21.01.13

Angebote für Muslime

Halal-Hotels – Koran und Kompass statt Alkohol

Früher übernachteten viele Muslime im Urlaub bei ihren Familien oder in Ferienhäusern, um abgeschottet zu sein. Doch das ändert sich – und so stellen sich immer mehr Hotels auf die neuen Gäste ein.

Von Fabian von Poser
Foto: picture alliance / dpa

Baden hinterm Sichtschutz: In Halal-Hotels sind die Pools streng nach Geschlechtern getrennt
Baden hinterm Sichtschutz: In Halal-Hotels sind die Pools streng nach Geschlechtern getrennt

Das "Sah Inn Paradise" vor den Toren von Kumluca an der lykischen Küste in der Südtürkei sieht auf den ersten Blick aus wie ein gewöhnliches Ferienhotel. Im größten der neun Pools spiegeln sich die Palmen wieder. Am Beckenrand legt ein DJ türkische Tanzmusik auf, die Kinder vergnügen sich im Miniclub.

Auf den 404 Zimmern für 1400 Gäste darf nichts fehlen: Klimaanlage, Minibar, Satellitenfernsehen, Wireless-LAN – alles vorhanden. Einige der Gäste nehmen im Spa-Bereich auch Leistungen wie Massagen, Hautpflege oder ein türkisches Bad in Anspruch.

Doch das "Sah Inn" ist keine gewöhnliche Ferienunterkunft, denn die Pools sind streng nach Geschlechtern getrennt. Die Frauen baden hinter einem drei Meter hohen Sichtschutz. Auf den Zimmern findet sich kein Alkohol, stattdessen liegen Koran und Kompass aus, und im 1500 Plätze umfassenden Hauptrestaurant werden geschächtetes Fleisch und Fruchtsäfte statt Cocktails serviert.

Statt Alkohol gibt es einen Kompass

Das "Sah Inn Paradise" ist eines der so genannten Halal-Hotels, oder muslimgerechten Hotels, die derzeit vor allem in der Türkei einen regelrechten Boom erleben. "Unser Hotel kennt die Werte der Familie und schützt sie", werben die Betreiber auf ihrer Webseite. "Wir bieten Urlaub für Familien, die nach der türkischen Familienstruktur ihre Ferien verbringen wollen."

Nicht nur Essen kann "halal" sein, also im Einklang mit der islamischen Lehre stehen, sondern auch der Urlaub. Im Fall eines Hotels bedeutet das: kein Alkohol, kein Schweinefleisch, ja noch nicht einmal Gelatine, getrennte Badebereiche sowie Koran, Kompass und Gebetsteppich auf dem Zimmer.

Und die Gäste kommen längst nicht mehr nur aus der Türkei, sondern auch aus Doha, Dubai, Riad, Moskau, London und Frankfurt am Main.

Hotels für Muslime erleben einen Boom

Inzwischen gibt es allein an der türkischen Südküste mehr als ein Dutzend Hotels, die sich auf Muslime spezialisiert haben. Darunter sind kleinere Anlagen, aber auch große mit 1000 Betten und mehr. "Einige davon sind so groß wie ein Dorf", sagt Hasan Rami Balcok.

Balcok ist Geschäftsführer von Balcok Travel and Tourism in Essen, einer der größten auf Muslime spezialisierten Reiseagenturen in Deutschland. Die Zahl der Betten in muslimgerechten Ferienanlagen in der Türkei schätzt er auf mittlerweile 12.000. "Und jedes Jahr werden es mehr."

Ein eigener Aufzug für die Frauen

Auch die türkische Hotelkette Bera hat sich auf Muslime eingestellt. 2007 eröffnete sie das "Bera" in Alanya. 332 komfortable Zimmer mit 1068 Betten locken seitdem vor allem muslimische Urlauber an. Das Meer ist nicht weit, die Klimaanlage simuliert nordeuropäische Temperaturen, und es lockt allerlei Komfort wie Fitness-Studio, Friseur und sogar ein hauseigener Juwelier.

In den 3500-Quadratmeter-Frauenkomplex gelangen weibliche Gäste allerdings nur mit einem eigenen Aufzug. Schließlich sollen sie Pools, Sauna, Jacuzzi, Dampfbad und Massageraum unbeobachtet von den Männern erreichen können.

Selbst die Gebetsräume sind nach Geschlechtern getrennt. "Doch Halal-Hotels sind längst nicht so streng, wie viele sich das vorstellen", sagt Hasan Balcok. Pools und Sanitärbereiche seien zwar meist separat. Der Rest aber unterscheide sich kaum von einem normalen Urlaubshotel. "All-inclusive, All-you-can-eat, Snacks am Pool und Hoteldisko – das alles gibt es auch in einem Halal-Hotel."

Hotelangestellte sprechen arabisch

Noch ist der muslimgerechte Urlaub ein kleiner Markt, in den sich vor allem Nischenveranstalter wie Balcok Travel and Tourism in Essen, Suaytur in München und Kam 2000 in Duisburg tummeln.

Doch das könnte sich bald ändern. Laut einer Studie des US- Marktforschungsinstituts Dinar Standard, das sich vorwiegend auf den arabischen Markt konzentriert, soll der Halal-Reise- und Lifestyle-Markt bis zum Jahr 2020 weltweit um 50 Prozent auf dann 156 Milliarden Euro Umsatz wachsen. Halal-Hotels gibt es neuerdings auch in Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Thailand, Indien, Malaysia, China und den USA.

Auch hierzulande merkt man seit einigen Jahren, dass Muslime immer reisefreudiger werden. Beim "Hotel Adlon" in Berlin machen sie bereits sieben Prozent der Gäste aus. Das zur Kempinski-Gruppe gehörende Hotel hat deswegen ein spezielles Programm aufgelegt, das Gebetsteppich, Koran und Kompass auf dem Zimmer beinhaltet.

Außerdem werde eine muslimischen Bedürfnissen angepasste Speisekarte angeboten und verstärkt arabisch sprechendes Personal beschäftigt, heißt es aus Berlin.

Der "Bayerische Hof" in München registriert ebenfalls ein kontinuierliches Gästeplus aus dem arabischen Raum, vor allem aus den Golfstaaten. In München gibt es eine eigene Speisekarte und arabisch sprechende Mitarbeiter. Außerdem habe man für muslimische Gäste einen Gebetszeitenkalender erstellt, sagt Guest Relations-Managerin Rifka Aboudi. "Dieser wird sehr gut angenommen."

"Im Halal-Hotel fühlen sich viele einfach wohler"

Wirkliche Halal-Hotels finden sich bislang aber vor allem in der Türkei. Und noch gibt es wenig Konkurrenz. Auch deshalb sind die Preise für den muslimgerechten Pauschalurlaub etwas teurer als im gewöhnlichen Reisekatalog. Ein Fünf-Sterne-Hotel in der Türkei kostet in der Hochsaison gerne mal 120 Euro pro Person und Nacht. Transfer und Flug kommen extra hinzu.

Das sei zwar nicht so günstig wie bei Neckermann oder TUI, aber dafür seien die Angebote wirklich auf die Gäste zugeschnitten, sagt Hasan Balcok. "Das heißt nicht, dass Muslime nicht in ein normales Urlaubshotel gehen, aber in einem Halal-Hotel fühlen sich viele einfach wohler."

Und Balcok kennt seine Klientel. Sein Geschäft begann er vor 27 Jahren mit der Organisation von Pilgerreisen zu Hajj- und Umrah. Mittlerweile hat sein Unternehmen mehr als 10.000 Gäste befördert. Etwa 20 bis 30 Prozent seines Umsatzes generiert der Essener heute mit Halal-Hotels.

Die Füße im Pool, daneben die Trennwand

Zehn solcher Unterkünfte hat Balcok derzeit im Programm. Und bald könnten es noch mehr werden. "Im Moment liegt der Ramadan in der besten Ferienzeit im Sommer. Jedes Jahr verschiebt er sich um zehn Tage. Sobald er außerhalb der Hochsaison liegt, wird die Nachfrage noch einmal steigen", sagt Balcok.

Auch das Bewusstsein vieler seiner Gäste verändert sich zunehmend, weiß der Unternehmer. Früher übernachteten viele Muslime bei ihren Familien oder in Ferienhäusern, um abgeschottet zu sein, heute buchen sie immer öfter einen muslimgerechten Pauschalurlaub.

Auch er war schon in einem solchen Hotel: vor zwei Jahren mit seiner Frau. Vorne das Mittelmeer, die Füße im Pool, daneben die Trennwand. Macht es denn da überhaupt Spaß baden zu gehen? "Ach", sagt Balcok. "Das ist für uns Muslime ganz normal. Meine Frau war abends sogar alleine in der Frauen-Disko. Schließlich wollen Damen ja auch mal unter sich sein."

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