02.01.13

Norwegen

Après-Ski gibt es nicht, dafür Schnee ohne Ende

Heimeligkeit statt Trubel: Partys wie in den Alpen kennt man kaum im norwegischen Wintersportgebiet um Lillehammer. Es gibt keine Bars, kein Gejohle – aber Schnee auch ohne Schneekanonen.

Von Karsten Kammholz
Foto: Visitnorway.com

Norwegen: ein Fest für Skifahrer und Langläufer.

6 Bilder

Auf der sanfteren Westseite im Skigebiet von Kvitfjell hat Knut-Arne seine Bestimmung gefunden. Gut 100 Meter vor der Talstation des Sessellifts hat der Mittvierziger am Rande des Skihangs ein Ensemble aus historischen Hütten gebaut.

Im frühen 19. Jahrhundert standen sie einige Kilometer weiter weg. In Norwegen lässt man alte Hütten nicht einfach so verfallen. Man baut sie lieber ab und errichtet sie frisch restauriert wieder an einem neuen Ort. Knut-Arne hat es auch so gemacht.

Vor neun Jahren fand der Restaurantchef am Hang den perfekten Ort für seine historischen Hütten, und weil er noch eine weitere brauchte, stellte er nach Vorbild der anderen Häuser noch einen Holzneubau dazu. Fertig war sein "Tyri-Hans Skicafé": rechts das Restaurant mit Außengrill, links die Pizzeria, die Knut-Arne allerdings nur an Wochenenden öffnet.

Innerhalb der Woche kommen zu wenig Skifahrer nach Kvitfjell. Das Skigebiet hätte sehr viel Platz für mehr Gäste. Auch Knut-Arne könnte mehr verdienen. Aber er will nicht. In Norwegen muss man nicht wachsen, um groß zu sein.

Wir sitzen beisammen im "Tyri-Hans" bei einem Seafood-Sandwich mit Kaviar. Einige der Gäste haben ihre Skischuhe ausgezogen und vor den Kamin gelegt.

Vor der Tür herrschen Minusgrade

Das Feuer knistert, draußen herrschen Minusgrade. Knut-Arne preist seine Speisen, man kann nur zustimmen. Alles schnell und trotzdem edel hinzubekommen, sei das Geheimnis seines Erfolges, verkündet er.

Apropos Geheimnis: "Ich weiß, dass wir auch Leute wie dich hier brauchen, Journalisten, damit mehr Leute erfahren, wie schön es hier ist. Aber ..." Er blickt sich um. Was er jetzt zu sagen hat, sollen lieber nicht alle zu hören bekommen. "Also, eigentlich soll es hier so bleiben, wie es ist."

So heimelig, wie es in Kvitfjell und den umliegenden Skiorten in der Region Lillehammers ist, so ist es in den meisten Skigebieten der Alpen schon lange nicht mehr. Das fängt bei den Liftanlagen an, wo es selbst an den Wochenenden nur ganz selten Wartezeiten gibt, und endet beim Après-Ski, das für die meisten Norweger ein Fremdwort ist.

Gemütlichkeit statt Trubel

Wer Party in Kvitfjell braucht, kann sie – wenn überhaupt – auf einer einzigen Hütte an den Osthängen finden. Aber diese Hütte dort macht meist auch schon um 18 Uhr zu, damit ja niemand zu spät zum Abendessen kommt. Gemütlichkeit statt Trubel. Die Norweger wissen, dass sie mit den Skiregionen der Alpen ansonsten mithalten können. Die Saison geht hier bis weit in den April hinein.

Schneesicherheit gibt es in und um Lillehammer auch ohne Schneekanonen. Das liegt am kontinental geprägten Klima, das Skifahren von November bis Frühling ermöglicht. Weder gibt es hier Föhnwinde wie in den Alpen noch kann der warme Nordatlantikstrom das Klima in der Region beeinflussen.

Wo solche milden Einflüsse fehlen, hat es die Kälte besonders leicht. Aber Minusgrade im zweistelligen Bereich sind im März und April nicht mehr zu erwarten.

Dann, so sagen die Einheimischen, macht ihnen der Wintersport am meisten Spaß. Der Schnee ist im Frühjahr noch in Massen da, die Sonne scheint endlich kräftig, die Tage sind wieder länger, und die Temperaturen steigen auch mal über den Gefrierpunkt.

Langlaufloipen mit Endlospanorama

Noch immer gilt Norwegen als ein Fest für Langläufer. Das Loipensystem verbindet Hunderte von Streckenkilometern miteinander. Sie ziehen sich durch die Wälder, über baumfreie Hochplateaus und bieten immer wieder ein Endlospanorama.

Mit den Hügeln ist das jedoch so eine Sache in den alpinen Skigebieten von Kvitfjell und Hafjell. Von Weitem wirken sie nicht allzu spektakulär. Und dass sie schon bei knapp 200 Höhenmetern beginnen und bei gut 1000 Höhenmetern enden, wirkt auf Alpenkenner nicht gerade Ehrfurcht einflößend.

Doch die für die Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer neu erschlossenen Gebiete weisen tiefschwarze Pisten auf, denen sich besser nur Könner nähern sollten. Wer sich etwa in Kvitfjell entscheidet, die Talabfahrt zu nehmen, muss wissen, was er tut: Der Zielhang weist ein Gefälle von 64 Prozent auf. Die Olympia-Abfahrt verzeiht keine Fehler.

Auswahl und Abwechslung für Skifahrer

Dafür bieten die restlichen der 31 Pistenkilometer und die meisten der 40 Pistenkilometer in Hafjell viel Abwechslung für Genussfahrer: Für Anfänger gibt es reichlich blaue und grüne Pisten, und wer nicht Ski fahren mag, kann auch auf den Pferdeschlitten umsteigen.

Familienfreundlichkeit wird ohnehin großgeschrieben, und daran hat auch Vibeke ihren Anteil. Die 27-Jährige ist eine von vielen Saisonkräften, die für die Wintermonate von Oslo nach Kvitfjell kommen.

Vibeke ist "Activity Manager". Und sie hat sich etwas einfallen lassen, das sich in Norwegen herumgesprochen hat. Für kleine Skifahrer – die jüngsten sind erst zwei Jahre alt – hat sie die "Junior Skipatruljen" gegründet. Wer sich zur "Patrouille" anmeldet, bekommt ein Walkie-Talkie in die Hand, ein rotes Trikot übergestreift und ein Notfallset mit Pflastern um den Arm gebunden.

"So lernen die Kinder früh, auf der Piste Verantwortung zu übernehmen", sagt Vibeke. "Sie fahren vorsichtiger und helfen einander." Und: Wer als Skipatrouille unterwegs ist, bekommt in den Restaurants zehn Prozent Rabatt auf heiße Schokolade.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Norwegischen Fremdenverkehrsamt. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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