27.02.13

Lappland

Finnen grillen sogar bei minus 20 Grad im Freien

Die Finnen sind hart im Nehmen: Sie rösten sich ihre Würstchen im Schnee und müssen 15 grammatische Fälle beherrschen. Wird ihnen die Einsamkeit zu viel, treffen sie sich abends zum Karaoke.

Von Sandra Zistl
Foto: Getty Images

Weite, Kälte und mystisches Licht: Für Winterliebhaber ist Lappland ein Traumziel.

13 Bilder

Das Würstchen hat schon bessere Zeiten gesehen. Nachdem es zweieinhalb Stunden in einem vollen Rucksack bei minus 20 Grad Celsius durch die verschneite Taiga Lapplands getragen wurde, hat es sich in ein Halbgefrorenes verwandelt.

Kalt und zerknautscht liegt es in der Hand. Deshalb spießt Ronja das Würstchen auf einen Stock und hält es in die Flammen, nachdem sie die Feuerstelle am Rande der Loipe entfacht hat: Grillen bei minus 20 Grad.

Das Feuerholz hatte die Forstbehörde in einem überdachten Unterstand deponiert. Ronja hätte sich für die Rast während ihrer Skiwanderung drei Kilometer weiter in eine warme, gemütliche Hütte setzen und aufwärmen können. Doch danach steht der 38-Jährigen nicht der Sinn. Ihr ist ja gar nicht kalt.

"Wir grillen einfach gern draußen, auch im Winter", erläutert sie achselzuckend ihr Tun und deutet mit einem Kopfnicken in Richtung der Nadelbäume, die in bodenlangen weißen Mänteln erstarrt sind. Genau so sieht er aus, der Wintertraum des mitteleuropäischen Großstädters. In Lappland ist er Alltag.

Das Würstchen hat inzwischen eine bräunliche Farbe angenommen und beginnt zu duften. Ronja lächelt. Sie ist ein Typ Frau, dem man sofort zutrauen würde, mit der Axt Bäume zu fällen und ein Blockhaus zu errichten. Bei der Vorstellung lacht sie, findet sie aber nicht abwegig: "Vielleicht haben uns unsere Vorfahren einfach gute Gene mitgegeben, damit wir hier überleben können."

Ein seltsames Völkchen sind die Finnen

Gute Gene – oder spinnen die Finnen? Oder die Bewohner Lapplands? Nördlich des Polarkreises ticken die Menschen auf jeden Fall ein bisschen anders als südlich davon. Egal ob in Finnland, Schweden, Norwegen oder Russland.

Je nach Definition liegt hier Lappland, das nördliche Skandinavien. Wer es als Siedlungsgebiet der Samen versteht, schließt in Schweden und Norwegen auch Regionen südlich des Polarkreises ein.

Für Lappland gilt: Hier bleibt die Schneedecke trotz Klimawandel mindestens fünf Monate lang geschlossen, hier ist es wahrscheinlicher, dass Langläufer und Schneeschuhwanderer auf ein Rentier treffen als auf eine Straße, und hier ist die Bevölkerungsdichte so gering, dass ein Bus als Bibliothek herumfährt, damit die Leute etwas zum Lesen haben. Er fährt jeden Tag, kommt aber nur einmal im Monat vorbei.

Fern jeder Großstadthektik darf die Geschwindigkeit der Bewohner als gemütlich bezeichnet werden. Zu diesem Gemütszustand passt auch die Sprache der Finnen, die 15 grammatische Fälle kennt, aber wenig Melodie, und bei der die einzelnen Silben eines Wortes nur mit Verzögerung aufeinanderfolgen wie ein Off-Beat in der Musik. Als würde der Sprecher Energie sparen, während er erzählt.

Lange wurden sie als Hinterwäldler belächelt

"Wir sind sicher nicht die Schnellsten", bestätigt Toivo Quist den Eindruck. Der 47-Jährige sitzt in der vom Kaminfeuer erwärmten Bar seines Hotels und nippt an einem 2007er-Barolo. "Aber wir wissen, wie man es sich bei diesen Temperaturen gut gehen lässt."

Toivo, der sein Gegenüber gleich beim Vornamen nennt, setzt im "Ylläs Humina" auf eine Mischung aus Tradition und Komfort: Sauna, für Männer und Frauen getrennt; stets angenehm warme, helle Blockhäuser, die sich um ein Haupthaus gruppieren und die dank Massivholz die Wärme von Kamin und Fußbodenheizung speichern; Möbel, die dem Design von Alvar Aalto nachempfunden sind.

Toivo sammelt südeuropäische Weine, vor allem Italiener, und hat 1000 Flaschen im Keller. Die zählen zu den wenigen importierten Waren, die er duldet. Die Zutaten für die Menüs des "Ylläs Humina" stammen aus der Region: viel fettfreies, zartes Rentierfleisch in diversen Variationen, unterschiedlichste Beeren und Pilze, dunkelroter Lachs, Kaviar.

"Der Süden hat uns lange als Hinterwäldler belächelt", sagt Toivo. Jetzt nicht mehr, seit neue Hotels wie das "Ylläs Humina" mit seinem Blockhaus-Charme immer mehr Wintertouristen in den Norden locken. Das 400-Einwohner-Dorf Äkäslompolo verkraftet in der Hochsaison bis zu 10.000 Gäste.

Finnen lieben Karaoke

"Hier ist trotzdem genug Platz für alle", sagt Pekka. Er weiß, wovon er spricht, denn oft leisten ihm einen halben Tag lang nur Rentiere und Spatzen Gesellschaft. Die "Kotomaja", seine Holzhütte in Form eines Wigwams, liegt zwar nur acht Kilometer von Äkäslompolo entfernt, doch zu ihr gelangt man im Winter nur per Ski oder mit Schneeschuhen.

Pekka ist der Einzige, der morgens und abends mit dem Motorschlitten über die Loipe im Nationalpark flitzen darf. Im Gepäck hat er die Lebensmittel, die er verkauft: heißen, sehr süßen Beerensaft, Sandwiches mit Rentierfleisch, fettige, frittierte Gebäckstücke und Donuts.

Pekka ist 45 Jahre alt. Fühlt er sich manchmal einsam in der Abgeschiedenheit? Er sagt lachend: "Ich liebe den Schnee, den Wald, die Rentiere, die mich besuchen. Und wenn ich das Gefühl habe, zu wenige Menschen gesehen zu haben, gehe ich abends zum Karaoke." Finnen lieben Karaoke, verrät er. Vor allem liebten es die Bewohner Lapplands im Winter.

"Der Schnee ist das Gold Lapplands"

Wer nach 18 Uhr eine der stickigen Karaokebars betritt, die es in jedem Dorf gibt, staunt nicht schlecht. Ältere Paare tanzen ausgelassen zu Schlagern. Manche von ihnen haben noch Langlaufschuhe an den Füßen.

Am Tresen lehnt Kati. Sie hat gerade mit dröhnender Stimme eine finnische Version von Robbie Williams' "Angels" zum Besten gegeben. Jetzt gönnt sich die Taxifahrerin eine Cola. Seit fünf Jahren fährt sie Touristen über die Pisten Lapplands und hievt deren Gepäckstücke in ihren Kleinbus.

Sie kennt die jeweiligen Vorlieben: "Die Japaner kommen wegen der Polarlichter, der Rest interessiert sie kaum." Die Finnen aus dem Süden fahren gern Motorschlitten. Deutsche und Schweizer wollen vor allem Sport treiben, danach abends im Warmen sitzen und ein gutes Glas Wein genießen. Sie sind auf der Suche nach dem weißen Bilderbuchwinter – und werden fündig.

Kati winkt ihre Gesprächspartnerin näher zu sich und raunt ihr ins Ohr: "Ich sage deshalb immer: Der Schnee, Darling, der ist das Gold Lapplands."

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Sandoz Concept. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

Foto: dpa-tmn

Immer der Sonne entgegen: Durch den Schnee zu rennen, ist für Huskys das Größte.

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