20.01.13

Tampere

Wie die Finnen die Kälte und Dunkelheit ertragen

In der westfinnischen Stadt Tampere ist es besonders lange dunkel. Doch die Einheimischen nehmen das gelassen. Sie haben ihre ganz eigenen Methoden, um sich den Winterblues zu vertreiben.

Von Harald Braun
Foto: Petri Merta

Die Winter in Finnland sind hart. In Tampere, wo es besonders lange dunkel ist, nehmen die Einheimischen das aber gelassen.

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Peter Dörig versteht die Frage nicht. Er hockt an einem runden, derben Holztisch vor diversen Sorten feinstem Käse und erzählt von seiner Vergangenheit als Trucker. Wochen und Monate sei der Schweizer mit dem 40-Tonner zwischen Westeuropa und Skandinavien hin- und hergebrummt, bis er seine finnische Frau kennengelernt, sich im Land niedergelassen und schließlich angefangen habe, für finnische Verhältnisse außergewöhnlich würzigen Käse herzustellen.

Eine Erfolgsgeschichte, denn neben der längst preisgekrönten Käsemanufaktur "Herkujuustola" betreibt der emsige Schweizer nun auch noch eine Art Wildlager für Naturfreunde: "Swiss Salotalo" nennt er sein Paradies für Alternativ-Tourismus, das ungefähr anderthalb Stunden von Tampere entfernt liegt und dem geneigten Gast eine Ahnung davon verschafft, wie es sich in der Nähe eines dunklen Moorsees mitten in riesigen Wäldern wohl leben lässt.

Ohne Strom und fließendes Wasser, in einem 200 Jahre alten Holzhaus, einigen sogenannten Schlafspeichern, neben der lappländischen Grillhütte sowie gleich mehreren offenen Feuerstellen und, Ehrensache: diversen unterschiedlichen Saunen.

Die Finsternis nehmen die Finnen gelassen

"Swiss Salotalo" wirkt, und das soll durchaus nicht despektierlich klingen, wie eine versteckte Räuberhöhle, in die die Genossen von Hotzenplotz am Ende des Sommers zurückkehren, um sich von ihren Beutezügen zu erholen. Das schummrige Kerzenlicht in der engen, leicht überdekorierten Butze, in der Peter Dörig seinen Käse ausgebreitet hat, unterstützt diesen Eindruck.

Trotzdem versteht der Käsefabrikant und Hütten-Hotelier die Frage nicht, die ihm gerade gestellt wurde: Ob es ihm hier in der finnischen Finsternis nicht manchmal ein wenig schwer ums Herz wird?

Nun könnte man ja annehmen, dass Peter Dörig ein besonders kerniger Mann sei, dem selbst das Leben im finsteren Mordor nichts ausmacht, gesetzt den Fall, er würde in eine Tolkien-Saga verpflanzt. Doch ganz egal, wen wir in und um Tampere im Südwesten Finnlands treffen und danach fragen, wie man sich auf den langen skandinavischen Winter einstellt: Überall wird abgewinkt. Alles halb so wild!

Die bleierne Dunkelheit, die sich wie ein schweres Samtcape über die dünn besiedelten Wälder und Landstriche Finnlands legt und die erst spät im Jahr einem kurzen, dafür hell gleißenden Sommer weichen wird, stellt für die meisten Einheimischen offenbar keinen großen Schrecken dar.

"Wir sind gut darin, uns mit der Natur zu verbünden", sagt Mari Saloniemi, die in Tampere lebt: "Ich freue mich sogar auf die langen Abende! Wenn man sich gut auf die dunkle Jahreszeit einstellt, dann hat sie ihren ganz eigenen Reiz! Und glauben Sie mir, wir in Tampere sind gut darauf vorbereitet!"

Tampere ist wie eine Stadt im Ruhrgebiet

Man muss sich Tampere im Südwesten Finnlands vorstellen wie eine Stadt im Ruhrgebiet: Recht dicht besiedelt, architektonisch keine Schönheit, aber mit dem unbedingten Willen, das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen.

Als das "Manchester Finnlands" wird die mit rund 200.000 Einwohnern drittgrößte Stadt des Landes gern beschrieben, was auf die Vergangenheit als Industriestadt und die vielen stillgelegten Fabrikanlagen anspielt. Bis weit in die 80er-Jahre hinein beherrschten die rauchenden Schlote der Textil-, Papier- und Holzindustrie das Stadtbild, es ist kein Zufall, dass Chemnitz und Essen Städtepartnerschaften mit Tampere pflegen.

Doch das war einmal, um die Jahrtausendwende herum schlossen die meisten der inzwischen unzeitgemäßen und unrentablen Unternehmen ihre Pforten.

Fabriken wurden zu Museen und Restaurants

Geschadet hat es der Atmosphäre in der Stadt nicht. Ebenso wie in Manchester oder Essen sind die alten Fabrikanlagen längst umgewidmet worden, dienen als imposante Restaurants oder Industrie-Museen und prägen – gerade in den langen Wintermonaten – die Aura in der aufstrebenden Stadt. Aufstrebend auch deshalb, weil die Tourismus- und Dienstleistungsbranche in Südwestfinnland wächst.

"Von einem Boom zu sprechen wäre ein wenig übertrieben" sagt Mari Saloniemi, die für die Stadt Tampere arbeitet. "Doch man versteht hier so langsam, die Qualitäten der finnischen Provinz zu schätzen." Zu diesen Qualitäten gehöre etwa die ungewöhnlich hohe Anzahl von Museen, die nicht für Touristen, sondern hauptsächlich für die einheimische Bevölkerung eröffnet worden seien.

Tatsächlich verblüfft der große Andrang, der an einem normalen Donnerstagnachmittag etwa im Museumszentrum Vapriiki herrscht. Die frühere Spinnerei beherbergt in ihren hohen Hallen gleich mehrere Museen, angeblich hoffen hier auf mehreren Ebenen rund 350.000 Gegenstände aus den Bereichen Technik, Archäologie und Handwerk auf freundliche Beachtung.

"Alles sehr lebendig, nicht bloß grau und trist"

Von konventionellem Museumsbetrieb ist in diesem Industriedenkmal wenig zu spüren. Ganze Familien ziehen lachend und lärmend durch die Gänge, von akademischer Fakten- und Bildungshuberei keine Spur.

Am besten versinnbildlicht die Anordnung dreier aufeinander folgender Ausstellungsräume den Charakter der "Vapriiki": Dem "Eishockey-Museum" (dem populärsten Sport der Region gewidmet) folgt eine große Spielzeug-Schau, im hinteren Teil des Traktes rundet schließlich die lustvoll in Szene gesetzte "Schuhausstellung" das Vergnügen für die ganze Familie ab.

"Wir haben hier auch das erste Spionagemuseum der Welt", sagt Mari Saloniemi und erwähnt, dass im gleichen Komplex ein Vergnügungszentrum mit Kino und diversen Gaststätten beheimatet sei, "alles sehr bunt und lebendig, nicht bloß grau und trist".

Anschließend muss sie selbst lachen. "Ja, sicher, natürlich ist diese sogenannte Winterdepression durch den saisonalen Mangel an Sonnenlicht ein Thema in Finnland. Aber wir arbeiten dagegen an. Denken Sie nur an unser Lichterfest!"

Eine Lichtdusche hilft gegen die Depression

Beim "Lichterfest" handelt es sich um eine fast drei Monate andauernde, sehr bunte Lichtinstallation in der gesamten Stadt, man könnte Tampere auch das Las Vegas des Nordens nennen. "Das hat schon etwas sehr Beschwingtes, Weltoffenes", sagt Mari Saloniemi: "Man muss also nicht depressiv werden, wenn man im finnischen Winter auf die Straße geht."

Allerdings gibt sie zu: "Viele von meinen Kolleginnen haben diese Lichttherapielampen, mit denen sie schon morgens beim Frühstück eine Lichtdusche nehmen und damit ihren Vitamin-D-Haushalt regulieren." Soll gegen die Winterdepression helfen, die in den skandinavischen Ländern weit verbreitet ist.

"Aber schreiben Sie um Gottes willen nicht, dass die Finnen die höchste Selbstmordrate haben, das stimmt nämlich nicht", sagt Mari Saloniemi. Womit sie recht hat. Unter Jugendlichen liegt Neuseeland in dieser Liste vorn, ansonsten Litauen. Die skandinavischen Länder folgen allerdings schon auf den nächsten Plätzen. Mari selbst geht indes auch lieber auf Nummer sicher und nutzt eine dieser Kunstlichtlampen – "aber nur hin und wieder".

Mit Freunden in der Sauna schwitzen

Für so etwas hat Heikki Rönni, der hoch aufgeschossene finnische Musiker, Fischer und Gästehaus-Besitzer, überhaupt keinen Sinn. Er ist der kernige Typ Pulloverträger und ein rundum fröhlich-energetischer Mensch.

Er führt durch die "Villa Hepolahti", das Haus seiner Großeltern, das sich malerisch an einen kleinen See in Laitikkala schmiegt und sich mit seinen großen Fensterfluchten und dem klaren Holzdesign am Bauhaus-Stil orientiert. Die Villa vermietet Heikki Rönni an Gäste und Gesellschaften, die eine gute Fischplatte und die grandiose Aussicht auf den See zu schätzen wissen, die Fische können mit dem hauseigenen Boot selbst gefangen werden.

Doch das ist nicht alles: Neben dem Bootssteg stehen zwei große Saunen, die Heikki nicht nur Gästen zur Verfügung stellt: "So oft ich kann, bin ich im Winter hier und schwitze mit Freunden. Das nämlich ist mein Mittel gegen die langen Nächte in Finnland: Geselligkeit!"

Und Sport natürlich. Auf dem zugefrorenen See soll man im Winter prima Eishockey spielen können, behauptet Heikki. "Aber wenn ich mal schlecht drauf bin und mich wirklich lebendig fühlen will, wissen Sie, was ich dann mache? Ich hacke ein Loch ins Eis und tauche kurz ins Wasser ein. Spätestens das hellt meine Laune auf!"

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit Finland. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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