16.12.12

Italien

Wenn Gelatieri vor dem deutschen Winter flüchten

Ein Großteil der Eiscafés in Deutschland wird von Italienern geführt. Ist die Saison vorbei, kehren die meisten Eisdielenbesitzer in ihre Heimat zurück. Ein Besuch im berühmten Tal der Gelatieri.

Foto: picture-alliance/ ZB

Italiens Gelatiere haben Eiscreme in Deutschland groß gemacht. Hier macht der Eigentümer der italiensichen Eisdiele „Venezia“ in Magdeburg Werbung
Italiens Gelatiere haben Eiscreme in Deutschland groß gemacht. Hier macht der Eigentümer der italiensichen Eisdiele "Venezia" in Magdeburg Werbung

An den Hängen rund um das italienische Dorf Pecol präparieren die Schneekanonen bereits die Pisten. Im Hintergrund ragen Dolomitengipfel unter dem blauen Winterhimmel empor. Männer in dicken Windjacken schrauben an ihren Pistenbullys. In dem kleinen Ort unter dem Staulanza-Pass laufen die letzten Vorbereitungen. In ein paar Tagen, kurz vor Weihnachten, wird die neue Saison beginnen.

Trotzdem parken in Pecol auffallend viele Autos mit deutschem Kennzeichen. Hat es doch schon ein paar Touristen verfrüht hierher verschlagen? Nein, die Wagen gehören den Gelatieri, die im Sommer ihre Eisdielen in Deutschland betreiben und jedes Jahr zum Überwintern in ihre Heimatdörfer im Zoldo-Tal zurückkehren.

Ein Großteil der 4500 Eiscafés zwischen München und Kiel wird von Italienern geführt – von denen wiederum die meisten aus einem Dolomitental stammen, dem Val di Zoldo. Warum das so ist, weiß niemand ganz genau.

Die italienischen Eismacher schwärmten aus

Manche erzählen die Geschichte von Giulio Matiuzzi, dem ersten Gelatiere aus Zoppè im Zoldo-Tal, der um 1870 in Venedig bei einem sizilianischen Konditor gelernt habe, Sorbet herzustellen. Dann soll er nach Wien gegangen sein, dort einen Eiswagen aufgestellt und am Ende seiner Laufbahn 60 Eisverkäufer – natürlich aus seinem Heimatdorf – beschäftigt haben.

Von Wien als Ausgangspunkt schwärmten die Eismacher über Mitteleuropa aus. "Unsere Vorfahren waren bitterarm, die Bewohner des Zoldo-Tals mussten seit jeher emigrieren", erklärt Dario Olivier. Der 45-Jährige betreibt in dritter Generation einen Eisladen in der Bahnhofstraße von Witten, Nordrhein-Westfalen.

Als Vizepräsident von "Uniteis", dem Bundesverband der italienischen Speiseeishersteller, kennt Olivier jeden Gelatiere im Tal, denn praktisch alle in Deutschland tätigen Zoldani sind auch Verbandsmitglieder.

Endgültiger Rückzug ins Zoldo-Tal

Die Wintermonate verbringt Dario Olivier mit seiner Familie in der Nähe von Fornesighe, einem Weiler unter dem Cibiana-Pass. "Wir machen es wie die Schwalben. Im Winter reisen wir gen Süden. Nur, dass es hier dann nicht wärmer ist als in Deutschland", sagt Olivier und zeigt hinaus auf die schneebedeckten Berge.

Das Haus reparieren, Brennholz hacken, Ski fahren oder Verwandte und Freunde besuchen – so vergehen die Ferienmonate der Gelatieri. Heute besucht Dario Olivier einen Kollegen in seinem Café unter dem Staulanza-Pass. Carletto Piva hat lange als Gelatiere in Deutschland gearbeitet – und etliche Wintersaisons daheim als Skilehrer.

Vor einigen Jahren kehrte er mit Frau Violetta endgültig in das Zoldo-Tal zurück, um die Eltern zu pflegen. Für sein Gelato hat Carletto mehrere Auszeichnungen bekommen, stolz zeigt er die Fotos an der getäfelten Wand des Lokals, wo er mit prominenten Gästen abgebildet ist.

Von drei Söhnen übernimmt keiner die Eisdiele

Die Lage sei nicht mehr so rosig, sind sich Olivier und Piva einig. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als Tausende Gelatieri nach Deutschland zogen und dort Läden eröffneten, hätten sie kaum Konkurrenz fürchten müssen. Um ihr Heimweh zu besänftigen und die Sehnsüchte der Deutschen nach der Sonne und den Genüssen des Südens zu wecken, nannten sie ihre Eisdielen "Dolomiti" oder "Venezia".

"Als wir jung waren und bei Bielefeld von Carlettos Onkel die Eisdiele übernahmen, beneideten mich meine Freundinnen", sagt Violetta Piva. Diese Zeiten sind vorbei. Heute werden nicht nur immer mehr italienische Eiscafés von Nichtitalienern übernommen, man muss sich auch gegen billiges Industrieeis durchsetzen.

"Viele Kinder der Gelatieri bleiben deshalb lieber in ihrem italienischen Heimatdorf", sagt Dario Olivier. Von seinen drei Söhnen werde keiner den Laden in Witten übernehmen. Denn auch im Zoldo-Tal lässt es sich mittlerweile gut leben, eine Brillenfabrik hat eröffnet und bietet Jobs, manche Talbewohner fahren aber auch zur Arbeit in die eine Autostunde entfernte Provinzhauptstadt Belluno.

Die Zukunft liegt im Tourismus

Heute, schätzt der Vizepräsident von "Uniteis", würden nur mehr etwa 800 Gelatieri zwischen Deutschland und dem Zoldo-Tal pendeln. Zum einen, weil viele aus der dritten und vierten Generation die Bindung zum Herkunftstal verloren haben, zum anderen, weil einige Gelatieri endgültig zurückgekehrt sind, so wie Carletto und Violetta Piva.

Während Violetta Prosecco und selbst gebackenen Kuchen aufträgt, die übrigen Gäste im Lokal sich langsam verabschieden, kommt das Gespräch auf die Zukunft des Zoldo-Tals. Sie liege im Tourismus, mischt sich ein Mann ins Gespräch ein. Er heißt Bruno Piva und stellt sich als Präsident des "Civetta-Skiverbandes" vor.

"Mit der Ausrede, wir seien ein Emigrantental, ist hier viel zu lange nichts geschehen", schimpft dagegen Carletto Piva. "Manche Gastbetriebe müssten dringend renoviert werden." Schließlich einigt man sich darauf, dass das Val di Zoldo noch nicht dort steht, wo es stehen könnte, inzwischen aber aufgeholt hat.

Dolomiti-Superski-Karussell

Im Sommer finden Kletterer an den senkrechten Felswänden der Civetta und des Monte Pelmo zahlreiche Herausforderungen, Höhen- und Fernwanderwege ziehen nicht ganz so Wagemutige an. Im Winter bieten die hiesigen Aufstiegsanlagen, die zum riesigen Dolomiti-Superski-Karussell gehören, Skifahrern ideale Bedingungen.

"Wir werden hier an der Alpensüdseite von der Sonne verwöhnt – und in eineinhalb Stunden erreicht man Venedig", rühmt der Skiverbands-Präsident die Vorzüge des Zoldo-Tals. "Nur wissen das jenseits der Alpen zu wenige."

Am nächsten Morgen brechen wir zeitig auf. Über die Hochebene Palafavera mäandert eine Langlaufloipe am Wildbach Rio Canedo entlang. Erlen, von Raureif bedeckt, neigen sich über das Gewässer. Am Wochenende wird es hier voller werden, jetzt zieht lediglich ein Pärchen seine Bahn.

Eine Bar, die Kirche, ein Tante-Emma-Laden

Eingeklemmt zwischen dem Cibiana-, Staulanza- und Duran-Pass, drängen sich die Hauptorte Zoldo Alto und Forno di Zoldo im schattigen Talgrund. An den Hängen kleben verstreute Weiler – mit einem Brunnen auf der zentralen Piazza, von dort zweigen Gassen ab, flankiert von steingemauerten Häusern und Heuschuppen aus verwittertem Lärchenholz.

Was zum Leben wichtig ist, gibt es in jedem dieser kleinen Dörfer: eine Bar, die Kirche, ein Tante-Emma-Laden. Vor dem einzigen Geschäft in Pieve steht eine Frauengruppe und plaudert, unterdessen rollen Autos mit deutschem Nummernschild vorbei.

Die Fahrer grüßen die Damen, man kennt sich und weiß, wer mit seinem Eis im Sommer in welcher deutschen Stadt sein Geld verdient. Anfang März, wenn der Schnee auf den Hängen langsam schmilzt und die Wagenkolonne dann wieder Richtung Norden aufbricht, werden die Gelatieri dort wieder italienisches Lebensgefühl verbreiten.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Tourismuskonsortium Val di Zoldo. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unterwww.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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Tipps für das Val di Zoldo
  • Anreise

    Zum Beispiel mit EasyJet oder Air Berlin von Berlin nach Venedig. Weiter mit dem Mietwagen in anderthalb Stunden ins Zoldo-Tal.

  • Unterkunft

    Hotel Zoldana“ in Forno di Zoldo, Hotel mit drei Sternen, mitten in den Wäldern des Zoldo-Tals und direkt am Naturpark Belluneser Dolomiten gelegen, Doppelzimmer mit Frühstück ab 33 Euro pro Person bei mindestens drei Übernachtungen, Tel. 0039/0437/79 42 00;

    Villa Chele“ in Forno di Zoldo, traditionelles Haus mit vier Zimmern und drei Appartements, Doppelzimmer mit Frühstück ab 28 Euro, Tel. 0039/0437/785 85;

    Rifugio Passo Staulanza“ in Zoldo Alto, Doppelzimmer ab 60 Euro pro Person mit Halbpension.

  • Auskunft

    Ufficio Turistico Forno Di Zoldo, Tel. 0039/0437/78 73 49;

    www.valdizoldo.net;

    Skigebiet Civetta,

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