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Buchtipp

Seyran Ates: „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution"

Leben in Deutschland: Ein freies und auch sexuell selbstbestimmtes Leben zu führen, das ist hier möglich. Das war jedoch nicht immer so. Es ist auch eine Folge der der 1968-er Revolution, mit der sich die Jugendlichen damals gegen die strengen Sittenregeln der Nachkriegszeit auflehnten und für ein freiheitliches Leben auf die Straße gingen, können wir heute wie selbstverständlich eigenständige Entscheidungen treffen, wie wir leben wollen. Dieser Veränderung sollte sich nach Meinung von Seyran Ates, Juristin türkisch-kurdischer Herkunft, auch die muslimische Gesellschaft stellen.

Literaturdienst -  Seyran Ates
Foto: dpa/DPA
Mutig: Die Juristin und Frauenrechtlerin Seyran Ates kämpft für das Recht (junger) Muslime, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben. Und zwar in jeder Hinsicht.

Die Frauenrechtlerin kennt sich bestens damit aus, wie die Frauen in ihrer Religion und Gesellschaft unterdrückt werden. In ihrem gerade erschienenen Buch „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ beschreibt sie die Ungleichbehandlung von Mann und Frau in der muslimischen Gesellschaft anhand konkreter Beispiele. So etwa wird die Scheide des Mädchens zumeist mit Schande und Scham in Verbindung gebracht, während die Genitalien der Jungen bei Beschneidungszeremonien nahezu angebetet werden. Vorehelicher Sex ist laut Koran eine Sünde und von daher verboten. Verliert ein Mädchen seine Jungfräulichkeit vor der Ehe, beschmutzt es die Ehre der Familie. Selbst bei Sex innerhalb der Ehe gibt es Regeln, die zu beachten sind, damit der Akt nicht unrein ist.

Dabei geht es Seyran Ates keineswegs darum, vorehelichen Sex zu propagieren, sondern auf die Notwendigkeit sexueller Selbstbestimmung und die damit verbundene Gleichbehandlung zwischen Männern und Frauen hinzuweisen. Denn die sexuelle Unterdrückung sei nicht gesund für eine Gesellschaft. Sie könne zu Depressionen, Impotenz, Pädophilie und ganz allgemein zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft führen. So plädiert Seyran Ates mutig für eine tolerantere Gesellschaft, in der man sich ohne Angst zu seiner sexuellen Identität bekennen, den Partner frei wählen kann. Für eine Gesellschaft, in der Homosexualität akzeptiert wird, Ehrenmorde der Vergangenheit angehören und der Wahn um das Jungfernhäutchen ein Ende findet. Kurz gesagt: Der Mensch müsse das Recht auf seine eigene sexuelle Bestimmung haben. Man müsse frei leben und lieben können, ohne in Lebensgefahr zu geraten!

Dass solche Meinungsäußerungen nicht ohne Widerspruch und Widerstand seitens der muslimischen Gesellschaft hingenommen werden, musste die Autorin am eigenen Leib erfahren. Schon in früheren Jahren wurde sie für ihre mutige Haltung mit dem Tode bedroht und gefährlich verletzt. So erhielt sie auch umgehend mit dem Erscheinen ihres neuen Buches Morddrohungen und hat sich vorläufig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

In ihrem Buch greift sie vielfach auf Bespiele aus ihrem Leben zurück. Dies tut sie in einer beeindruckenden Klarheit. Sie zeigt, dass es vor allem für junge Muslime in Deutschland, die mit beiden „Welten“ konfrontiert werden, häufig zu Identitätskonflikten komme, da sie im inneren Konflikt stehen und nicht wissen, was denn jetzt das ,,richtige Verhalten und Denken“ sei. Aus der eigenen Erfahrung heraus beschreibt sie, wie unglücklich sie mit dieser Situation war und die Spannungen nicht mehr aushielt, bis sie keinen anderen Ausweg mehr sah und von zu Hause weglief. Das ist jedoch ein Einzelfall. Viele Muslime führen ein Doppelleben, aus Angst, für die eigene Meinung bestraft zu werden.

Seyran Ates ist eine der wenigen Frauen, die sich so aktiv und mutig für eine Veränderung in der muslimischen Gesellschaft einsetzen. Für viele junge Mädchen und Frauen stellt sie ein Vorbild dar. Ich hoffe, dass es mehr Frauen und Mädchen geben wird, die die Stärke finden, sich zu ihrer eigenen Person und ihrem eigenen Weg zu bekennen. Ich denke, dass es auch in der islamischen Gesellschaft zu einer „Revolution“ kommen wird. Bis es jedoch soweit ist, wird noch viel Zeit vergehen.



Erschienen am 11.11.2009

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