15.12.12

Kulturhauptstadt

Nostalgie und Neuzeit im slowakischen Košice

Die zweitgrößte Stadt der Slowakei, die früher Kaschau hieß, wird – neben der französischen Hafenstadt Marseille – Europäische Kulturhauptstadt 2013. Unser Autor hat sich in der Stadt umgesehen.

Von Marko Martin
Foto: picture alliance / HELMUT FOHRIN

Košice, das frühere Kaschau, ist Europas Kulturhauptstadt 2013.

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"Die Stadt war zu allen Zeiten klein, sauber und bunt, wie die Spielzeugstadt in einer Schachtel." Und deshalb rennen sie lärmend los, die Gymnasiasten in Sándor Márais berühmtem Roman "Die jungen Rebellen", laufen zickzack auf der Fußgängerpromenade im Schatten des gotischen Elisabeth-Doms und schneiden den Kaffeehausgästen vis-à-vis des Stadttheaters spöttische Grimassen.

Und all das war vor fast hundert Jahren geschehen, als das ostslowakische Košice, gelegen am Fuß der Karpaten, noch Kaschau hieß und Teil war des multi-ethnischen k. u. k. Reichs. Weshalb also sollte man keine Nostalgie verspüren nach einer Zeit, in der hier Slowaken und Juden, Karpatendeutsche und Ungarn friedlich nebeneinanderlebten und in besagtem Theater, einem weißen, neobarock-eklektizistischen Klotz, "Der Zigeunerbaron" gegeben wurde?

Europäische Kulturhauptstadt 2013

Unvorstellbar, ohne solche Gedanken-Assoziationen diese Viertelmillion-Einwohner-Stadt, die zweitgrößte der Slowakei, zu durchstreifen. Ab Januar wird sie nämlich für ein Jahr den Ehrentitel "Europäische Kulturhauptstadt 2013" tragen.

Dabei setzt die Stadtverwaltung ganz auf Gegenwärtiges, ja vielleicht sogar allzu Heutiges: Künstlerprojekte und Installationen wird es geben, Musikfestivals der "Toleranz und Diversität" werden abgehalten – aber auch Folklore wird im Minderheiten-Theater "Romathan" geboten.

Doch was den aufmerksamen Flaneur auf der wieder schmuck restaurierten Fußgängerpromenade Hlavná innehalten lässt, ist eher dies: Da braust plötzlich Orgelklang aus den offenen Flügeltüren der gotischen Michaels-Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, man sieht die Rücken der Brautleute, eingerahmt von den nicht immer korrekt sitzenden Festkostümen der Verwandten, während am Portal-Eingang bereits drei dickleibig-schnauzbärtige Fiedler Aufstellung genommen haben, um nach Ende der Trauung dem Hochzeitspaar zünftig aufzuspielen und damit vielleicht den einen oder anderen Euro ins Innere ihrer speckigen Hüte zu zaubern.

Gedenkzimmer für Sándor Márai

Gewiss: Inzwischen hat man sie politisch korrekt Sinti und Roma zu nennen, doch noch immer sind sie hier eine starke, sichtbare Minderheit. Auch wenn die Stadtplaner sie noch zu sozialistischen Zeiten in ein unwirtliches Neubauviertel am Rande des Zentrums abgeschoben hatten.

Selbst Sándor Márai, immerhin der weltliterarisch berühmteste Sohn der Stadt, besitzt außer einer Statue nur zwei dürr ausgestattete Gedenkzimmerchen im Parterre seines Elternhauses.

Ob es vielleicht daran liegt, dass der 1900 hier geborene (und 1989 im amerikanischen Exil gestorbene) Romancier gebürtiger Ungar war und seinen berühmten Kaschau-Roman im Jahr 1930 geschrieben hatte, als die Stadt längst Teil der Tschechoslowakei war – ehe sie 1938 erneut von den Ungarn und danach von der Wehrmacht besetzt wurde?

Bei allem Jubiläumstrubel, der selbstverständlich auch "Klezmer-Konzerte" mit einschließt: An die Tatsache, dass vom einst so idyllischen Kaschauer Bahnhof nach einem Plan Adolf Eichmanns die Züge mit den slowakischen und ungarischen Juden direkt nach Auschwitz rollten, möchte man nun doch nicht so gern erinnert werden.

Synagogen im maurisch-modernistischem Stil

Zwar ist eine der großen, in der Toleranz-Zeit des k. u. k. Reichs in maurisch-modernistischem Stil erbauten Synagogen ebenfalls wieder restauriert und für Gottesdienste offen, doch ist die verbliebene Gemeinde sehr klein, und der Rabbiner kommt nur übers Wochenende von Budapest herauf.

Wer zwischen den Bankreihen in Richtung der Stelle läuft, wo sich die geheiligte Thorarolle befindet, kann hinter den Holzverkleidungen der Wand noch eingekerbte Schriftzeichen erkennen – im Frühjahr 1944 in Todesangst hingekritzelt, als die Juden der Stadt von respektierten Kulturbürgern längst zu Toten auf Abruf geworden waren und hier eingepfercht wurden, ehe man sie zum Bahnhof trieb.

Es sind gerade solch halb verborgenen Zickzacklinien, die diese Stadt tatsächlich "typisch europäisch" machen und all den so schmuck à la Jugendstil wiederhergestellten Bürgerhäusern eine ambivalente Tiefenschicht verleihen.

Schade, dass auch nach über einem halben Jahrhundert all das eher kursorisch und verschämt abgehandelt wird und man schon den in Wuppertal erschienenen Geschichtsreiseführer "Kaschau war eine europäische Stadt" bei sich haben muss, um das Besondere der heutigen Universitätsstadt Košice zu erkennen.

Studenten aus aller Welt

Und die jungen Leute? Sind inzwischen natürlich keine kaiserlichen Gymnasiasten mehr mit hochrotem Kopf Geschichten wispern über die angebliche Ausschweifung am Städtischen Theater.

Eher Studenten und Erasmus-Stipendiaten aus aller Welt, die abendlich in den zahllosen Bars, den Pizza- und Kebab-Imbissen stehen oder es sich in den Lounge-Cafés an der Hlavná vor ihren Laptops bequem machen, da ein Edelrestaurant wie das "Le Colonial" doch eher gediegenere Menschen anspricht.

Für die Nachtschwärmer bietet sich übrigens – und das ist eine weitere Pointe, die Košice bereithält – der Club "Marseille" an.

Purer Zufall, dass der boomende Laden nach jener französischen Hafenstadt benannt ist, die ab Januar mit Košice den Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2013" teilt.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Deutschen Kulturform östliches Europa. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

Foto: Getty Images

Marseille, die französische Metropole am Mittelmeer, putzt sich heraus.

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