Büffeln im Ausland

Schulzeit-Verkürzung erschwert Austauschjahr

Bislang fiel die Entscheidung in der zehnten Klasse: Danach packten viele Schüler ihre Koffer und gingen für ein Jahr ins Ausland. Doch in der elften Klasse beginnt jetzt in fast allen Bundesländern die Qualifikationsphase für das Abitur. Grund ist G8, die auf acht Jahre verkürzte Schulzeit im Gymnasium. Ist es da überhaupt noch möglich, ein Auslandsjahr einzuschieben? Im Prinzip ja, doch die Bedingungen haben sich geändert. Austauschbereite Schüler sollten den Zeitpunkt überdenken.

Foto: dpa-tmn / DPA

Bisher absolvierten viele Schüler das elfte Schuljahr im Ausland und ließen sich anschließend die Leistungen in Deutschland anerkennen. Sie konnten nach der Rückkehr direkt mit der zwölften Klasse anschließen. Das geht nun nicht mehr. Nach der G8-Regelung beginnt in der elften Klasse bereits die Qualifikationsphase. Die Noten aus der Elften und Zwölften müssen in das Abitur eingebracht werden. Eine Anerkennung von im Ausland erbrachten Leistungen wäre schwieriger und ist bisher nirgends in Deutschland möglich. Deshalb müssen Schüler, die nach der zehnten Klasse ins Ausland wollen, dieses Jahr als zusätzliches Schuljahr betrachten und die elfte Klasse in Deutschland absolvieren.

In den meisten Bundesländern gibt es aber nach wie vor einen Weg, sich die im Ausland erbrachten Leistungen anrechnen zu lassen. Wem das wichtig ist, der muss nach der neunten Klasse das zehnte Schuljahr im Ausland verbringen. Das entspricht bei der G8-Regelung der Einführungsphase, die beim Abitur nach 13 Schuljahren in der elften Klasse lag. "Oft war das Überspringen der Einführungsphase für viele Schüler kein Problem", erklärt Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband in Bonn.

Der Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen (AJA) in Berlin hat auf seiner Internetseite eine Übersicht erstellt, die zeigt, welche Möglichkeiten es für ein Auslandsjahr bei verkürzter Schulzeit in den einzelnen Bundesländern gibt. Die Bedingungen für die Anerkennung sind unterschiedlich: Manche Länder fordern beispielsweise eine Probezeit in der elften Klasse, andere die Zustimmung der Schulleitung oder einen Leistungstest.

Sylvia Schill, Referentin bei der Kultusministerkonferenz und Betreiberin der Internetseite schueleraustausch.de hat im dortigen Forum eine Umfrage zum Auslandsjahr bei G8 gestartet. Von den 200 teilnehmenden Schülern würden 75 Prozent nicht auf das Jahr im Ausland verzichten und es zur Not als zusätzliches Schuljahr akzeptieren. Zwölf Prozent gaben an, dass sie nur ins Ausland wollen, wenn sie die Klasse überspringen könnten. "Man darf nicht von der falschen Vorstellung ausgehen, dass ein Auslandsjahr ohne Anerkennung auf die Schulzeit in Deutschland ein verlorenes Jahr wäre", sagt Schill.

Dem pflichtet Wiebke Bretting von der Austauschorganisation Youth for Understanding (YFU) in Hamburg bei: "Ein Auslandsjahr ist ein Gewinn." Zwar lerne man in dieser Zeit nicht unbedingt das Pensum an Mathe und Latein wie die Klassenkameraden in Deutschland. "Dafür sprechen die Schüler hinterher nicht nur eine neue Fremdsprache, sondern lernen auch viel über sich selbst und wie sie sich in anderen Kulturen zurechtfinden können", so Frau Bretting.

Kompromiss-Vorschlag: Nur sechs Monate ins Ausland

Grundsätzlich biete sich das zehnte Schuljahr gut für einen Auslandsaufenthalt an, sagt Josef Kraus. Die fachlichen Probleme beim Wiedereinstieg sollten seiner Ansicht nach nicht überschätzt werden. Letztendlich müsse aber jeder für sich entscheiden, ob er sich dem gewachsen fühlt. "Wem die Hürden bei einer Anerkennung zu groß erscheinen, der kann als Kompromiss auch nur drei bis sechs Monate zu Anfang der zehnten Klasse ins Ausland gehen", rät Kraus. Doch auch, wer ein ganzes Schuljahr ohne Anerkennung ganz im Ausland verbringt, braucht nicht länger zum Abitur als Schüler im G9. (Internet: www.aja-org.de)

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