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07.03.11

Tourismus

Jeden Tag verliert Ägypten mehrere Millionen Dollar

Die Lage in Ägypten entspannt sich, Reisewarnungen wurden aufgehoben – doch die Saison ist verpatzt: Es kommen kaum Touristen, und die Wirtschaft erleidet Milliardenverluste.

pa

Durch regelmäßige Überschwemmungen hat sich an den Ufern des Flusses fruchtbares Ackerland abgelagert.

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Ausgelassen feiern sie immer noch am Tahrir-Platz im Herzen von Kairo, wo vor über einem Monat die "Revolution der Jugend" begann, wie die Ägypter den Aufstand nennen. Doch in die Freude mischt sich Besorgnis über die Zukunft. Der Volksaufstand fügt der ägyptischen Wirtschaft Milliardenverluste zu: Bleiben doch seit Wochen die Touristen weg, Haupteinnahmequelle des Landes. Er könne nicht verstehen, warum die Urlauber gerade jetzt Ägypten mieden, klagt Samir, der lässig an dem Eckpfeiler des traditionellen Kaffeehauses am Tahrir-Platz lehnt, das Ende der 90er-Jahre durch einen Bombenanschlag schwere Schäden erlitt und über Monate keine Gäste hatte. Ägypten sei heute so leer wie damals. "Dabei haben wir doch nur um unsere Freiheit gekämpft. Was ist daran so schlimm, dass die ganze Welt jetzt Angst hat und nicht mehr zu uns kommt?"

Samir ist einer von mindestens zehn Millionen Ägyptern, die in irgendeiner Form vom Tourismus leben. Mit seinem perfekten Englisch führt der studierte Ingenieur Ausländer durch Kairo, begleitet sie individuell nach Luxor, organisiert Falukka-Fahrten auf dem Nil, den historischen Einsegler-Booten für Individualurlauber. Doch seit über einem Monat habe er keinen Verdienst mehr gehabt, obwohl eigentlich touristische Hauptsaison sei.

Einen Steinwurf vom Tahrir-Platz entfernt wird das Ausmaß der Tourismus-Krise deutlich. Am Ufer des Nils sind die Ägypter nahezu unter sich. Internationale Hotels wie Hilton , Semiramis, Kempinski oder Four Seasons sind leer. Er habe noch nicht einmal zehn Prozent Auslastung, sagt Ahmed Fouda, Empfangschef des Hotels Shephard, einem aus der britischen Mandatszeit stammendem Traditionshaus, das jetzt dem ägyptischen Staat gehört. Doch wie ihm ergehe es derzeit allen Hotels in Kairo. Eine Million Touristen haben seit Ausbruch der Revolution das Land verlassen. Neue Urlauber sind nicht nachgekommen. Jeden Tag verliert Ägypten derzeit mehrere Millionen Dollar. Elf Milliarden Dollar nahm das Land letztes Jahr von den zwölf Millionen Besuchern ein.

Aus Verzweiflung darüber hatte der Verband der Reiseleiter jüngst eine Demonstration vor den Pyramiden in Giza veranstaltet, bei der in allen Sprachen die Menschen aufgerufen wurden, doch wieder nach Ägypten in die Ferien zu kommen. Ägypten sei sicher, hieß es aus aller Munde: "Ihr seid willkommen!" Ob der Ruf der Touristenführer Gehör findet, werden die nächsten Wochen zeigen. Die meisten westlichen Länder hatten für Kairo, Alexandria und Suez, den Zentren der Revolte, Reisewarnungen ausgesprochen. Jetzt werden sie wieder zurückgenommen. So hat das Auswärtige Amt in Berlin wieder grünes Licht für Ägypten-Reisen gegeben, wie die meisten anderen europäischen Länder auch. Spuren des Umsturzes sind im Straßenbild von Kairo jedoch noch sichtbar. Panzer stehen vor öffentlichen Gebäuden, Brücken oder auch Hotels. Es herrscht Ausgangssperre von Mitternacht bis morgens Früh um sechs Uhr. Neben dem Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz fällt das ausgebrannte Gebäude der Einheitspartei NDP von Hosni Mubarak ins Auge. Wie ein Wunder ist das Museum von der Brandschatzung zwar verschont geblieben, einige Kunstschätze wurden jedoch zerstört und sogar gestohlen.

Hurghada gleicht einer Geisterstadt

In anderen Teilen Ägyptens hat der Einbruch im Tourismus noch schlimmere Auswirkungen. Leere Strände am Roten Meer, Nilschiffe, die seit Wochen unbewegt vor Anker liegen, Tempel und Gräber in Luxor, die nur Wächter sehen. Die Touristenhochburg Hurghada beispielsweise gleicht derzeit einer Geisterstadt. Der Teutonengrill Ägyptens ist vollständig leergefegt. Die Mehrheit der Hotels hat geschlossen, die wenigen Touristen werden in eine Handvoll Herbergen zusammengelegt, das Personal ist erheblich reduziert. In den Ladenzeilen entlang der Strandpromenade haben nur die Apotheken und einige Lebensmittelgeschäfte geöffnet. Souvenirhändler sind keine zu sehen. Als die Bilder aus Kairo über die Fernsehschirme flimmerten, Mubarak-Anhänger mit Kamelen in die Demonstranten ritten und sich blutige Auseinandersetzungen lieferten, brach auch in Hurghada Panik aus. "Die Leute reagierten teilweise hysterisch", erzählt Honorarkonsul Peter Ely über die hektischen Tage Ende Januar. Tag und Nacht klingelte bei dem seit 31 Jahren in Ägypten lebenden deutschen Physiker das Telefon. Alle wollten raus, obwohl er immer wieder versuchte klar zu machen, dass Kairo fast 500 Kilometer von Hurghada entfernt sei und hier keine Gefahr bestünde. Eine Reisewarnung für die Region am Roten Meer sei seitens der Bundesregierung auch nie ausgesprochen worden. Als dann aber Österreich, die Benelux-Staaten und Schweden ihre Staatsangehörigen evakuierten, wollten auch die Deutschen weg. Mit nahezu 200 Flugzeugen seien innerhalb einer Woche 35.000 deutsche Touristen und 3.000 Ortsansässige ausgeflogen worden. Ein Kraftakt, der Ely heute noch in den Knochen sitzt.

Nun werden alle Anstrengungen darauf verwandt, die Urlauber wieder zurückzugewinnen. Journalistenreisen werden organisiert, die die Sicherheit Ägyptens als Feriendomizil aufzeigen sollen. Die Reiseveranstalter TUI und Thomas Cook haben das Land bereits wieder in ihr Angebot aufgenommen. Erste Charterflüge kommen in den nächsten Tagen in Hurghada an. Bis Ostern, so schätzt Lars Geweyer, Direktor des Hotels Steigenberger Al Dau, wird sich der Markt erholt haben. Die deutsche Hotelkette verfügt über vier Häuser im Pharaonenland. Nur Al Dau in Hurghada ist derzeit geöffnet. "Normalerweise haben wir in dieser Jahreszeit eine Auslastung von über 90 Prozent", informiert Geweyer, "jetzt liegen wir bei unter zehn". Das Gros seiner Gäste seien Deutsche, Schweizer und Österreicher, von denen er hofft, dass sie bald wiederkommen. Schwieriger sei es mit den Russen, die zweitgrößte Gruppe. Für sie habe die Regierung in Moskau noch kein grünes Licht gegeben. "Vielleicht haben die Angst, dass die Demokratiebewegung in Ägypten ansteckend sein könnte", unkt Geweyer über die nach wie vor bestehende Reisewarnung seitens der russischen Behörden.

Suche nach neuen Tourismuskonzepten

Da Krisen auch immer Raum für neue Ideen geben, wird auf der Sinai-Halbinsel derzeit über erweiterte Tourismuskonzepte nachgedacht - weg vom Pauschaltourismus. Doch für Hurghada sehen Geweyer und Ely keine Umorientierung. Hier werde nach wie vor Strandtourismus dominierend bleiben: "Sonne und Meer – all inclusive." Für einen Medizintourismus, wie auf dem Sinai beabsichtigt, sei Ägypten ohnehin nicht qualifiziert, meint der Honorarkonsul. Der Versuch in der Oase Siwa, in der libyschen Wüste, Rheuma-Thearpie anzubieten, sei ebenso gescheitert wie andere derartige Vorhaben, erinnert sich Ely. Selbst Spa- und Wellnesstourismus laufen nur nebenbei, weiß Hoteldirektor Geweyer. Und extra zum Golfspielen käme auch keiner nach Ägypten, obwohl diverse Golfhotels auf diese Klientel abzielten. "Ägypten ist den Golfern nicht grün genug." Das Land besteht zu mehr als 80 Prozent aus Wüste. So werden auch weiterhin die drei etablierten Segmente den Tourismus in Ägypten bestimmen: Sonne und Meer, Kultur und Geschichte, Safari-Touren in die Wüste.

Doch auch wenn die Touristen wiederkommen und die Zahl der Buchungen langsam ansteigt, ist die Krise im größten Wirtschaftszweig Ägyptens noch lange nicht vorbei. Denn anders als in den zurückliegenden Jahren, als Bombenanschläge auf Hotels in Sinai oder der Hai vor Scharm el-Scheich kurzzeitig die Branche beeinträchtigten, steht Ägypten jetzt ein politischer Umbruch bevor, der zu einem Regimewechsel führen könnte. Wie weit der bereits begonnene Weg in Richtung Demokratie beschritten wird, werden die nächsten Monate zeigen. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht. Zum ersten Mal in der neueren Geschichte des Landes wurden drei Minister und ein Industrieller wegen Korruption in Untersuchungshaft genommen. Darunter ist auch der frühere Tourismusminister Zoheir Garana. Er und Ex-Innenminister Habib El-Adli sollen in Kürze vor ein Strafgericht gestellt werden, teilte der Oberstaatsanwalt Anfang letzter Woche mit. Abdel-Meguid Mahmoud stellte auch ein Gesuch an alle ausländische Staaten, Konten und Guthaben dieser Herren einzufrieren. Grana wird nicht nur die Annahme von Schmiergeldern im großen Stil vorgeworfen, sondern auch Millionen Hektar Land in Staatseigentum unter Preis an ihm befreundete Geschäftsleute verkauft zu haben. Außerdem soll er touristische Unternehmen ohne Lizenzen zugelassen haben. In Hurghada sind die Aktivitäten des Ex-Ministers gut sichtbar. Die seiner Familie gehörende Azur-Gruppe hat Hotels und Resorts in bester Lage.

"Die Branche ist nervös", fasst Ulrich Huth die jetzige Situation zusammen. Sollten die Korruptionsermittlungen breiter fortgesetzt werden, traue sich keiner mehr zu investieren. Auch ausländische Investitionen würden dann gebremst. Denn noch immer müssen Firmen oder Reiseveranstalter laut Gesetz einen ägyptischen Partner haben, um geschäftlich tätig werden zu können. "Dies schafft Unsicherheit, Partnerschaften geraten in Bedrängnis." Huth ist ein alter Hase in der Tourismusbranche am Nil. Lange Jahre managte er das renommierte Hotel Marriott in Kairo, übernahm dann vor einem Jahr die Aufsicht über 40 Travco-Hotels , dem größten Reiseveranstalter Ägyptens. Er sieht die Gefahren des Umbruchs deshalb nicht so sehr für die Menschen, als vielmehr für die Wirtschaft. Über den neuen, durch die regierende Militärjunta eingesetzten Tourismusminister kann noch nicht viel gesagt werden. Interessant ist nur, dass Mounir Fakhri Abdel-Nour der Oppositionspartei Al Wafd angehört. Er war lange Jahre ihr Generalsekretär und nach über 30 Jahren einer von zwei Oppositionspolitikern, die jetzt in die Regierung berufen wurden.

Unterdessen musste am vergangenen Montag die Börse in Kairo, die nach vier Wochen Pause zum ersten Mal wieder öffnete, nach nur zwei Stunden wieder geschlossen werden. Die Kurse rasten dramatisch in den Keller.

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