24.02.13

Französische Alpen

Wer im mondänen Courchevel landet, hat es geschafft

Die 600 Pistenkilometer des weltweit größten zusammenhängenden Skigebiets "Trois Vallées" bieten für jeden etwas: Schüler jagen neben arabischen Scheichs und reichen Russen die 318 Abfahrten herunter.

Von Jörn Lauterbach
Foto: Atout France/Jean François Tripelon−Jarry

Sportliche Herausforderung in den Alpen: Ski fahren am Gipfel der Saulire (2740 Meter Höhe) in Trois Vallées.

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Es ist kurz nach 23 Uhr, als zum ersten Mal die russische Nationalhymne erklingt. Und tatsächlich erheben sich die Gäste im "La Mangeoire", einige steigen auf die Stühle, auf denen sie eben noch saßen, um auf 1850 Meter Höhe Meeresfrüchte zu essen.

Doch nicht nur Nationalstolz treibt die jungen Menschen in die Höhe, sondern der bessere Blick auf die Show: Knapp bekleidete Frauen und Männer bahnen sich ihren Weg durch das Restaurant. In ihren Händen tragen die Kellner Magnumflaschen Champagner und Wodka an einen Tisch, Wunderkerzen erhellen die schon leicht geröteten Gesichter der Gäste. Wer hier zahlt, bekommt als Dreingabe zum Alkohol auch seine Hymne. Als Anerkennung.

Darum geht es hier in Courchevel, dem mondänsten Ort des größten zusammenhängenden Skigebiets der Welt. Zusammen mit zwei weiteren erschlossenen Schluchten nennt sich das Gebiet "Trois Vallées", drei Täler, und für Generationen von Skifahrern bilden sie die größte Herausforderung der Alpen.

Mitten im Geschehen oder über den Gipfel

Nicht, weil die Pisten so besonders schwierig wären, sondern weil es mit 600 befahrbaren Kilometern so viele sind, dass der Streckenplan ungefähr so anspruchsvoll zu lesen ist wie eine Straßenkarte von Bangkok. Dabei werden je nach Lebensabschnitt in aller Regel die Täler dieses französischen Höhenzuges von Südwest nach Nordost erobert – abhängig auch von der Dicke des Portemonnaies.

Die Gruppenreisen der Schüler, die gern in 15 Stunden mit dem Bus und ausgerüstet mit Mamas Schnittchen aus Norddeutschland oder gar Skandinavien anreisen, führten in die Hochhausschluchten von Les Menuires und Val Thorens; der Wein wurde aus Pappkartons getrunken, Techno-Beats dröhnten aus den Boxen. Alle Möbel in den Apartments waren etwas abgestoßen.

Mit dem ersten eigenen Geld und befreundeten Pärchen ging es später ins etwas stilvollere "Méribel", das Restaurants oberhalb der Pizza-Klasse bot und den Vorteil, im Mittelpunkt des Geschehens der Täler zu liegen. Und wer es über den Gipfel der Saulire schaffte und also in Courchevel nächtigen durfte, der hatte an irgendeiner Stelle seines Lebens den richtigen Abzweig geschafft.

14 Fünf-Sterne-Hotels gibt es in Courchevel

Teurer und mondäner geht es trotz der mächtigen Konkurrenz in der nahen Schweiz kaum. Von einer Wirtschaftskrise jedenfalls ist hier nichts zu spüren, der Hauptort auf 1850 Meter rühmt sich damit, zu den weltweit internationalsten Skidestinationen zu gehören. Amerikaner, Russen, Araber kommen hierher, dazu Gäste aus ganz Europa.

"Die Deutschen allerdings", sagt Nathalie Faure vom Tourismusverband, "sind uns zwar sehr lieb, aber sie kommen nicht mehr so häufig." Die 14 Hotels, die in der Fünf-Sterne-Kategorie angesiedelt sind, haben aber auch so genug zu tun, schließlich liegen sie in einem Gebiet der Extraklasse.

Selbst sieben Tage reichen geübten Skifahrern kaum dafür aus, um alle Strecken von jedem der zahlreichen Gipfel, die bis auf 3420 Meter am Pointe du Bouchet führen, wenigstens einmal bewältigt zu haben. Stets locken noch nicht gefahrene Routen, Vergabelungen, unterschiedliche Schwierigkeitsgrade und wilde Liftverbindungen – auch an den Rändern des Skigebiets geht es noch einmal hinauf, sodass insgesamt vier Bergrücken zur Verfügung stehen.

Bis zu 100 Euro kostet die Rückfahrt zum Hotel

Das Zahlenwerk ist für Kenner der Alpenszene beeindruckend: 15 Ortschaften liegen an den Liften, 51 Restaurants bieten auf den Bergen die Chance zur Einkehr (von Bauernstube bis Technoschuppen ist alles dabei), 200 Schneekanonen versorgen 318 Abfahrten und 76 Talabfahrten mit ausreichender Unterlage. An manchen Stellen stehen mehr Richtungsschilder als auf der Ruhrautobahn.

Schon wegen des Nervenkitzels ist ein Besuch in den drei Tälern früher wie heute zu empfehlen, und dabei ist es sogar egal, in welchen Ort die Reise führt, alles ist vielfältig miteinander verknüpft und der Skigenuss in allen Schwierigkeitsstufen beinahe unbegrenzt. Allerdings gilt es, die Entfernungen richtig abzuschätzen – wer nicht aufpasst, erreicht die letzte Bergbahn des Tages nicht mehr und landet so im falschen Tal, und dann wird die Rückkehr zum Hotel teuer.

Gegen 16 Uhr jedenfalls, wenn der Liftbetrieb eingestellt wird, lassen Tag für Tag die Taxis ihre Dieselmotoren in der sicheren Erwartung von Kundschaft an, denn so spät gibt es keine Chance mehr, auf Skiern ins nächste Tal zu kommen. 100 Euro für eine Fahrt hinunter gen Albertville, einmal herum ums Bergmassiv und dann wieder hinauf in den eigenen Ort sind dann schnell perdu. Um das zu verhindern, wird mancher Ziehweg am späten Nachmittag mit Doppelstockeinsatz und in Abfahrtshocke genommen.

Nationalstolz wird gern gezeigt – gestern wie heute

Die Eile bei der Abfahrt war früher nicht viel anders. Und am Abend wurde gefeiert und die mitgebrachte Nationalflagge an den Balkon gepinnt. So weit entfernt davon ist der Abend im "La Mangeoire" dann doch nicht. Eine dralle Sängerin steht auf einem Tisch, hält sich an den schweren Eisenketten und singt "I will survive", was so etwas wie das Motto der eifrigen Skifahrer des kommenden Tages sein könnte.

Dann erklingt die französische Nationalhymne, die Jeunesse dorée gibt das Geld der Eltern aus. Wunderkerzen sprühen, Champagner fließt am Flaschenhals herunter. Hier ist eben alles etwas größer als sonst wo auf der Skiwelt.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Courchevel. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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