09.12.12

Italien

Warum Juden aus aller Welt nach Kalabrien kommen

In Kalabrien wird seit Jahrtausenden eine seltene Frucht angebaut, deren Schale zu Köstlichkeiten verarbeitet wird. Ein besonderes Interesse an der regionalen Spezialität haben vor allem Juden.

Von Jens Golombek
Foto: picture-alliance/ dpa

Bereits 300 v. Chr. soll Alexander der Große die Zitronatzitrone von seinem Feldzug durch Asien nach Europa mitgebracht haben. Im Norden Kalabriens, wo sie seit der Antike angebaut wird, ist sogar ein ganzer Küstenstreifen nach ihr benannt: die Riviera dei Cedri.

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Sie hat eine gelblich-grüne bis goldgelbe, schrundige Schale. Kratzt man ein wenig daran, verbreitet sie einen erfrischend herben Duft. Die Zitronatzitrone, auch als Zedratzitrone bezeichnet oder schlicht Cedro, wie die Italiener sie nennen, ist ein besonderes Gewächs. Denn nicht das spärliche Fleisch dieser Frucht, sondern das Drumherum, die Schale, wird zu Zitronat, Konfitüre und Likör verarbeitet.

Bereits 300 v. Chr. soll Alexander der Große die Zitronatzitrone von seinem Feldzug durch Asien nach Europa mitgebracht haben. Im Norden Kalabriens, wo sie seit der Antike angebaut wird, ist sogar ein ganzer Küstenstreifen nach ihr benannt: die Riviera dei Cedri. 70 Kilometer lang, reicht sie von Tortora nach Paola, und kaum ein Weg führt nicht an der schrumpeligen Frucht vorbei.

Eine Altstadt mit verwinkelten Gassen

Ein idealer Ausgangspunkt für Exkursionen entlang der Zitronatzitronenküste ist Scalea. Zunächst kein schöner Anblick. Die Hügelstadt ist umgeben von gesichtslosen, wenig ansehnlichen Neubauvierteln.

Doch arbeitet man sich bis zum Kern vor, gelangt man zur verwinkelten Altstadt. Mit ihren steilen Treppengassen, die hinauf zu einem halb verfallenen Kastell führen, hat sie sich zum Glück ihren ursprünglichen Charme bewahrt.

Und in den Geschäften dort werden die unterschiedlichsten Produkte aus der Zitronatzitrone angeboten. Direkt probieren kann man sie in den Cafés, wo es diverse Kuchen und Torten mit knallgrüner Füllung gibt.

Exotische Cedro-Spezialitäten

Größer noch ist die Auswahl im benachbarten Santa Maria del Cedro. Ein verschlafenes Dorf, dem man seine bewegte, viele tausend Jahre alte Geschichte nicht ansieht. In der fruchtbaren Gegend siedelten einst die Stämme der Enotrer, Lukaner und Bruttier, und die Berge des Pollino-Massivs, an dessen Füßen der Ort liegt, haben schon die Heere des karthagischen Eroberers Hannibal hier durchziehen sehen.

Michele Vitale, Besitzer der "Bar Italia" an der Piazza del Popolo in Santa Maria del Cedro, fühlt sich geschmeichelt, wenn Besucher interessiert nach seinen – für sie exotischen – Cedro-Spezialitäten fragen.

In Vitales Bar kann der Gast bestaunen, was sich alles aus der fleischigen Schale der Zitronatzitrone herstellen lässt: Gletschergrün schimmernde Granita zum Beispiel, eine Art Sorbet, fruchtig-herb, nicht zu süß, sondern schön erfrischend. Oder eisgekühlter Cedro-Likör. Oder Cedro-Sirup, der zusammen mit leicht perlendem Prosecco einen hervorragenden Aperitif ergibt.

In Deutschland wird getrickst

Auf deutschen Märkten ist die Zitrusfrucht hingegen eine Seltenheit. Sie wird kaum in den hohen, kalten Norden exportiert. Bei uns kennt man sie allenfalls aus dem Backwarenregal. Zitronat, auch Sukkade genannt, wird dort in Form klebriger Würfelchen für die Weihnachtsbäckerei angeboten, die Christstollen und Lebkuchen verfeinern.

Aber Vorsicht: Häufig werden für Sukkade nicht Cedro-Schalen, sondern billigere Melonen oder Kürbisse kandiert. Es lohnt sich also, die Rückseite der Verpackung zu lesen.

An diesem Nachmittag macht Michele Vitale ein gutes Geschäft mit seinen deutschen Besuchern, die ihr grünes Wunder erleben, als der Wirt einen Rollladen hochzieht und ihnen auch noch den Lagerraum neben seinem Lokal zeigt. Hier stapeln sich weitere Köstlichkeiten: goldgrüner, mit Zitronatzitronenextrakt versetzter Honig in kleinen, filigranen Flakons und Gläser mit grellgrüner Marmellata di cedri, ein leckerer Aufstrich zum Frühstück.

Die Ernte ist ein mühsames Geschäft

Danach geht die kulinarische Tour weiter zur Abfüllanlage für den Agrumello, einen Prosecco aus Zitronatzitrone. Micheles Sohn Attilio und sein Cousin Angelo Servidio fahren die neugierigen Deutschen in ihrem Geländewagen den Berg hinunter zu einer Halle am Dorfeingang.

Hier stehen kistenweise die Flaschen mit dem hellbraunen Agrumello, der nicht nur farblich an deutschen Federweißen erinnert. "Hauptabnehmer sind die Hotels, Bars und Restaurants in der Umgebung", sagt Attilio.

Im Verkaufsraum gibt er jedem eine Zitronatzitrone in die Hand, die zur Dekoration in einem Korb auf dem Tresen lagen. Die knubbeligen Dinger, größer als herkömmliche Zitronen, liegen gut in der Hand. Immerzu könnte man sie zwischen der Linken und Rechten hin- und herwandern lassen und betasten. Sie zu ernten ist allerdings kein Vergnügen, sagt Attilio.

Und wo wachsen die Früchte? Attilio deutet auf die Reihen strauchähnlicher Bäumchen, kaum einen Meter hoch, die in einer Senke zwischen ein paar Neubauten stehen. Geerntet wird in Handarbeit ohne Maschinen, gebückt oder auf dem Erdboden sitzend. Eine ziemliche Plackerei, die außerdem durch die holzigen, langen Stacheln der Pflanzen erschwert wird. Ein Grund, warum viele Landwirte in Kalabrien den Anbau eingestellt haben.

"Unsere treuesten Kunden sind die Juden"

Für Attilio und Angelo wäre das undenkbar. "Ein solches Erbe darf man nicht so einfach aufgeben", sagt Angelo. Ein besonderes Interesse an der regionalen Spezialität Kalabriens ist zudem religiös begründet: "Unsere treuesten Kunden sind die Juden."

Jedes Jahr im Sommer kündigen sich in Santa Maria del Cedro Rabbis aus aller Welt an. Sie kommen, um die Ernte der Etrog (hebräisch für Zitronatzitrone) zu begutachten, um die makelloseste Frucht für den Strauß zum Laubhüttenfest, dem jüdischen Erntedank, auszuwählen. Traditionell wird es im September oder Oktober gefeiert.

Dem jüdischen Glauben nach ist der Etrog die Frucht, die Eva im Garten Eden vom Baum der Erkenntnis pflückte und Adam reichte. Besonders begehrt sind die so genannten "Judenäpfel" mit einer Kerbe, die entfernt einem Bissabdruck ähnelt und daher auch Adamsbiss genannt wird.

Die Zitronen, die Attilio an die deutschen Besucher verteilt hat, würden vor dem strengen Auge des Rabbi wohl keine Gnade finden. Was nun damit machen? "Einen Salat", empfiehlt Angelo.

Dafür werden die feinen Streifen der Cedro-Schale am besten in Olivenöl mariniert und mit gerösteten Pinienkernen garniert. So ist die Frucht aus dem Paradies auf jeden Fall eine Sünde wert.

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Tipps für Kalabrien
  • Anreise

    Nächstgelegener Flughafen ist Neapel. Weiter per Mietwagen bis Scalea und Santa Maria del Cedro.

  • Unterkunft

    „Grand Hotel de Rose“, Doppelzimmer mit Frühstück ab 96 Euro, www.hotelderose.it;

    „Hotel Talao“, Doppelzimmer mit Frühstück ab 75 Euro, www. hoteltalao.it; beide Hotels sind im Winter geschlossen.

  • Verkostung

    „Bar Italia“, Piazza del Popolo, Santa Maria del Cedro (der Wirt Michele Vitale organisiert auf Wunsch eine Tour zum Laboratorio Artigianale „S. Maria“);

    „Consorzio del Cedro di Calabria“, kleines Museum mit Verkostung, Via Impresa, Marina di Santa Maria del Cedro.

  • Auskunft
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