09.02.13

Wintersport

Mit Kufen über das schwarze Eis des Weissensee

Sogar James Bond fuhr schon über den zugefrorenen Bergsee in den Karnischen Alpen – mit dem Aston Martin. Andere nehmen die Schlittschuhe oder spielen Golf. Und es gibt auch "Eishockey unter Eis".

Von Volker Mehnert
Foto: www.weissensee-kaernten.at

Bei Sonnenschein schlittern die Eisläufer in Pulks über den Weissensee im österreichischen Kärnten
Bei Sonnenschein schlittern die Eisläufer in Pulks über den Weissensee im österreichischen Kärnten

Es knirscht und dröhnt und gluckst im Untergrund. Beim ersten Mal bekommt man einen gehörigen Schrecken, geht automatisch einige Schritte rückwärts oder bleibt wie angewurzelt stehen.

Doch dann beruhigt man sich, schließlich zeigen die anderen Menschen auf dem Eis keinerlei Reaktion, und nach einer halben Stunde erscheint das unheimliche Getöse schon beinahe selbstverständlich.

Das Eis auf dem zugefrorenen Weissensee mag zwar ständig in Bewegung sein, sich ausdehnen, verschieben und dabei seltsame Geräusche machen, doch das ändert nichts an der Stabilität der Oberfläche.

Schon Ende November bildet der 930 Meter hoch gelegene See in den Karnischen Alpen die erste Eisschicht, Mitte Dezember ist sie streckenweise tragfähig, und von Januar bis in den März hinein friert der ganze See zu. 30 bis 60 Zentimeter dick ist die Eisdecke, in kalten Wintern können es auch 80 Zentimeter werden.

Das ist genug, um einen Massenstart beim Schlittschuhrennen auszuhalten. Mehr als 1500 Eisläufer und mindestens so viele Zuschauer drängen sich manchmal auf kleinem Raum zusammen, sodass ein Gewicht von zwölf voll beladenen Lastwagen auf die Eisfläche drückt. Das Eis biegt sich wie ein Schiffsrumpf, aber der Druck von oben erzeugt den Gegendruck des Wassers von unten, sodass die Eisschicht hält.

Der Eismeister vom Weissensee

Der Garant für die Sicherheit heißt Norbert Jank. Seit Jahrzehnten gilt der Eismeister als unumstrittene Eis-Autorität am Weissensee. Vom Spätherbst an kontrolliert er die Eisbildung, stellt fest, wo der See zuerst gefriert und wo er sich Zeit lässt.

Die verschiedenen Flächen notiert er mit Datum und Zustand in einer Karte. "Mit dem Wetter arbeiten", nennt er das, und deshalb kann er den See jedes Jahr so früh wie möglich freigeben.

"Zaubern kann ich aber auch nicht", sagt er, und so ist in diesem Jahr die Eisdicke im Westteil des Sees zwar auf sichere 33 Zentimeter angewachsen, im Ostteil aber mochte der Eismeister den See bislang noch nicht freigeben. Trotz Klimaerwärmung ist jedoch weiterhin jeden Winter zuverlässig Eislaufsaison.

Während andere Kärntner Seen höchstens einmal im Jahrzehnt eine geschlossene Eisdecke bilden, bekommt der Weissensee jedes Jahr seine feste Eisfläche. Sogar kurze Föhneinbrüche machen dem Eismeister keine Sorgen. "Der Föhn schafft neue, glatte Eisbahnen", sagt er zuversichtlich.

In dieser einzigartigen Wintersportarena sind Tag für Tag Wanderer, Jogger, Mountainbiker und Nordic Walker unterwegs. Liegt Schnee, spuren sich auch Langläufer ihre Loipen, und viele gehen einfach bloß spazieren: Mütter schieben ihre Kinderwagen übers Eis, ältere Herrschaften führen ihre Hunde aus.

Bei Schwarzeis reicht die Sicht bis zum Grund

Die Hauptdarsteller allerdings sind die Schlittschuhläufer. Einzeln, in kleinen Gruppen oder großen Pulks gleiten sie kreuz und quer über den See – zu Hunderten, manchmal zu Tausenden. Je nach Wetter- und Eisverhältnissen lässt der Eismeister bis zu 25 Kilometer Eisbahnen fegen und glatt hobeln.

Bei Schwarzeis, wenn der See ohne Schneefall zugefroren ist, bekommen die Sportler auf den langen Geraden und in den weit geschwungenen Kurven eine spektakuläre Zugabe: Bei einer Sichttiefe von zehn Metern erkennt man die auf dem Seeboden liegenden Baumstämme und kann sogar die Fische beim Schwimmen beobachten.

Auch in dieser Saison konnte der Eismeister noch Mitte Januar "reines Wasser gefroren" vermelden, dann fielen 50 Zentimeter Neuschnee, und es war vorbei mit dem Spiegeleis.

Lange Zeit kannten den winterlichen Weissensee nur Einheimische und ein paar versprengte Touristen. Doch spätestens als Timothy Dalton 1987 im James-Bond-Film "Der Hauch des Todes" mit seinem wintertauglichen Aston Martin übers Eis raste und seine Verfolger in einer packenden Rutschpartie hinter sich ließ, war der Weissensee in aller Munde.

Jetzt entdeckten auch die Holländer die Qualität des Eises für ihre traditionelle, 200 Kilometer lange "Elfstedentocht" (Elf-Städte-Tour), die in der Heimat wegen zu hoher Temperaturen nicht mehr durchgeführt werden kann. Seit 1989 ist der Weissensee Ende Januar zwei Wochen lang der neue Schauplatz dieses inzwischen weltgrößten Eislaufspektakels. Die diesjährige Veranstaltung ging am 2. Februar zu Ende.

"Whites" statt "Greens" beim Wintergolfen

Das heißt aber nicht, dass jetzt Ruhe auf dem Weissensee einkehrt. So entsteht Mitte Februar auf dem Eis ein winterlicher Golfplatz. Die Schneeflächen werden gewalzt und neun Spielbahnen für ein exklusives Eisgolfturnier durch Zweige abgegrenzt. Die Ränder der Greens, die dann Whites heißen, werden durch Lebensmittelfarbe gekennzeichnet.

Alljährlich findet auch "Eishockey unter Eis" statt: Bei diesem verrückten Spiel werden die Tore spiegelverkehrt an der Unterseite der Eisschicht angebracht, der Puck aus Styropor schwimmt direkt unter dem Eis, und die Spieler schweben mit Neoprenanzug und Sauerstoffflasche im zwei Grad kalten Wasser.

Ob schrullige Eishockeyspieler oder ein kompletter Golfplatz, ob Tausende von Schlittschuhläufern oder ein rasender James Bond im Aston Martin – spätestens mit dem Tauwetter verschluckt der Weissensee sämtliche Spuren und kann sich ohne ökologischen Schaden auf seine sommerliche Saison als Badesee vorbereiten.

Foto: picture alliance / dpa

Bei den offenen Holländischen Meisterschaften im Eisschnelllauf-Marathon auf dem Weissensee im Januar 2013 traten die Herren über eine Distanz von 100 Kilometer an
Bei den offenen Holländischen Meisterschaften im Eisschnelllauf-Marathon auf dem Weissensee im Januar 2013 traten die Herren über eine Distanz von 100 Kilometer an
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Winter in den Alpen

Luxuriöse Almdörfer mit urigem Charme

Tipps und Infos
  • Anreise

    Mit der Bahn über München und Salzburg nach Greifenburg/Weissensee. Einige Hotels bieten einen Shuttleservice (vorher reservieren!). Mit dem Auto über München, Salzburg und die Tauernautobahn A 10.

  • Eislaufsaison

    Ab Mitte Januar wird der gesamte See freigegeben, in der Regel ist Eislaufen bis Anfang März möglich.

  • Veranstaltungen

    Bis 8. März findet jeden Freitag ein Eislauf-Marathon für jedermann über 50 Kilometer statt. Die Weltmeisterschaft „Eishockey unter Eis“ mit acht Nationalmannschaften ist geplant vom 14. bis 17. Februar, das Eisgolfturnier 14.–16. Februar.

  • Unterkunft

    „Bio Vitalhotel Weissenseerhof“, Tel. 0043/4713/22 19, www.weissenseerhof.at, Doppelzimmer mit Frühstück ab 200 Euro.

    „Seehotel Kärntnerhof“, Tel. 0043/47 13/22 12, www.kaerntnerhof.at, Doppelzimmer mit Halbpension ab 86 Euro.

  • Auskunft

    Weissensee Information, Tel. 0043/4713/222 00, weissensee.com

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