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Ausbildung - Interview

"Schulen sollten mehr über Berufswelt informieren"

Welche Stärken und Schwächen hast Du? Bevor man sich für einen Ausbildungsberuf entscheidet, sollte man darüber Bescheid wissen. Was man auf der Suche nach einem passenden Beruf und einem Ausbildungsplatz alles bedenken muss, verrät Jürgen Bielert, Geschäftsführer operativ der Agentur für Arbeit Berlin-Süd, im Interview:

Girls Day auf dem Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel
Foto: action press/BÜH, FLORIAN
So wie diese Mädels beim Girls' Day sollte man schon früh in die Berufswelt reinschnuppern: Das empfehlen Experten von der Agentur für Arbeit.

Ebru: Welche Qualifikationen sollten Ausbildungsplatz-Suchende mitbringen, um Erfolg zu haben?

Jürgen Bielert: Die Kernbotschaft ist die Motivation. Denn wenn man motiviert ist, hat man sein Ziel vor Augen und ist von sich überzeugt. Die Zeugnisnoten spielen natürlich auch eine Rolle. Denn wenn man zum Beispiel in Deutsch eine fünf hat und sich eine Ausbildung aussucht, in der man sehr gute Deutschkenntnisse braucht, sind die Einstellungschancen sehr gering. Die Betriebe sagen aber, dass sie fehlende Fachkenntnisse einem Auszubildenden noch vermitteln können. Bestimmte Voraussetzungen sind jedoch unbedingt erforderlich: z. B. Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft, guter Kundenumgang, Zuverlässigkeit, angemessene Kleidung und Teamfähigkeit. Wenn man sich bei einem Unternehmen bewerben will, muss man erst einmal eine Bewerbung schreiben, die auch überzeugend ist.

Was ist dabei wichtig?

Wenn der Arbeitgeber einen Bewerber zu einem Auswahlverfahren einlädt, gibt es als erstes ein Vorstellungsgespräch. Hierauf sollte sich der Bewerber gut vorbereiten und auf Fragen vernünftige Antworten geben. Er muss zum Beispiel etwas über das Unternehmen wissen und begründen können, warum er sich dort bewirbt.

Wie können die Schulen ihre Schulabgänger besser auf das spätere Arbeitsleben vorbereiten?

Die Schulen sollten das Thema Berufswahl und Anforderungen im Beruf stärker in ihre Lehrpläne mit aufnehmen. Außerdem könnten die Schulen mit anderen Akteuren bzw. Unternehmen zusammenarbeiten, damit Schüler sich langsam in der Berufswelt orientieren. Jugendliche fragen sich zum Beispiel, was die Berufswelt von ihnen erwartet. Wir finden, dass sich Schulen mit dem Thema Berufswahl und Anforderungen der Berufswelt schon in der achten Klasse befassen sollten. Denn dann ist es noch nicht zu spät und man kann sich in wichtigen Fächern verbessern. Das Thema in der zehnten Klasse einzuführen, ist viel zu spät. Denn dann sucht man schon einen Ausbildungsplatz. Die Schüler haben dann keine Zeit mehr, sich auf das Thema vorzubereiten. Ein ganz wichtiger Punkt ist aber auch die Unterstützung der Eltern. Sie können ihren Kindern die Berufswelt näherbringen, indem sie ihnen erklären, welche Anforderungen es im Beruf gibt.

Was kann die Politik tun, um Anreize für die Arbeitgeber zwecks Schaffung von mehr Ausbildungsplätzen zu geben?

Ich denke, die Arbeitgeber schaffen ihre Ausbildungsstellen schon alleine. Ein wichtiges Stichwort ist dabei „demografischer Wandel”. Wir erleben eine Alterung der Bevölkerung. Deshalb überlegen die Firmen, wo sie ihre zukünftigen Fachkräfte herbekommen können. Wenn Unternehmen strategisch denken, dann würden sie jetzt schon Ausbildungsplätze besetzen. Die Frage ist aber: Ist Politik in der Lage, die unterstützenden Leistungen im Bereich der Bildung zu bringen? Die Politik muss sich fragen, wo sie besser werden könnte und wen sie im Bereich der Bildung unterstützen sollte, z. B. bei der Vermittlung von deutschen Sprachkenntnissen.

Gab es zuletzt ein Überangebot an Ausbildungsplätzen oder war die Zahl der Bewerber größer als die der Plätze?

Ich würde nicht unbedingt von einem Überangebot sprechen, denn es ist wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise ein schwieriges Jahr gewesen. Diese darf man nicht wegdiskutieren, denn das Einstellen von Bewerbern kostet auch Geld. Die Unternehmen wissen auf der anderen Seite, dass Ausbildung wichtig ist. Sie fragen sich: Kann ich ausbilden? Wie kommen wir zukünftig an gute Fachkräfte? Im Verhältnis zu früheren Jahren gibt es inzwischen ein relativ gutes Angebot an Ausbildungsplätzen.

In welche Richtung geht der Trend? Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber oder mehr Bewerber alsAusbildungsplätze?

Schwierige Frage! Unternehmen haben ein hohes Interesse, zukünftige Fachkräfte zu bekommen und auch zu fördern. Jedoch bietet die Wirtschaft nur Ausbildungsplätze an, die sie auch besetzen kann. Deshalb wird es sich künftig wahrscheinlich in der Waage halten. Der Trend wird sicher dahin gehen, dass wir uns fragen werden, woher wir gute Auszubildende bekommen. Und nicht: ,Wo kriegen wir Ausbildungsstellen her?’

Hat sich der Trend bei der Berufswahl von Männern und Frauen verändert?

Das Thema wird uns noch lange begleiten. Ich denke, dass Frauen und Männer noch in ihren Rollen bleiben. Es gibt jedoch auch Frauen, die sich z. B. in Richtung Ingenieurwissenschaft orientieren. Und Männer, die z. B. in Richtung Pflege gehen. Aus diesem Grund kann man nichts anderes machen, als diese Männer und Frauen zu unterstützen. Unternehmen haben ein hohes Interesse, junge Frauen in andere Berufsfelder aufzunehmen, in denen sie auch gut bezahlt werden. Das heißt: Die ganze Welt steht Euch offen!

Was kann in Problembezirken, wie zum Beispiel Neukölln, getan werden, damit insbesondere Schulabgänger mit Migrationshintergrund auf dem Ausbildungsmarkt bessere Einstellungschancen haben?

Ich würde das nicht direkt auf ganz Neukölln beziehen, denn im Süden von Neukölln gibt es z. B. eine ganz andere Bevölkerungsstruktur als im Norden.Es ist gar kein Problem, wenn Schüler einen Migrationshintergrund haben, im Gegenteil: Viele Unternehmen haben ein hohes Interesse daran, junge Mitarbeiter mit Migrations-Hintergrund einzustellen, denn in international vernetzten Märkten ist es schick, wenn man eine zweite oder dritte Sprache beherrscht. Dieses kann man nur unterstützen! Den beruflichen Erfolg kann man sich unabhängig von der Herkunft erarbeiten. Jedoch muss man bestimmte, so genannte „Soft Skills“ beherrschen, wie zum Beispiel Motivation, Teamfähigkeit etc. Am wichtigsten aber ist die deutsche Sprache! Denn ohne Sprache läuft nichts. Man muss nicht nur in der Lage sein, Gespräche zu führen, sondern auch gut zu schreiben. Der Auszubildende sollte sich schließlich so verhalten, dass der Arbeitgeber sagt: “Er hat Lust, bei mir zu arbeiten.”

Hat sich beim Wissenstand der Bewerber in den letzten Jahren etwas verändert - oder sind die Erwartungen der Arbeitgeber zu hoch?

Ich denke nicht, dass die Erwartungen der Arbeitgeber zu hoch sind. Da sich die Berufswelt stark verändert, werden Anforderungen der Arbeitgeber komplexer, bzw. etwas schwieriger. Die Arbeitgeber machen das aber nur, damit man auf dem Markt erfolgreich sein kann. Es gibt hoch motivierte jugendliche Bewerber mit gutem Wissensstand und auch Jugendliche, die keine Lust haben, etwas zu machen. Die Frage ist aber: Was tut man selber dafür? Leistung sollte auf jeden Fall vorhanden sein!!!

Was bietet die Arbeitsagentur den Jugendlichen an, die keinen Ausbildungsplatz finden?

Wir haben Berufsberater, die in die Schulen gehen, damit sie die Jugendlichen früher erreichen. Wir unterstützen die Jugendlichen beim Finden eines Ausbildungsplatzes, also bei derAusbildungsstellenvermittlung. Die Schüler sollten zum Beispiel wissen, was die Berufswelt von ihnen will. Wir geben ihnen daher Informationen zur Berufswahl. Berufsberatung kann hier bei uns, d.h. in den Agenturen für Arbeit, stattfinden. Ich empfehle jedem ausbildungswilligen Jugendlichen, die Kollegen der Berufsberatung aufzusuchen.Wenn es nun mit der Stellensuche nicht geklappt hat, dann gibt es noch die Nachvermittlungsaktion. Hier kann der Bewerber in die zweite Runde gehen und einen Ausbildungsplatz finden. Ein weiteres wichtiges Stichwort ist die “Einstiegsqualifizierung”. Im Zusammenspiel mit Arbeitgebern besteht die Möglichkeit, dass der Bewerber bei einem Unternehmen ein Praktikum macht. Das Ergebnis sollte so lauten, dass der Bewerber und das Unternehmen so viel Freude entwickeln, dass der Bewerber doch eine Ausbildungsstelle bekommt. Wenn Ausbildungsreife noch nicht vorhanden ist, können wir mit Angeboten zur Berufsvorbereitung helfen.

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