27.04.11

Tourismus

Leere Strände – Tunesien bangt um seine Zukunft

Die geglückte Revolution hat ihren Preis: Es kommen kaum noch Auslandsgäste in das arabische Land. Mit einer Imagekampagne soll sich das nun ändern.

Foto: dpa
Leerer Strand in Sousse
Tunesischer Urlaubsort Sousse: Schlagzeilen über Kämpfe und Flüchtlinge schrecken Touristen ab

Mehdi Houas hat keinen leichten Job. Die Zahl der Tunesien-Urlauber ist nach der Revolution im Januar um 50 Prozent eingebrochen. "Die Lage ist dramatisch, mit jeder Woche, die vergeht, verlieren wir Tausende von Arbeitsplätzen", klagt der Interims-Tourismusminister.

Dem 51-Jährigen kommt eine wichtige Rolle in der Übergangsregierung zu. Sein Ministerium soll die Deviseneinnahmen beschaffen, die das Land beim schwierigen Übergang vom Überwachungsstaat zur Demokratie so dringend benötigt, gilt es doch, die zahlreichen anstehenden sozialen Reformen zu stemmen.

Der Tourismus ist eine der Schlüsselbranchen im rohstoffarmen Land. Rund eine Million Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt am Fremdenverkehr. Im Büro des Ministers im Zentrum von Tunis, an der Kreuzung zwischen den Boulevard Avenida Habib Bourguiba und der Prachtstraße Mohammed V ist von der schweren Wirtschaftskrise wenig zu spüren.

Der Verkehr tobt wie immer, die Cafés der breiten Boulevards sind bereits morgens bevölkert von jungen Leuten, die diskutieren und die neue Freiheit genießen.

Angst vor dem Krieg im Nachbarland

Doch nur einen Kilometer weiter, in Medina, der Altstadt von Tunis, wo sich die Touristen früher drängten, herrscht eine beängstigende Leere. "Kaufen Sie eine Lampe, Madame", ruft ein Händler. Sein Nachbar versucht derweil, einen dicken Franzosen für Ledertaschen zu begeistern. "On n'a rien vendu aujourd'hui (wir haben heute nichts verkauft)", rufen sie.

Doch die Europäer bleiben der Region fern. Sie schreckt nicht so sehr die Revolution, sondern vor allem der Krieg im Nachbarland Libyen, der auf die ganze Maghreb-Region abfärbt. An der tunesischen Grenze drängeln sich Tausende Flüchtlinge aus Libyen, die sich vor den Krieg in Schutz bringen.

Dazu kommen Zehntausende tunesische Gastarbeiter, die aus dem Nachbarland zurückgekehrt sind und die Masse der Arbeitslosen vergrößern. "Bald könnten schon 700.000 Menschen arbeitslos sein", warnt das Internetportal " Maghreb Emergent " vor einer möglichen Destabilisierung des kleinsten Maghreb-Landes mit seinen 10,4 Millionen Einwohnern.

Der Warenverkehr mit Libyen, dem einst wichtigsten Handelspartner, ist völlig zusammengebrochen, auf der tunesischen Seite mussten Hunderte von Firmen ihre Produktion einstellen, was die Wirtschaftskrise zusätzlich verschärft.

War man bis zur Revolution noch von einem Wirtschaftswachstum von 5,4 Prozent für dieses Jahr ausgegangen, so rechnen Experten jetzt mit einer Stagnation. Das ist ein schwerer Rückschlag für das Land, das neben Südafrika bislang als wirtschaftlicher Vorreiter für den gesamten Kontinent galt.

"Wir müssen realistisch sein, die ganze Region durchlebt historische Umwälzungen", sagt Houas, der vor der Revolution als Telekomunternehmer in Frankreich lebte und von Interimspräsident Fouad Mebazaa zu Hilfe gerufen wurde.

Besonders deutsche Urlauber bleiben fern

Obwohl sich die Lage in Tunesien stabilisiert hat, hat der Krieg in Libyen den gesamten Maghreb fest im Griff. "Wer reist schon gerne in ein Land, wenn direkt daneben Krieg herrscht", sagt Houas. Wenig hilfreich sind da auch die Schlagzeilen über den Ansturm tunesischer Wirtschaftsflüchtlinge auf die kleine Mittelmeerinsel Lampedusa.

Besonders stark leidet die heimische Tourismusindustrie unter dem Einbruch bei den deutschen Gästen. In den ersten Monaten des Jahres kamen 71 Prozent weniger als im Vorjahr. "Das ist schon unglaublich", sagt Houas, "die Deutschen waren es, die den tunesischen Tourismus einst groß machten, im Jahr 2000 kamen eine Million deutscher Gäste, jetzt sind es weniger als die Hälfte".

Unvergessen ist der Anschlag auf die Al-Ghriba-Synagoge auf Djerba im April 2002, bei dem 21 Touristen, darunter 14 Deutsche, starben. Lange Zeit versuchte die tunesische Regierung das Attentat als Unfall zu vertuschen, bis al-Qaida sich zu dem Terrorakt bekannte.

"Die Deutschen wurden belogen, das konnten sie uns nicht verzeihen und machten lange Zeit einen Bogen um unser Land", sagt Houas. Der Minister will nach Ostern Deutschland besuchen, um die Werbetrommel für sein Land zu rühren, Interviews mit mehreren Fernsehsendern sind eingeplant.

Taleb Rifai, Generalsekretär der Welttourismusorganisation (UNWTO) fungiert dabei als Ratgeber für die Imagekampagne der Tunesier. Houas, der selbst vier IT-Unternehmen in Frankreich gegründet hat, will mit der derzeitigen Aufbruchstimmung für Tunesien werben. "Die Revolution hat ihren Preis, aber sie hat dynamische Kräfte freigelegt".

Panzer geben ein Gefühl der Sicherheit

Ähnliche Hoffnungen hegen die beiden Ingenieur-Studenten Kais Jasiri (20) und Oussema Hmaied (20). "Nachdem wir den Diktator Ben Ali verjagt haben, ist endlich Schluss mit der Korruption und Vetternwirtschaft", so Jasiri. Die beiden sitzen in einer Cafeteria neben dem Innenministerium. Doch die vor dem Gebäude stationierten Panzer lösen keine Beklemmung aus, sondern geben ihnen eher ein Gefühl der Sicherheit.

Auch Befürchtungen ausländischer Medien über einen möglichen Vormarsch der Islamisten bei den Parlamentswahlen am 24.Juli teilen sie nicht. "Insgesamt werden 60 Parteien antreten und auch die Islamisten von der Anahda-Partei haben sich eindeutig zur Demokratie bekannt", erläutert Oussema.

Pragmatischer zeigt sich Mohamed El Adel, der zwei Souvenirläden in der Touristenhochburg Sidi Bou Said und im nahe gelegenen Carthago betreibt. Seit der Revolution sind seine Einnahmen um 90 Prozent eingebrochen. Wenn sich nicht bald etwas ändert, muss er seine Läden schließen und die Angestellten entlassen.

"Unsere Revolution war wichtig, doch keiner konnte ahnen, dass sie solch ein Erdbeben auslösen würde", sagt Mohamed. Auch er weiß ganz genau, dass der Tourismus in seinem Land erst wieder auf die Beine kommt, wenn der Krieg in Libyen ein Ende hat. "Inschallah", sagt er, "hoffentlich ist es bald soweit".

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