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Chancengleichheit

"Legastheniker sind nicht dumm"

In der Vorschule war für mich die Welt noch in Ordnung. Die Vorschullehrerin sagte immer, ich sei ein schlaues und gewieftes Kerlchen, es werde Zeit, dass ich in die Schule komme. Mit gerade sechs Jahren wurde ich eingeschult. In den ersten Wochen verlief noch alles gut. Die Mädchen konnten zwar besser sitzen und ruhig zuhören, aber letztendlich machte uns Kindern die Schule Freude.

Zu den Weihnachtsferien kam dann der große Frust. Die meisten konnten erste Wörter langsam, aber verständlich vorlesen und richtig schreiben. Ich hatte dabei ein großes Problem. Auch zum Ende der ersten Klasse konnte ich noch immer nicht lesen und schreiben. So geht es vielen Kindern, die Legasthenie haben. Für andere Schüler ist das alles nicht nachzuvollziehen - und deshalb haben wir Legastheniker es in unserem sozialen Umfeld schwer. Die Klassenkameraden glauben, wir seien dumm, seien schlechte Schüler.

Bei uns Legasthenikern vertauschen sich die Silben und Buchstaben. Wir schaffen es nicht, Buchstaben zu verständlichen Wörtern zusammenzusetzen. Wir lernen nur sehr langsam und spät lesen und im Schriftlichen hagelt es Fehler in unseren Texten. Die häufigste Frage, die ich mir gestellt habe, war: "Warum ich, warum?" Eine Lernschwäche wie Legasthenie verursacht Lustlosigkeit in Zusammenhang mit der Schule.

Damals schien es für mich, als ob nichts mehr helfen würde. In der dritten Klasse empfahl der Deutschlehrer meinen Eltern, mich auf eine Sonderschule zu schicken. Daraufhin besuchten meine Eltern mit mir die Charité. Wir wandten uns hilfesuchend an die Schulpsychologin und fingen eine Therapie an. Diesen Menschen will ich heute besonders danken, denn sie stärkten mein Selbstbewusstsein wieder. Ich bin nicht doof, ich habe eine Lernschwäche. Durch meine Krankheit wurde ich bis zur zehnten Klasse von der Rechtschreibnote befreit. Ich konnte mich endlich wieder auf die Schule und andere Fächer konzentrieren. Mathematik, Physik und Chemie wurden meine absoluten Stärken. Ich gehe wieder gerne zur Schule und habe Freude an vielen Fächern. Beim Schreiben hilft mir das Rechtschreibprogramm des Computers. Inzwischen kann ich die Frage "warum ich" beantworten, denn diese Krankheit ist vererbbar. Legasthenie wurde von meinem Großvater auf meinen Vater und schließlich auf mich vererbt. Jetzt, mit 14, habe ich begonnen, mein erstes Buch zu lesen. Es ist sehr spannend. Ich gehöre zu den Kindern, die dank der großen Unterstützung meiner Eltern auf ein Gymnasium gehen, weil sie nie aufgegeben haben, an mich zu glauben. Ich will alle Legastheniker und die betroffenen Eltern ermutigen, für ihren Wechsel in eine weiterführende Schule zu kämpfen. Wir Legastheniker haben große Vorbilder wie Albert Einstein, Thomas Edison, Leonardo da Vinci und den Schriftsteller Hans Ch. Andersen. Sie alle waren Legastheniker - und wer traut sich jetzt noch zu sagen, Legastheniker würden auf die Sonderschule gehören?

Noch stehen wir Legastheniker in Berlin und Brandenburg vor dem Problem, dass wir nur bis zur 10. Klasse von der Rechtschreibnote befreit sind. Das ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. In Bayern etwa gibt es bereits ein Gymnasium speziell für Legastheniker. Somit herrscht in Deutschland keine Chancengleichheit für Legastheniker-Kinder. Deshalb will ich heute alle Betroffenen auffordern: Stürmt die Gymnasien, wir haben eine Menge im Hirn! Lasst uns gemeinsam für die Befreiung von der Rechtschreibnote bis zum Abi kämpfen....

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