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02.02.09

Berlinale

Generation mit Staraufgebot - auch Rupert Grint

Kinder sind Überlebenskünstler. Und häufig Weltenreparierer. Diesen Schluss legen die Filme der Berlinale-Sektion Generation nahe, die auch in diesem Jahr zu einer aufregenden, oft aufwühlenden Entdeckungsreise einladen. "Der Blick in die Welt, der Fokus auf Themen, die junge Leute bewegen", ist für die neue Sektions-Leiterin Maryanne Redpath Programm.

Stars sind reichlich zu sehen in der Sektion, die in zwei Wettbewerbe gesplittet ist – Kplus für die jüngsten Cineasten und 14plus für Teenager. Mit relevanten Filmen, die harte Themen wie Kinderarbeit oder Selbstmord nicht ausklammern, will man aber auch andere Generationen jenseits der Zielgruppe ins Festivalkino holen.

Kplus eröffnet mit "Lippels Traum"

13 Langfilme konkurrieren im Wettbewerb Kplus um einen gläsernen Bären. Der Spagat zwischen Glamour auf dem roten Teppich sowie künstlerischem und politischem Anspruch ist geglückt: Für den Glamour steht der Eröffnungsfilm "Lippels Traum" nach dem Bestseller von Paul Maar und mit viel deutscher Schauspielprominenz von Moritz Bleibtreu, Christiane Paul bis Uwe Ochsenknecht. Der familientaugliche Film (ab 6) erzählt von den Ängsten des Jungen Lippel und seinem Aufmucken gegen Bevormundung. Lars Büchels Buchadaption switcht gekonnt zwischen realen und orientalischen Traumwelten hin und her.

Ebenfalls für kleinere Kinder geeignet ist der liebevoll gemachte Zeichentrickfilm "Mama Muh und die Krähe", der von einer unmöglichen Freundschaft erzählt.

Die härtere Seite der Generation markiert beispielsweise der mexikanische Beitrag "Die Erben", der erste Dokumentarfilm bei Kplus überhaupt: Er vermittelt ein schonungsloses Bild vom Leben mexikanischer Kinderarbeiter auf dem Land (ab 11 J.).

In die Türkei führt der dokumentarisch anmutende Spielfilm "Mommo", in dessen Zentrum die Kinder Ahmet und Ayse stehen. Vom Vater verlassen, versuchen die beiden, ein bisschen Familiengefüge aufrecht zu erhalten. Letztlich kann der große Bruder nicht verhindern, dass die kleine Schwester an eine andere Familie verkauft wird. Ist der Film - wie empfohlen - ab zehn Jahren zumutbar? Solche Diskussionen gehören zu dieser Sektion, doch die Bären-Entscheidungen der letzten Kinderjurys lassen vermuten: Kinder zu unterschätzen, ist immer ein Fehler.

Das traurige Thema Zwangsheirat greift die französisch-iranisch-libanesische Produktion "Niloofar" auf. Ein zu Herzen gehender Film mit tröstlicher Perspektive: Die 13-jährige Niloofar möchte Ärztin werden, doch ihr Vater verhökert die Tochter an einen Scheich. Listig weiß das Mädchen sich zu wehren. Regisseurin Sabine El Gemayel verzichtet auf Schwarz-Weiß-Malerei, entlarvt absurde Ehrbegriffe.

14plus: Vom Lebensgefühl in einer Multikultiwelt

Der Wettbewerb 14plus vereint 14 Langfilme. Deren jugendliche Protagonisten suchen in einer globalisierten Welt nach einer eigenen Identität - Familie und Traditionen bieten dabei längst keine verlässliche Stütze mehr.

Für einigen Glamour wird Rupert Grint sorgen, der rothaarige Ron-Darsteller der Harry-Potter-Filme. Tumultartige Szenen bei der Premiere seines Films "Cherrybomb", ähnlich denen im Vorjahr beim Auftreten des Bollywood-Stars Shah Rukh Khan, sind wahrscheinlich. Grint hat weltweit zahllose Fans – "Rupert’s Army".

Ähnlich wie sein Kollege Daniel Radcliffe versucht sich auch Grint nun an einem Imagewechsel für die Nach-Potter-Ära und schlägt sich dabei sehr achtbar. "Cherrybomb" ist ein rasant inszeniertes Teenagerdrama um zwei Freunde – Malachy (Grint) und Luke (Robert Sheehan) – die den Sommer ihres Lebens erleben wollen. Bis die attraktive Michelle in ihre Leben platzt: Wer kriegt das Mädchen zuerst? Drogen, Partys, wilde Autojagden, ein Leben auf der Überholspur – bis zum tragischen Ende.

Eine Vater-Sohn-Beziehung spielt in "Cherrybomb" eine Rolle, so wie in vielen 14plus-Filmen. Ein Beispiel: der atmosphärisch dichte Eröffnungsstreifen "Unmade Beds" von Alexis Dos Santos, in dem es Axl aus Madrid auf der Suche nach seinem unbekannten Vater ins hippe Londoner East End verschlägt. Dabei schläft er sich durch 20 Betten, torkelt merkwürdig verloren von Partyexzess zu Partyexzess. Der indiskrete Blick ins Londoner Lagerhaus verrät viel vom Lebensgefühl junger Erwachsener in einer Multikulti-Welt.

Das chinesische Roadmovie "Lala’s Gun" erzählt in ruhigem Tempo und poetischen Landschaftsbildern von der Reise eines jungen Mannes, der seinen Vater nur aus Beschreibungen seiner Oma kennt: Für seine traditionelle Erwachsenenzeremonie muss Lala ein Gewehr organisieren. Doch wie wird ein Junge ohne Vater zum Mann?

Ganz großes, verstörendes Kino bieten zwei amerikanische Filme, die multimediale Ebenen bespielen: "Afterschool" und "My Suicide" tauchen ein in die Welt (elitärer) Highschools und weisen zugleich weit darüber hinaus. Zeigen, wie schnell sich Risse in scheinbar heilen Welten und Familien auftun. Ungewöhnlich frech nähert sich David Lee Miller in seiner schwarzen Komödie "My Suicide" dem Thema Selbstmord – ohne dass der Film dabei je verflachen würde: Sein 17-jähriger Protagonist Archie kündigt für ein Video-Projekt seiner Schule den eigenen Selbstmord an - und wird plötzlich zum Star.

Aufwühlend und ästhetisch ungewöhnlich ist auch der Thriller "Afterschool" von Antonio Campos. Eher zufällig hält der Junge Robert darin den Drogen-Gift-Tod zweier Klassenkameradinnen auf Video fest. Robert (Ezra Miller) ist ein Junge mit verschlossenem Gesicht, der mit seiner Kamera im Hintergrund bleibt und sich voyeuristisch an andere heranzoomt. Und dabei nach und nach die Geheimnisse um den tragischen Tod der Mädchen enthüllt sowie die Verlogenheit im Umgang damit. Roberts Kamera konzentriert sich auf die verräterische Körpersprache seiner Umwelt. Seine Aufnahmen verraten aber auch viel über ihn selbst: über einen Jungen, der verwirrt ist vom Dauerbeschuss mit gewalttätigen Internet-Clips und emotional haltlos.

Von jugendlichen Lebenswelten in Berlin erzählt der kunstvoll gemachte, doch etwas lang geratene Dokumentarfilm "Teenage Response" von Eleni Ampelakiotou: Eindrucksvoll ist, wie genau die Regisseurin ihren 13 Protagonisten zuhört. Reflektiert, nahezu philosophisch sprechen die jungen Berliner über ihr Leben, über kaputte Familien und Gewalt, über Beziehungen und Zukunftsträume. Überraschende Effekte – der Hip-Hopper textet zu klassischer Musik – unterstreichen, um was es geht: Individualität zu entwickeln, sich selbst zu spüren.

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