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28.12.09

Berlin

Polnische Kinder haben eine eigene Schule

Ein ganz normaler Mittwochabend. Passanten gehen an der Robert-Jungk-Oberschule in Wilmersdorf vorbei. Sie wollen nach dem anstrengenden Tag einfach nur noch nach Hause. Doch dem einen oder anderen fällt vielleicht das Licht in den Klassenzimmern auf. Aber die wenigsten kommen auf den Gedanken, hier würde jetzt Unterricht stattfinden, denn selbst für eine Ganztagesschule wäre es keine übliche Zeit. Dennoch ist es wahr. 12 Schulklassen haben hier gerade Unterricht.

Für viele mag dies merkwürdig klingen, doch die Erklärung ist simpel: Dies ist eine freiwillige Schule für Kinder polnischer Abstammung, die sich zeitweise in Berlin aufhalten. Deren Eltern sind Diplomaten, Geschäftsleute, Kulturschaffende, Gastdozenten und andere, die nach einiger Zeit Deutschland wieder verlassen werden. Diese Möglichkeit wird aber auch von den ständig in Berlin lebenden Polen in Anspruch genommen.

Wenn die Kinder sich mittwochs und donnerstags treffen, haben sie schon einen anstrengenden Unterrichtstag in einer "normalen " deutschen Schule hinter sich. Sie kommen aus ganz Berlin. Manche fahren länger als eine Stunde hierher. Die meisten kommen direkt von der deutschen Schule und essen nur schnell eine Kleinigkeit unterwegs. Der Unterricht geht bis 20 Uhr, nach Hause kommen sie also sehr spät. Trotzdem sind sie gern hier. Sie sehen die Vorteile und zum Teil die Notwendigkeit dieses Ergänzungsunterrichts. Aber auch die soziale Komponente wird betont. "Hier kann ich in den Pausen neue Kontakte knüpfen und mich mit meinen Freunden auf Polnisch austauschen", meint Camilla. Eine andere Schülerin ergänzt: "Es ist schon schwierig, man ist doppelt belastet, aber es macht auch Spaß!" Ihr gefallen auch die vielen Festveranstaltungen aus verschiedenen Anlässen.

Auch für die Eltern bedeutet das eine enorme Belastung, in der Regel müssen die Kinder nämlich von der Schule abgeholt werden. Darauf sprach ich einige an. Alle sind sich einig, sie würden viele Entbehrungen in Kauf nehmen, um den Kindern diese Art von Unterricht zu ermöglichen. "Wir sind Polen", sagt Simon K *, "es ist für mich selbstverständlich, dass meine Kinder in die polnische Schule gehen."

Was lernen die Kinder und Jugendliche hier? Es gibt vier Fächer: Polnisch, Mathematik, Geschichte und Geografie (bzw. Gesellschaftskunde in den höheren Klassenstufen). Auf freiwilliger Basis wird katholische Religion gegeben. Am Ende eines Schuljahres bekommt man ein Zeugnis, das einem aus Polen gleichgestellt ist. Damit soll vor allem für die Polen-Rückkehrer ein "glatter" Übergang gewährleistet werden. Daher sind die national spezifischen Fächer vertreten. Warum aber Mathematik? Der Grund liegt hier in der Tatsache, dass in diesem Fach in Polen umfangreicher unterrichtet wird und der Stoff früher als hierzulande dran ist. Dieser gewisse Vorsprung kommt den Schülern wiederum in der deutschen Schule zugute.

Es ist für die Schüler eine sehr interessante und lehrreiche Erfahrung, bestimmte Aspekte aus verschiedenen Blickwinkeln kennenzulernen. Dies trifft zum Beispiel auf die Geschichte Polens und die der Deutschen zu, die eng miteinander verzahnt ist. Ist es nicht interessant, zu erfahren, warum der deutsche Kaiser Otto III im Jubeljahr 1000 nicht nach Rom, sondern nach Gniezno zu seinem "Amtskollegen" Boleslaus dem Tapferen gepilgert ist? Oder regt die Tatsache, dass man in einer der Schulen lernt, Kopernikus sei ein Deutscher, in der anderen dagegen, er sei Pole gewesen, nicht zwangsweise zum Nachdenken und Forschen an? Eine Lehrerin sieht die Vorteile des Besuchs der Polenschule so: " Die Kinder sollen die polnische Schule besuchen, um die polnische Kultur, Tradition und Geschichte sowie die Sprache des Landes, aus dem sie oder ihre Eltern kommen, besser kennenzulernen."

Goethe prägte den Spruch: "Wie viele Sprachen du sprichst, sooftmal bist du Mensch." Dabei meinte er bestimmt etwas mehr als "nur" den Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen. Meiner Meinung nach erfüllt die Botschaftsschule in Berlin eine wichtige Rolle. Gerade in der Zeit der Globalisierung steuert sie der kulturellen Entwurzelung entgegen. Daher möchte ich der Schule wünschen, dass sie Ihren Auftrag gut und noch lange erfüllen kann - und dass die Sparmaßnahmen im polnischen Kulturministerium sie nicht treffen werden.

*Name geändert

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