21.01.13

Malaysia

Das total verrückte Elsass im Monsunregen

Alles nachgemacht: Colmar unter Palmen, die Hochkönigsburg im Regenwald und Geranien im Monsun. Besucher Malaysias staunen über ein geklontes Stück Frankreich in Asien – man spricht sogar Französisch.

Von Kira Hanser
Foto: Kira Hanser

Eine kopfsteingepflasterte Gasse, terrakottafarbene Dachziegel, viele Giebel, Erker und und bunte Fensterläden: Auf den ersten Blick könnte das die Fachwerkstadt Colmar im Elsass sein. Doch das ist bloß eine Millionen teure Kopie in Malaysia. Die importierten Geranien vor den Fensterläden kümmern im tropischen Klima. Sie mögen keinen Monsunregen.

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Geranien mögen keinen Monsunregen. Deshalb kümmern die Blütenranken vor den Fenstern der Fachwerkhäuser. Eine kopfsteingepflasterte Gasse, zwei plätschernde Springbrunnen, terrakottafarbene Dachziegel, viele Giebel, Erker und Türmchen, und irgendwo klappert ein Fensterladen.

Auf der Zugbrücke unter dem Burgfried begrüßen zwei in Elsässer Tracht verkleidete Asiatinnen kichernd die Besucher – authentisch bemüht mit einem französischen "Bienvenu", gefolgt von einem malaysischen "Selamat datang", herzlich willkommen.

In einer "Boulangerie" mit Pariser Plakaten gibt es Croissants, pain au chocolat und café au lait, im Restaurant "La Cigogne" (der Storch) wird Elsässer "choucroute" (Sauerkraut) und "Flammekueche" serviert. Im Burggraben unter der Zugbrücke schwimmen zwei importierte Schwanenpaare, die von Kindern gefüttert werden. Manchmal klauen Paviane die Brotkrumen.

Colmar mitten im Dschungel kopiert

"Incroyable!", schreibt ein französischer Tourist über dieses mittelalterlich wirkende Colmar. "Das ist hallucinant, wie eine Halluzination." Es wirkt von weitem tatsächlich wie das berühmte Städtchen Colmar mitten im Elsass. Mais non, dies ist "Colmar tropicale", ein geklontes Dorf.

Es ist auch beileibe kein billiges Imitat aus Betonfertigteilen, sondern eine exorbitant teure Kopie des Originals mitten im malaysischen Dschungel, eine mit aus Frankreich importierten Dachschindeln und Mauersteinen erbaute Fachwerkstadt in den Berjaya Hills, 50 Kilometer von der Hauptstadt Kuala Lumpur entfernt.

Orchideen statt Weinreben

Die Luftfeuchtigkeit ist hoch, jeden Tag gibt es kurze, aber heftige Monsunregen. Mitteleuropäer schwitzen bei 27 Grad Celsius und gefühlter 80 Prozent Luftfeuchtigkeit,

Malaysier dagegen empfinden die 800 Meter hoch gelegene tropische Hügellandschaft als angenehm kühl im Vergleich zu brütenden Hitze unten in der Hauptstadt. Orchideen wachsen hier wie Unkraut, doch Weinreben wie im französischen Colmar würden hier nie gedeihen.

Idee des malaysischen Premierministers

Doch wie kommt dieses bizarre Colmar hierhin, 10.100 Kilometer vom französischen Elsass entfernt? In Frankreich würde man es als einen "service d'ami" umschreiben, einen Freundschaftsdienst. Auf gut Deutsch: Eine Hand wäscht die andere.

Der frühere malaysische Premierminister Mahathir Mohamad war nach einer Europa-Reise mit seiner Frau von der Romantik der elsässischen Stadt so begeistert, dass er seinen Milliardärskumpel Vincent Tan, derzeit neuntreichster Mann Malaysias, überredete, im malaysischen Dschungel sein Colmar nachzubauen.

Karaoke in der Fachwerkstadt

Entstanden ist, unter Anleitung des französischen Architekten Jean Cassou, eine Art Themenpark mit 235 Hotelzimmern. Jeden Samstag gibt es einen Wochenmarkt mit Karussells und chinesischer Akrobatik; jeden Abend Karaoke, und aus Lautsprechern dudelt ständig asiatischer Pop.

Die Authentizität hat ihre Grenzen. So steht im tropischen Colmar ein Uhrenturm, ein "Tour de l'Horloge", dessen Original aus dem elsässischen Dörfchen Riquewihr stammt und mit dem echten Colmar nun gar nichts zu tun hat. So genau muss man es ja auch nicht nehmen.

Und was hat bloß die hübsche Schwarzwälder Kuckucksuhr im malaysischen Elsass zu suchen? Auch die "Charcuterie", die typische elsässische Schweinsmetzgerei, wurde wegen akuten Kundenmangels im muslimischen Malaysia rasch durch "Le Poulet rôti", die Brathendl anbietet, ersetzt.

Neuschwanstein war geplant

Um dem Elsässer Plagiat noch die Krone aufzusetzen, hat Milliardär Vincent Tan auch noch auf dem nächsten Hügel das prächtige Schloss "Haut-Koenigsbourg" kopiert, das in den Vogesen steht. Er kann es sich ja auch leisten, er ist Gründer der Berjaya Corporation Berhad, die als Franchise alle McDonald's-, Starbucks-Filialen und Hyundai-Autohäuser in Malaysia betreibt und inzwischen auch Hotels, eine Fluglinie und TV-Sender besitzt. Die Hochkönigsburg ist das berühmteste Schloss im Elsass, die Festung wurde 1901 bis 1908 wieder aufgebaut.

Geplant war sogar, ganz nach den Vorlieben des europabegeisterten Ex-Regierungschefs, auch noch die Alhambra von Granada, die Akropolis von Athen und das bayerische Neuschwanstein in den Dschungel zu kopieren.

Doch dann kamen Neuwahlen, der Premierminister wurde abgewählt und die erhofften (unter Freunden) zugesagten, gewinnträchtigen Spielcasino-Lizenzen im malaysischen Elsass nicht mehr genehmigt. Heute verstauben diese weiteren europäischen Sehenswürdigkeiten als Miniaturmodelle in einer Glasvitrine.

Traum eines Milliardärs

Aber ein Milliardär wie Vincent Tan, der sich inzwischen aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen hat, gibt nicht so rasch auf. In einem Interview sagte er der malaysischen Zeitung "The Peak" über sein elsässisches Traumprojekt: "Ich hoffe, dass mit der Unterstützung von Freunden und Gästen sich die Investition auszahlen wird. Da ich der größte Anteilseigner bin, kann ich mir es leisten, noch etwas länger zu träumen." 2013 stehen Neuwahlen in Malaysia an...

Colmar Tropicale ist heute ein beliebtes Ausflugsziel für malaysische Familien, in den Fachwerkhäusern kann man übernachten, viele Zimmer haben Himmelbetten mit einem Baldachin. Auch der noch immer mächtige Ex-Premierminister spaziert gern mit seiner Familie am Wochenende durch das Dorf und speist am liebsten in der Boulangerie.

Er sagte gerade der malaysischen Zeitung "The Sun": "Colmar ist wie ein echtes französisches Dorf, die Menschen in Malaysia brauchen für diese Erfahrung nicht nach Frankreich zu reisen".

Erstes Bio-Spa-Luxushotel Malaysias

Die tropische Hochkönigsburg nebenan mit Burgzinnen und Türmen ist letztes Jahr als "The Chateau", das erste Bio-Spa-Luxushotel Malaysias, eröffnet worden. Kinder sind hier unerwünscht. Im Hof steht ein Salzwasser-Swimmingpool; es gibt islamische Gebetsräume und einen 2000 Quadratmeter großes Spabereich namens "La Santé". Im Restaurant "L'assiette" zaubert selbstverständlich ein französischer Chef de Cuisine, Richard Choquet; es gibt französische Bio-Weine, aber auch frisch gepresste Obstsäfte.

Besonders beliebt ist das "Chateau" bei Gästen aus Asien, aber auch dem Nahen Osten, aus Syrien und dem Iran. Gerade war die jordanische Prinzessin Yasmine für ein paar Wochen da. Auch eine französische Familie bedankte sich im Gästebuch: "Was für ein schöner Aufenthalt". Sie war vermutlich auch über die Französischkenntnisse entzückt.

Französisch-Vokabeln pauken

Denn Französisch wird sorgfältig gepflegt. Teh Ming Wah, CEO des Schlosshotels, die lange in Europa gearbeitet hat, achtet streng darauf, dass das Personal französische Wörter lernt. Einmal die Woche trommelt Guest Relations Manager José die Hotelmitarbeiter zusammen und hört 30 Französisch-Vokabeln ab: Bienvenu und Bonjour, Madame und Monsieur, Chambre und Santé, S'il vous plait und Merci beispielsweise. Hotelchefin Teh Ming Wah sagt: " Wir setzen auf europäische Spa-Qualität und asiatische Freundlichkeit in einem französischen Schloss."

Eindrucksvoll ist das Bio-Spa "La Santé", auch wenn die Produkte kurioserweise nicht aus Frankreich kommen. Entspannt wird mit "Voya"-Algenprodukten aus Irland und mit deutscher "Sante" und "Logona Naturkosmetik" – die beiden stammen aus Niedersachsen.

Das tropische Elsass ist so skurril, dass es einen Besuch auch für Mitteleuropäer lohnt. Nur der duftende Lavendel im Burggarten will einfach nicht so richtig in diesem Klima blühen, so sehr sich auch die Gärtner bemühen. Lavendel wächst nur da, wo er will.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von den Berjaya Hotels und dem Fremdenverkehrsamt Malaysia. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Tipps für Malaysia
  • Anreise

    Zum Beispiel mit Malaysia Airlines (www.malaysiaairlines.com) oder mit Qatar Airways via Doha (www.qatarairways.com) von Frankfurt nach Kuala Lumpur, weiter in 90 Minuten mit dem Mietwagen oder mit dem Shuttledienst der Hotels in die Berjaya Hills.

  • Einreise

    Es genügt ein Reisepass, der bei der Einreise noch mindestens sechs Monate gültig ist. Malaysia ist ein sicheres Reiseziel, nur in Kuala Lumpur muss man sich vor Taschendieben vorsehen. Das Wetter ist das ganze Jahr über tropisch. Die Hauptregenzeiten liegen in den Monaten April und Mai sowie Oktober und November.

  • Unterkunft

    „The Chateau Spa & Organic Wellness Resort“, Bukit Tinggi, Übernachtung ab umgerechnet 134 Euro, www.thechateau.com.my;

    „Colmar Tropicale“, Zimmer mit Frühstück ab umgerechnet 70 Euro, www.colmartropicale.com.my;

  • Auskunft

    Fremdenverkehrsamt Malaysia, Tel. 069/460 92 34 20, www.tourismmalaysia.de

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