10.01.13

Reederei Costa

"Concordia"-Überlebende bei Gedenken unerwünscht

Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere will die Überlebenden des "Costa Concordia"-Unglücks nicht an der Gedenkfeier teilnehmen lassen. Eine Opfer-Initiative spricht von "unmenschlichem Benehmen".

Quelle: dapd
08.01.2013 1:56 min.
Jutta Neumann liebt Kreuzfahrten. Am liebsten würde die 68-Jährige mit ihrem Mann mal wieder eine Tour buchen. Aber die Neumanns werden in ihrem Leben wahrscheinlich kein Schiff mehr betreten.

Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere hat Überlebenden des Schiffbruchs der "Costa Concordia" von der Reise zu den Gedenkfeiern zum ersten Jahrestag des Unglücks auf der Insel Giglio abgeraten und damit heftige Kritik ausgelöst. In einem Brief an die Überlebenden schrieb das Unternehmen, die Gedenkfeier auf Giglio am 13. Januar sei "den Familien derer gewidmet, die nicht mehr unter uns sind".

Aus logistischen Gründen sei es unmöglich, die mehr als 4200 überlebenden Passagiere des Schiffsunglücks auf der Insel zu empfangen, hieß es in dem Schreiben. Den Überlebenden schlug die Kreuzfahrtgesellschaft deshalb die Teilnahme an dezentralen Gedenkfeiern in ihren jeweiligen Herkunftsländern vor.

"Ein unmenschliches Benehmen"

Der französische Verband der Costa-Überlebenden kritisierte das Ansinnen heftig. Die Kreuzfahrtgesellschaft habe "von Anfang an ein unmenschliches und inakzeptables Benehmen" an den Tag gelegt, sagte Sprecherin Anne Decré.

Das Angebot, an dezentralen Feiern teilzunehmen, sei ein Versuch, "unser Schweigen zu erkaufen". Die Überlebenden wollten auch deshalb nach Giglio reisen, "um den Insulanern für alles zu danken, was sie in der Unglücksnacht für uns getan haben", betonte Decré.

"Ich brauche ein Grab zum Weinen"

Auf Giglio findet am 13. Januar eine Gedenkfeier zur Erinnerung an das "Costa Concordia"-Unglück statt. Zum Auftakt soll um 9 Uhr das Felsstück an seinen ursprünglichen Platz im Meer versenkt werden, das nach einer Kollision im Rumpf des Kreuzfahrtschiffes steckengeblieben war. Auf dem Felsen wurde eine Gedenktafel mit den Namen der 32 Todesopfer angebracht.

In der Inselkirche, in der in der Unglücksnacht zahlreiche Überlebende versorgt wurden, findet ein Gottesdienst statt. Helfern in der Unglücksnacht sollen Medaillen verliehen werden. Um 20.45 Uhr, dem Zeitpunkt der Kollision, sollen im Hafen die Schiffssirenen ertönen.

Auf die Insel dürfen nur Familien der Opfer

In Städten weltweit werden Gottesdienste organisiert. Auf die Insel selbst dürfen aber nur die Familien der Opfer. Unter den Toten sind zwölf Deutsche, sechs Franzosen, sechs Italiener, zwei Peruaner, zwei US-Bürger, ein Ungar und ein Spanier. Ein indisches Crewmitglied und eine italienische Passagierin gelten noch immer als vermisst.

"Seit zwölf Monaten wache ich jeden Morgen auf in der Hoffnung, einen Anruf zu erhalten", sagte der Ehemann der Vermissten, Elio Vincenzi, der Tageszeitung "La Stampa". "Ich brauche ein Grab, an dem ich weinen kann."

Gegen zehn Personen wird ermittelt

Bei dem Unglück am 13. Januar 2012 starben 32 Menschen, darunter zwölf Deutsche. Die "Costa Concordia" schrammte mit mehr als 4200 Menschen an Bord einen Felsen und lief vor der Toskana-Insel Giglio auf Grund.

Zehn mutmaßlich Verantwortliche stehen seither im Visier der Staatsanwaltschaft, darunter drei Führungskräfte der Kreuzfahrtgesellschaft – und vor allem Kapitän Francesco Schettino. "Kapitän Feigling", wie ihn die italienischen Medien nennen, soll das riskante "Verneigungs"-Manöver zum Gruß der Inselbewohner veranlasst haben.

Als das Schiff von der doppelten Größe der Titanic den Felsen rammte und leck schlug, spielte er das Unglück zunächst herunter und ließ wertvolle Zeit verstreichen, bevor er Hilfe holte. Dann ging er von Bord, während im Schiffsbauch noch Menschen um ihr Leben kämpften. Schettino darf derzeit sein Heimatdorf nicht verlassen.

Hunderte sprangen panisch ins kalte Meer

Die Evakuierung verlief chaotisch. Da das Schiff zu diesem Zeitpunkt eine Schlagseite von 90 Grad hatte, wurden Wände zu Böden und Decken. Hunderte Passagiere sprangen in Panik ins kalte Meer oder klammerten sich an die Schiffswände.

"Was mich vor allem verfolgt, sind die Augen der Kinder", sagt Giglios Vize-Bürgermeister Mario Pellegrini. "Sie weinten, aber sie schrien nicht, sie waren wie gelähmt vor Angst." Der Hotelier war in der Unglücksnacht an Bord geklettert, um Passagiere aus dem Labyrinth der Schiffsgänge zu befreien. "Es war wie im Film! Jeder versuchte seine Haut zu retten, niemand sorgte für Ordnung, die Menschen standen unter Schock."

Bis heute liegt das Kreuzfahrtschiff vor Giglio im Meer. Die bisher größte Bergungsaktion der Geschichte verläuft schleppend, frühestens im September kann das gestrandete Wrack nach Angaben internationaler Spezialisten flott gemacht werden.

Quelle: AFP/nics
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