28.01.13

Bahnreise

In diesem Zug sitzen Sie in der ersten Reihe

Schweizer Wintersport für Gemütliche: Eine Zugfahrt im Führerstand des Bernina Express, der sich durch die Bergwelt schraubt, ist ein exklusives Abenteuer. Zumal bei Eis und Schnee.

Von Helmut Luther
Foto: picture-alliance / maxppp

Von Schweizer Gletschern zu italienischen Palmen: Als höchste Bahnstrecke über die Alpen verbindet die Rhätische Bahn den Norden Europas mit dem Süden
Von Schweizer Gletschern zu italienischen Palmen: Als höchste Bahnstrecke über die Alpen verbindet die Rhätische Bahn den Norden Europas mit dem Süden

Roland Zähners Augen sind gerötet. Er hat an diesem Morgen Frühschicht, bereits um halb vier klingelte der Wecker. Dazu kommt die Aufregung.

Gleich bei der ersten Fahrt, draußen war es noch stockfinster, rammte Zähner mit Tempo 50 einen Hirsch. "Du hörst einen dumpfen Knall, dann kannst du es riechen", sagt der 47-Jährige und verzieht dabei sein Gesicht. "Meist brechen sich die Tiere die Wirbelsäule, dann muss ihnen der Wildhüter den Gnadenschuss geben."

Seit 30 Jahren arbeitet Roland Zähner als Lokführer. Zuerst in Zürich, seit elf Jahren bei der Rhätischen Bahn im Kanton Graubünden. Der Spross eines "alten Appenzeller Geschlechtes" wollte zurück in die Berge. "Die Natur und die Ruhe", sagt Zähner, "haben mir in der Großstadt gefehlt."

Ruhig geht es meist auch im Führerstand des Bernina Express zu. Als zahlender Gast kann man vorne in der Lokomotive mitfahren. Und erlebt dabei die spektakuläre, seit 2008 zum Unesco-Welterbe gehörende Strecke von einem Logenplatz aus.

Lokführer Zähner sitzt auf seinem gepolsterten Sessel mit verstellbarer Rückenlehne. Er drückt einen Knopf am Armaturenbrett, setzt einen Schalthebel in Bewegung.

Platz direkt neben dem Zugführer

Um 8.58 Uhr ruckelt der feuerrote Wurm auf Gleis zehn am Bahnhof von Chur gemächlich los. Ich habe neben Zähner auf einem hölzernen Schemel Platz genommen.

Draußen gleiten Einkaufszentren und graue Bürotürme vorüber. Links über den verschachtelten Altstadthäusern erspähe ich die Kathedrale, das mächtige Bischöfliche Schloss, etwas tiefer spitzt der gotische Turm der Martinskirche in den Himmel.

Graubündens Hauptstadt liegt unter einer dünnen Schneedecke, ebenso die Felder und Äcker, die wir auf der Fahrt passieren. Richtig hoch liegt der Schnee oben, am Berg.

Von knapp 600 Meter Höhe in Chur schraubt sich die Bahn durch das Albulatal ins karge Oberengadin hinauf. Von dort geht es noch höher empor bis zum Ospizio Bernina, mit 2253 Metern der Scheitelpunkt der Strecke.

Robuster Magen von Vorteil

Um die anschließende Achterbahnfahrt bis nach Tirano auf 429 Metern wirklich genießen zu können, sollte man über einen robusten Magen verfügen. Schwindelfreiheit, rät Roland Zähner, wäre ebenfalls nicht schlecht. Denn neben 56 Tunnels passiert der Zug auf geschwungenen Steinbrücken 196 Schluchten.

Vorn in der Lokführerkabine erkennt man genau, wie tief es hinuntergeht: Nur ein paar läppische Zentimeter Glas und Stahl trennen einen vom Abgrund.

Für die meisten Gäste erfülle sich bei einer Führerstandfahrt ein lang gehegter Traum, sagt Zähner. Am eisenbahnverrücktesten seien die Japaner. Einige würden sogar versuchen, im Bahnhof für einen Schnappschuss auf das Dach ihres Abteils zu klettern.

"Wenn wir uns einem der kühnen Brückenbauten nähern, leuchtet hinten im Panoramawagen ein Blitzlichtgewitter auf." Den typischen Bernina-Express-Enthusiasten beschreibt der Lokführer so: "Eher korpulent, er befindet sich im vorgerückten Alter, um seinen Hals baumeln gleich mehrere Kameraapparate."

Direktfahrt auf eine Felswand

Nun zeigt der Bernina Express, was er draufhat. Wir überqueren den Landwasserviadukt, eine gewaltige, zigtausendfach fotografierte Steinbogenbrücke. Wie ein flatterndes Lamettaband windet sich der Landwasserfluss durch den Grund der Schlucht, im Gestein klammern sich knorrige Lärchen fest.

Die Lok saust direkt auf eine Felswand zu – das war knapp! Auch im Tunnel ist nicht viel Platz – weiß umrahmte Nischen dienen als Fluchtpunkte, falls man hier von einem anrollenden Zug überrascht würde.

In Pontresina wechseln Fahrer und Lokomotive. Nun ist Stefan Lüthi Chef im Führerstand, er dirigiert einen "Allegra"-Triebwagen, gut hundert Tonnen schwer, an der Stirnfront hängt ein Schneepflug.

Lüthi trägt eine Sonnenbrille. Ringsum dehnt sich eine weite schneebedeckte Hochgebirgslandschaft aus, die Hänge funkeln im Gegenlicht. Längst ist der Himmel blau. "Wir haben hier südländisches Wetter", sagt Lüthi.

Nun beginnt der Anstieg zum 2328 Meter hohen Berninapass, der Blick auf die wie Sägeblattzähne übereinandergestaffelten Dreitausenderkolosse ist atemberaubend.

Meterhohe Schneemauern neben der Trasse

In großen Schleifen windet sich die Bahn durch die weiße Wüste, links und rechts der Trasse türmen sich meterhohe Schneemauern.

Vor einigen Jahren, erzählt Lüthi, hätten nur mehr die Spitzen der Strommasten herausgeschaut. "Bei Wind und Neuschnee ist die Fahrspur binnen kürzester Zeit zugeweht, dann musst du hinaus, um die vereisten Weichen frei zu hämmern."

Am Bahnsteig vor der Station Alp Grüm warten Touristen. Sie fotografieren unentwegt, wenn sie nicht gerade wegen der Kälte von einem Fuß auf den anderen trippeln.

Abwärts nach Puschlav

Plötzlich nähert sich ein verdächtiges Dröhnen, eine Schneewalze rollt auf uns zu – eine Lawine? Zum Glück nur die Schneeschleuder vorn am Bug eines entgegenkommenden Zuges. "Eine Xrotet 9219", erklärt Lüthi fachmännisch. "Ohne die wären wir aufgeschmissen."

Dann geht es rasch abwärts durch das Puschlav, ein Südtal, das wie ein vergessener Zipfel nach Italien hinunterreicht. Nach vielen Kehren, die zum Schutz vor Lawinen überdacht wurden, wird die Landschaft immer grüner.

Poschiavo, der kleine Hauptort des Tales, saust vorbei, mit vielen Kirchen und Stuckpalästen. In Tirano ist Endstation. Auf der gepflasterten Piazza trinke ich einen Kaffee. Die Luft ist hier angenehm mild, der Blick schweift über Palmen und Weinberge. Das dick verschneite Oberengadin scheint weiter weg als eine kurze Zugfahrt.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Schweiz Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

Foto: picture-alliance

Elegant und exklusiv in kosmopolitischem Ambiente – das ist St. Moritz im schweizerischen Engadin.

27 Bilder
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Tipps und Infos
  • Anreise

    Nach Chur mit dem Auto aus dem Bodenseegebiet/St. Gallen über die A 13; über Zürich via A 3 und A 13. Von Zürich gibt es auch gute Bahnverbindungen (www.sbb.ch).

  • Übernachtung

    In Chur: „Hotel ABC“, Tel. 0041/81/254 13 13. Doppelzimmer ab 215 Schweizer Franken, www.hotelabc.ch

    In Tirano: „Hotel Bernina“, Tel. 0039/0342/90 24 24, Übernachtung im Doppelzimmer mit Halbpension ab 88 Euro pro Person, www.tirano.org/alberghi

  • Bahnfahrt

    Eine Führerstandsfahrt Chur–St. Moritz oder St. Moritz–Tirano kostet 850 Franken, www.rhb.ch

    Auskunft

    Schweiz Tourismus, Tel. 00800/100 200 29, myswitzerland.com

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