachen vom Druck, perfekt auszusehen, den sie beim Betrachten solcher inszenierten Bilder und Filme fühlen. Die Mädchen ergänzten, dass das 'Machoverhalten' der Männer in den Medien sie stören würde. Dies würde sich im negativen Sinne auf das Verhalten von Männern und Jungen auswirken. Dazu gehöre auch respektloses Verhalten gegenüber Frauen.

Eine besonders interessante Aussage während dieser Umfrage war die eines Jungens, der meinte: "Beide Geschlechter werden in den Medien sehr klischeehaft dargestellt."

Die letzten Monate waren aus meiner Sicht – als junge Frau – besonders negativ, was das Bild meines Geschlechts in den Medien angeht. Zwar gab es eine Reihe von starken weiblichen Hauptrollen in Filmen (zum Beispiel "Gravity"), auch war viel zu hören von weiblichen Vorbildern wie der mutigen jungen Kinderrechtsaktivistin Malala aus Pakistan. Doch in meinen Augen gab es deutlich mehr entmutigende Beispiele. Ich denke etwa an die jungen Frauen, die zum Video des Songs "Blurred Lines" halbnackt herumstolzierten oder Miley Cyrus, die mit einem Hammer rummacht. Gottseidank kann ich mich in meinem Alter von solchen "Vorbildern" schon gut abgrenzen, da ich weiß, dass ich mich nicht so verhalten will. Doch wie muss sich eine 11-Jährige fühlen, die noch nicht weiß, was sie tun soll, um ihren Freundinnen und wohlmöglich auch ihren Freunden zu gefallen? Die noch nicht weiß, wer sie ist? Jugendliche in dem Alter, und dies gilt auch für Jungs, suchen Halt und jemanden, zu dem sie aufschauen können. Jetzt haben wir Tausende 11-Jährige, deren größtes Vorbild die Sängerin Nicki Minaj ist. Die versuchen, wie diese möglichst auffällig mit dem Po zu wackeln.

Videos ohne sexuelle Inhalte gibt es kaum noch

Nicht nur auf junge Mädchen haben solche Darstellungen von Frauen einen schlechten Einfluss. Jungs, und auch Männer, sind davon betroffen, wenn sie diese Darstellung und respektloses Verhalten gegenüber Frauen für normal halten. Hiermit meine ich keinesfalls alle Jungs und Männer. Meine männlichen Freunde beweisen mir gegenüber Respekt, und ich denke nicht, dass sich irgendein Mädchen in meinem Bekanntenkreis belästigt fühlt. Trotzdem ist es schockierend, wie lässig über Themen wie Vergewaltigung Witze gemacht werden oder gar ganze Lieder (man lese sich nur den "Blurred Lines"-Text durch).

Mir geht es hier gar nicht um das Statement, dass Frauen unterdrückt und ausgenutzt werden. Sondern darum, dass es fast keine Werbung und kein Musikvideo mehr gibt, in denen ein Mann oder eine Frau nicht in ausschließlich sexuellen Weise dargestellt werden. Diese Ungerechtigkeiten betreffen beide Geschlechter. Auch viel zu viele Kinofilme funktionieren nach solchen Mustern.

Hier noch ein weiteres Beispiel: Die Marke Abercrombie & Fitch ist bekannt dafür, mit durchtrainierten Oberkörpern junger Männer auf ihren Taschen zu werben. Niemand beschwert sich, ganz im Gegenteil. Für zahlreiche pubertierende Mädchen (oder auch ältere Frauen) ist dies auch ein Grund, um hier einzukaufen. Doch was wäre, wenn statt nackter männlicher Oberkörper nackte weibliche Oberkörper auf den Taschen abgedruckt wären? Alle würden durchdrehen, vor allem die oben genannte Gruppe von Mädchen und Frauen. Ist das fair?

Meiner Meinung nach: "nein". In diesem Artikel will ich mich weder gegen Männer noch gegen Frauen wenden, sondern gegen eine Gesellschaft, die uns in bestimmte Rollen drängen will. Durchtrainiert und hübsch sollen wir sein (und was ist überhaupt hübsch?). Frauen sollen sich für ihr Geschlecht einsetzen und gleichzeitig Jungs und Männer mit immer kürzer werdenden Röcken beeindrucken. Und der Mann soll Emotionen zeigen, ruhig mal weinen und seiner Freundin sagen, wie sehr er sie liebt. Gleichzeitig muss er stark und unverletzbar, kurz ein 'Macho' sein. Das Beste aber ist, dass wir, bei all diesen Dingen, vor allem stolz auf uns sein sollen. Häh? Wie bitte soll ich stolz sein, wenn ich meinen Körper jeden Tag mit dem eines Models vergleiche? Wie kann ich stolz sein, wenn ich mental vielleicht nicht stark bin und mich nicht gegen dieses 'Macho'-Getue durchsetzen kann? Wie – kann mir das mal jemand erklären – kann ich stolz sein, wenn ich nicht die Person bin, die die Gesellschaft und meine Umgebung gerne hätte?

Mehr Selbstvertrauen haben

Ich glaube, jeder muss diese Frage für sich selbst beantworten. Ehrlich gesagt, will ich auch nicht, dass jeder Leser sich jetzt fragt, ob er oder sie nicht Produkt äußerer Einflüsse ist, denn selbst, wenn es weh tut, sich das einzugestehen, wir sind es alle. Wer immer glücklich mit sich selbst ist, soll es natürlich auch bleiben. Wer es aber nicht ist, der kann vielleicht aus diesem Artikel ein bisschen Selbstvertrauen schöpfen, um zu sagen: "So bin ich! Wenn Ihr ein Problem damit habt, müsst Ihr Euch damit abfinden".

Bis dahin werde ich weiter U-Bahn fahren und beobachten, wie die Menschen Beauty-Zeitschriften lesen und verkrampft probieren, sich nach ihren Idealen (oder eher denen der Gesellschaft) zu richten. Ich werde diesem Beispiel bewusst nicht folgen. Dazu bin ich zu stur. Und falls sich jetzt jemand fragt, warum ich keine Beauty-Magazine lese: Ich lese lieber die Nachrichten der Tageszeitung!

Harriet Schulz, Klasse Med 11/15, Albert-Einstein-Fachoberschule, Charlottenburg

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