27.01.13

Paradores in Spanien

In diesen Hotels schlafen Sie wie ein König

Die Finanzkrise trifft auch die Paradores: 14 staatliche Hotels mussten schließen. Doch in der zentralspanischen Provinz übernachtet man immer noch stilvoll in alten Palästen, Burgen und Klöstern.

Von Jennifer Wilton
Foto: Getty Images

Tordesillas liegt am Fluss Duero in der spanischen Provinz Valladolid.

12 Bilder

Es gibt ein paar Dinge, die Könige gut schlafen lassen. Zumindest war das einmal so, früher. Da hatten Könige und Prinzessinnen und Burgfräulein mindestens: leichte Baldachine und schwere Vorhänge, Himmelbetten natürlich, Kissenberge und Matratzentürme und jede Menge Seide, Samt, Brokat.

Vor allem aber schliefen sie hinter diesen dicken Mauern, die ordnungsgemäße Paläste, Herrenhäuser und Burgen eben haben. Und wenn man zwischen solchen Mauern steht, in einem kleinen Ort in Spanien zum Beispiel, vor sich fenstergerahmt die karge kastilische Landschaft, um sich die Stille angehaltener Zeit, dann ist man sich ganz sicher: Tiefer kann man nirgendwo ruhen.

Und dass es vielleicht an dem guten Schlaf der spanischen Könige liegt, dass sie nicht nur Geschichte, sondern Geschichten produziert haben im Laufe der Jahrhunderte. In und außerhalb der Mauern.

Spektakuläre Orte oder Häuser

Geschichten von fröhlichen Prinzen und hypochondrischen Königen, zum Beispiel, einer Thronfolgerin, die aus Liebe dem Wahnsinn verfiel, oder einem brutalen Regentenpaar, das das Land riesig machte. Man findet sie, und die Mauern und den Schlaf, auf der Route der Könige, einmal im großen Bogen um Madrid herum, durch die kastilische Provinz.

Natürlich hat es auch mit einem König zu tun, dass es die Route gibt: Alfons XIII., der Großvater des aktuellen Königs Juan Carlos, war weder in der Geschichte noch in Geschichten besonders erfolgreich, hatte aber einen guten Berater, und der hatte eine gute Idee.

Als zu seiner Zeit immer weniger in den Palästen, Herrenhäusern und Burgen lebten, schlug er vor, sie für alle zu öffnen, als Hotels. Um sie vor dem Verfall zu retten und Tourismus in ärmere Gegenden des Landes zu bringen.

Die Regel für die staatlichen Hotels, die dann Paradores hießen und zur Kette wurden: entweder in einem spektakulären Ort – oder in einem spektakulären Haus. 1928 wurde der erste Parador eröffnet.

Mit einem Sarg durchs Land gereist

Wenn man Tordesillas, Provinz Valladolid, von der falschen Seite betritt, an einem Wochentag zumal, dann ist das eine schwierige Sache mit dem Spektakulären. Es ist möglicherweise kalt, der Wind zischt durch die schmalen Gassen und selbst der große Platz, die Plaza Mayor, ist menschenleer und von eher herber Schönheit. Die Türme und Kirchen und Gassen: düster.

Der große Tag von Tordesillas fand am 7. Juni 1494 statt, zu Zeiten des so mächtigen wie inquisitorisch-brutalen Paares Isabella und Fernando, zwei Jahre nach der offiziellen Entdeckung Amerikas, nach einigem Hin und Her einigte man sich genau hier mit Portugal, wem was gehörte von der Neuen Welt. Es gab einen Vertrag, und die Utensilien dazu liegen natürlich in einem Museum, am Rande des Ortes.

Dort trifft man auch auf den besten Blick – runter auf den Fluss Duero über die Ebene – und auf eine Statue: eine weitere Königin, Tochter der beiden. Juana hieß sie, die Wahnsinnige wurde sie genannt, weil sie sich nicht von ihrem Mann trennen wollte, auch als der tot war, und mit seinem Sarg und der Leiche durchs Land reiste, bis man sie ein paar Meter von hier in ein Kloster sperrte, für die nächsten und ihre letzten 46 Jahre.

Die Krise trifft auch die Paradores

Nicht überliefert ist, ob sie wenigstens in die nahen Pinienwälder spazieren konnte, wo Jahrhunderte später ein Herrenhaus gebaut und noch später ein Parador eröffnet wurde, mit schweren Herrenhausmöbeln im Inneren, mit tiefen Teppichen und stillen Gängen.

Zur Eröffnung 1958 kam Diktator Franco, auch der Erzbischof war dabei, das wird hier immer noch erzählt. Es waren die Jahre des beginnenden Massentourismus in Spanien, und auch die Paradores wurden immer beliebter, im Ausland bewunderte man die Idee.

Es lief gut in den kommenden Jahrzehnten. Aber nicht gut genug. Meistens machten sie Verluste. In den 90er-Jahren, mitten in der letzten großen Wirtschaftskrise des Landes, wurde schon mal überlegt, einen Teil der Hotels zu privatisieren. Es kam dann doch nicht so, tatsächlich wurden sie straffer geführt und rentabel.

Aber dann begann die aktuelle Krise. Und es wurde so ernst, dass es schließlich eine Liste gab: Paradores, die schließen, Paradores, die nur noch das halbe Jahr öffnen sollten. Auf der Liste stand auch der Parador Tordesillas. Aber Tordesillas bleibt, vorerst. Auch auf der Route der Könige.

Ein amtsmüder, melancholischer König

Richtung Süden, Richtung Madrid, durch die Berge. Auch die Straßen in La Granja, Provinz Segovia, sind eher menschenleer, nur eine Bar ist voll besetzt, die meisten kennen sich hier, der Ort ist nicht groß. Die Straßen tragen schöne Namen wie die Straße der Melancholie, wobei zwischen starker und schwacher und normaler Melancholie unterschieden wird, immerhin.

Der König, der diesem Ort zu royaler Architektur verhalf, hieß Philipp V. und litt eher unter starker Melancholie. Sein Palast steht am Ende einer langen Allee, und er sieht nicht zufällig ein wenig französisch aus. Philipp V. war der erste Bourbone nach langen Habsburger-Jahren.

Die Anlage war erst schlicht geplant, aber als der König sich 1724 für viele Jahre hierher zurückzog, änderte er seine Meinung, oder seine zweite Frau änderte sie, und er sorgte dafür, dass Haus und Hof und vor allem Garten wuchsen, nicht überraschend: zu einem kleinen Versailles.

Möglicherweise eine Art Entspannungsprogramm, viele Jahre hatten die Erbfolgekriege getobt, mal gingen Landesteile verloren, mal Verbündete. Er war amtsmüde, manchmal, erzählt man sich, meinte er, sei er eigentlich schon tot, und beschwerte sich bei seinen Dienern, dass sie ihn nicht begraben hätten. Taten sie, als er dann tatsächlich starb. In La Granja, in der Kapelle neben dem Palast.

Riesige Betten mit Baldachinen

Seine Nachfahren waren in der Regel besser gelaunt und verbrachten die nächsten Jahrhunderte hier fröhliche Sommerferien. Jeder hinterließ hier etwas, besonders sein Sohn Carlos III. Er baute nicht nur den Palast zu Ende, sondern gleich selbst im Ort: eine Residenz für seine Söhne, die Infanten Gabriel und Antonio.

Eine vergleichsweise große Residenz, denn heute passt ein ganzer Parador hinein. Und ist man einmal drin, kommt man dort so schnell nicht wieder raus. Ist der glasüberdachte Hof mit den Arkadengängen und Brunnen und Salons besichtigt, bleiben da noch die Zimmer.

Einige sind so hoch, dass man eine kleine Holztreppe erklimmen muss, um aus den großen Fenstern auf die Sierra de Guadarrama zu starren, und als könnten nicht da schon Stunden ohne Langweile vergehen (Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Nacht), sind da auch noch tiefe Sessel und freundliche Leselampen.

Und riesige Betten, mit Baldachinen natürlich. Tiefschlaf hin oder her, es gibt dann doch einen Grund, irgendwann wieder aufzustehen: Die Route ist noch nicht vorbei. Es geht in den Süden.

"Lautestes Lachen und bitterstes Wehklagen"

Den Weg machten die Könige auch regelmäßig, allerdings in umgekehrter Richtung: Verbrachten sie den Sommer in La Granja, kamen sie oft aus Aranjuez, Provinz Madrid. Es gibt dort einen spektakulären Palast und noch spektakulärere Gärten, auch hier wurden Verträge geschlossen und Geschichte(n) geschrieben, und man sollte das alles unbedingt gesehen haben, aber man sollte bald weiterfahren, ein paar Kilometer nur: nach Chinchón.

Unterhalb der Burgen und Kirchen gruppieren sich die Häuser des Ortes um die vielleicht schönste Plaza Mayor Spaniens, ein unregelmäßiges Rondell aus Häusern mit durchgehenden Holzbalkonen, das im Sommer zur Stierkampfarena wird.

Und vielleicht stimmt es, was eine Broschüre des Ortes in rührender Übersetzung verspricht: Chinchón war schon immer Museum und Bühne für lautestes Lachen und bitterstes Wehklagen. Man sollte es beobachten. Es gibt da viele Stühle rundherum. Und mutmaßlich sehr guten Wein, das meinten auch Generationen von Königen, die hier gern vorbeikamen.

Niemand weiß, wie es weitergeht

Da Beobachten dauern kann, sind es zum Glück nur ein paar Schritte vom Platz zum Augustinerkloster aus dem 17. Jahrhundert, heute der hiesige Parador. Zwei Stockwerke und sehr viele Gewölbe um einen Kreuzgang drum herum, mittendrin, aus welchem Fenster man auch schaut: Gärten, Zypressen, Rosen, Liguster. Stille hinter besonders dicken Mauern.

Das Kloster von Chinchón hat sehr viele Geschichten mitgemacht, Mönche haben hier gewohnt und Richter residiert, Gefangene ausgeharrt, und gebrannt hat es mehrfach, bis irgendwann kaum mehr als eine Ruine übrig blieb. Aufgebaut wurden die Mauern wieder, um zum Parador zu werden.

Die wenigsten Könige haben ausschließlich gute Geschichten geschrieben, zum Beispiel in Spanien, aber es war einmal einer, der hatte einen guten Berater, und der hatte eine gute Idee.

14 Paradores haben in der vergangenen Woche ihre Türen geschlossen, zumindest für einen Teil des Jahres, das ist der letzte Stand der Verhandlungen. Es sollten mehr sein, ursprünglich. Aber so richtig weiß im Moment niemand, wie es weitergeht.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Spanischen Fremdenverkehrsamt und der Paradores-Hotelkette. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Spanien

Madrid entdeckt den Manzanares wieder

Historische Hotels
  • Anreise

    Zum Beispiel mit Iberia oder mit Lufthansa nach Madrid, weiter mit dem Mietwagen.

  • Unterkunft

    Es gibt in ganz Spanien derzeit 93 Paradores. Diese exklusiven Hotels sind oft in Klöstern, Burgen und Palästen untergebracht.

    Preisbeispiele: „Parador de Chinchón“, Doppelzimmer ab 95 Euro; „Parador de Tordesillas“, Doppelzimmer ab 85 Euro, „Parador de La Granja“, Doppelzimmer ab 100 Euro.

    Es gibt verschiedene Rundreisen, die von drei (ab 170 Euro) bis zu sieben Paradores (ab 412 Euro) miteinander kombinieren, www.paradores.de

  • Auskunft

    Spanisches Fremdenverkehrsamt,

    Tel. 0180/300 26 47,

    www.spain.info

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