06.12.12

Thessaloniki

Eine Griechenlandreise lohnt sich - gerade jetzt

Sparzwänge und immer wieder mahnende Worte aus Berlin: Ist der deutsche Ruf in Griechenland ruiniert? Nein. Unser Autor wurde bei seinem Besuch in Thessaloniki herzlich empfangen.

Von Marko Martin
Foto: picture alliance / Arco Images

Der Weisse Turm in Thessaloniki: Baudenkmal, Museum und Wahrzeichen der Stadt.
Der Weisse Turm in Thessaloniki: Baudenkmal, Museum und Wahrzeichen der Stadt.

Vor kurzem hatten sie hier dem deutschen Konsul nicht Tee, sondern Kaffee über den Kopf geschüttet. Aber wer ist schon "sie?" Drei Randalierer, inzwischen vor Gericht gestellt und sogar von den Boulevardzeitungen des Landes scharf verurteilt – eine Schande für die Kultur griechischer Gastfreundlichkeit. "Mein Gott", sagt der blauäugige Kosta Tornivoukas, "unsere Länder sind so miteinander verknüpft, da dürfen wir uns nicht auseinanderdividieren lassen."

Der Hotelier ist Besitzer des ehrwürdig-eleganten Stadthotels "Excelsior", das er trotz der Krise in der Hoffnung auf gediegene Gäste liebevoll hat restaurieren lassen – mit Art-Déco-Balkonen, dem schmiedeeisernen Aufzug, einer Dach-Panoramaterrasse und einem Jazz-Café. Und er weiß ziemlich genau, wovon er spricht.

Mindestens einmal pro Jahr reist Herr Tornivoukas mit seiner Frau Eleni nach Deutschland – ins bewunderte Berlin mit dem Gendarmenmarkt oder ins geliebte Dresden oben am Weißen Hirsch, zu den Verwandten. "Wissen Sie, dass meine Großmutter selbst hier in Thessaloniki immer noch sächsisch sprach? In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte sie mein Großvater, ein griechischer Tabakhändler, in Dresden kennengelernt und mit nach Griechenland gebracht, wo dann unsere familiäre Hoteliers-Tradition begann."

Geschichtspralle Stadt am Meer

In den kommenden zwei Tagen werde ich ähnliche Geschichten hören, nicht alle mit Happy End, auch nicht alle mit einem mitteleuropäischen Gravitationszentrum, denn schließlich überkreuzen sich in der Stadt am Meer seit jeher der Balkan, das biblische Kleinasien und die Antike. Sonnenlicht pfeilt durch die Blätter der Platanenbäume, und bei Octopus-Salat und griechischem Weißwein – anders als das Klischee es will, gibt es hierzulande Besseres als süßlichen Retsina – sitzen wir im Trottoir-Café vor dem Hotel.

Und anstatt zu klagen, erzählt das Ehepaar von seinem Projekt, ihr Saloniki, wie es der Einfachheit halber heißt, stärker in den Fokus deutscher Städte-Reisender zu bringen. Soll hier womöglich etwas schön geredet werden? Wohl kaum, denn warum nicht einen bislang eher blinden Fleck auf der Landkarte deutscher Reisebüros entdecken, eine geschichtspralle Stadt direkt am Meer, nur circa zwei Flugstunden von Berlin und München entfernt?

Auch in Saloniki selbst sind dann die Entfernungen überschaubar – und die im Unterschied zu Athen wohltuend smogfreien Straßen und Gehwege von Bäumen flankiert, urigen kleinen Kiosken und schicken Cafés. Gerade deshalb gilt: Man sieht nur, was man weiß. Ein bisschen Geschichtskenntnis sollte also schon sein, auch wenn wir das restaurierte Antiken-Areal, auf dem zu urchristlicher Zeit Apostel Paulus gepredigt hatte, der spätere Verfasser der berühmten Thessalonicher-Briefe, erst morgen besuchen werden.

100 Jahre nach dem osmanischen Joch

Aber da, am Blumenmarkt hinter der Fraggini-Straße, steht dort nicht das wuchtige Gebäude eines osmanischen Hamam? Gleicht der farbenfrohe, in seinen überdachten Passagen vor Gemüse und Früchten überquellende Modiano-Markt, einst Zentrum der 1492 aus Spanien vertriebenen und nach Saloniki geflüchteten Juden, nicht ähnlichen Plätzen in Jerusalem oder Istanbul, mit der ehemaligen Moschee vis-á-vis? Und wie passt dazu an der nächsten Straßenecke jenes himmelblaue Art-Déco-Gebäude, eines von vielen in der Stadt?

Deshalb während des Flanierens ein kurzer Geschichtskurs: Nach den griechisch-römisch-byzantinischen Anfängen wurde die Stadt ab dem 14. Jahrhundert für fünfhundert Jahre osmanisch – genau bis zum 26. Oktober 1912. Dass wenige Jahre später ein Brand zahlreiche der eleganten Altstadthäuser beschädigte und dazu politische Verwerfungen die Stadt heimsuchten, ist seit langem Teil des kollektiven Gedächtnisses. Wobei inzwischen aber etwas Positives hinzugekommen ist.

Die diesjährige Feier der Befreiung vom Osmanen-Joch kam ohne nationalistisches Türken-Bashing aus. Mehr noch: Gerade eröffnet eine neue Ausstellung im Atatürk-Museum (tgl. 10-17 Uhr), denn der Vater der modernen Türkei wurde 1881 just hier in Saloniki geboren – und die ehemaligen Erzfeinde sind inzwischen als Touristen- und Nostalgie-Reisende mehr als willkommen.

Abschied vom Chauvinismus

Will heißen: In Zeiten der Krise hat man zumindest hier jenen hellenistischen Chauvinismus verabschiedet, der alle anderen als Barbaren sah, während man selbst in feister Selbstsicherheit Däumchen drehte. Davon aber kann inzwischen keine Rede mehr sein, und so wird man am Wochenende in den Lounge-Cafés der zum Meer hin führenden Gassen und lauschigen Plätze weniger pomadisierte Goldkettchen-Machos treffen als sympathische junge Leute, die mit ihren Laptops und iPads herumhantieren.

Darunter einen Griechen, der, im schwäbischen Reutlingen geboren und wegen seiner Frau nun hierher gezogen, alles andere als ein deutschfeindliches Klagelied anstimmt. "Jetzt krempelt man hier die Ärmel hoch, ha ja. Ich frag' mich bloß, was sie bisher gemacht hebbe, denn selbst der Status als Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 1997 hatte noch nichts an der Verschlafenheit ändern könne.

Und selbst jetzt haben die Hafenarbeiter erfolgreich gegen ihre eigene Zukunft gestreikt, indem sie den Verkauf des beinahe bankrotten Hafens an chinesische Investoren erfolgreich verhinderten. Na bravo! Aber als Tourist kannscht dich hier wirklich amüsiere." Man kann sogar ein wenig Krisengewinnler spielen: Manches in den Läden aus den jetzt so fern scheinenden Zeiten des Luxus-Wahns ist inzwischen viel preisgünstiger geworden. Und die zahlreichen Besucher aus Belgrad, Skopje, Tirana, Moskau und Beirut, dazu all die israelischen Traveller?

Wiedergeburt der Levante

"Ironie der Geschichte", sagt der effiziente, seit einem Jahr amtierende Vizebürgermeister Spiros Pengas in perfektem deutsch, "denn für diese Gäste sind wir plötzlich der kostengünstigere Vorposten zum Westen. Jahrzehntelang hatten wir hier arrogant geglaubt, Paris und Mailand zu gleichen und auf unsere östlichen Nachbarn verzichten zu können. Jetzt aber konsumieren gerade diese hier in Saloniki, und wer will, kann darin die Wiedergeburt der guten alten Levante erkennen."

Der 1968 geborene Spiros, der einst in Freiburg Politikwissenschaft studierte und ein Seiteneinsteiger in der lange dynastisch stagnierenden Lokalpolitik ist, hat zumindest schon mal dafür gesorgt, dass sich die Stadt ihres reichen historischen Erbes bewusster wird und für interessierte Gäste allerlei mehrsprachige Touren anbietet (www.thessalonikicitywalks.gr).

Fast scheint es also, als habe man sich hier der mahnenden Paulus-Worte aus dem Thessalonicher-Brief erinnert: "Lasst euch nicht erschüttern und von eurem vernünftigen Denken abbringen."

Wobei die Tatsache, das Saloniki inzwischen Partnerstadt von Tel Aviv ist, auch mitten in die eigene, deutsche Geschichte führt. Denn so anrührend im Jüdischen Museum ( www.jmth.gr) auch die filigranen Kultgegenstände sind und all die historischen Schwarz-Weiß-Fotografien einstiger koscherer Läden, Cafés, Schneidereien, Synagogen und der stolzen Sportler des Vereins "Macabi" – es war nicht etwa "griechische Schlamperei", sondern die massenmörderische Effizienz der nazi-deutschen Besatzer, die das einstmals so blühende jüdische Leben hier beendet hatte.

Schimpfen auf "Miss Merkel"

Ab 1943 fuhren vom Bahnhof in Saloniki die Deportationszüge nach Auschwitz ab, fast die gesamte, 49.000 Menschen zählende jüdische Gemeinde wurde ausgelöscht, während nach dem Krieg so mancher der damals Verantwortlichen eine zivile Karriere im vergesslichen Wirtschaftswunder-Deutschland machen konnte.

Gemessen an diesem schändlichen Zivilisationsbruch: Ist es da nicht zu verschmerzen, wenn in den diversen Wochenend-Clubs auf der nächtlich vitalen Valaoritou-Straße mitunter manch ökonomisch nicht so arg beschlagene Grieche mit spielerisch erhobenem Zeigefinger auf "Miss Merkel" schimpft, ehe er wieder zu dem einzigen Bier des Abends greift, das er sich leisten kann, während man selbst keinem vergleichbaren Sparzwang unterliegt und die Drinks mehrfach ordert?

Immerhin können in der Stadt alle Gespräche in perfektem englisch geführt werden, und auch was das zweite Griechenland-Klischee betrifft: Für jede Kleinigkeit, für jeden Museumsbesuch erhielt der Besucher sehr wohl eine Quittung. Denn was gibt es hier nach moderat durchfeierter Nacht nicht alles zu entdecken.

Der griechische Wim Wenders

Das moderne Filmmuseum am Quai (am Wochenende von 10-15 Uhr), in welchem in Saloniki spielende Sequenzen aus den weltberühmten Streifen von Theo Angelopoulos, des "griechischen Wim Wenders", gezeigt werden, der architektonisch beeindruckende Aristotelous-Platz ebenfalls gleich an der Meeres-Promenade, der historische "Weiße Turm" (tgl. 8.30-15 Uhr, Mo geschlossen) am Ufer und natürlich die vielen religiösen Orte.

Da wären etwa die einstigen Christen-Katakomben, vor denen jetzt Tauben aus den Kronen der Olivenbäume flattern, oder die in Gold glänzende und nach Weihrauch duftende byzantinische Acheiropoietos-Basilika aus dem fünften Jahrhundert. Im Jahre 1430 vom osmanischen Sultan Murat zur Moschee umgewidmet wie die Hagia Sophia in Istanbul, hatte der Sultan die Jesu-Auferstehungs-Szenen aus der Kuppel bewahrt – so wie man nach 1912 die maurisch anmutenden Säulen und kalligrafischen Inschriften belassen hatte.

Nicht alle suhlen sich in Trägheit

Ein Beispiel religiöser Toleranz, wobei der positive Eindruck noch gesteigert wird, als einem auf dem Vorplatz der Basilika plötzlich wache junge Leute ins Gespräch ziehen, von ihrer prekären Studenten-Existenz erzählen und über die orthodoxen Priester und deren riesige Liegenschaften schimpfen, für welche der griechische Staat noch immer keine Steuern einziehe.

Obwohl es wie eine Binsenweisheit klingt, sollte man deshalb nochmals daran erinnern: Bei weitem nicht alle Griechen suhlen sich in Trägheit und Nationalismus – oder kippen Kaffee auf deutsche Konsulköpfe. Außerdem: Dieses inzwischen wieder multi-ethnisch werdende Saloniki ist einfach eine spannende Stadt, die man jedem neugierigen Wochenend-Besucher nur empfehlen kann.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von EasyJet und dem Hotel Excelsior. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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