03.12.12

Urlaub in Hellas

"Die Griechen sind nicht zu Antideutschen geworden"

Leere Geldautomaten, streikende Beamte, feindselige Bürger: 2012 sorgten sich die Deutschen und reisten kaum nach Griechenland. Doch die Reiseveranstalter sind optimistisch.

Von Johanna Uchtmann
Foto: picture alliance / Bildagentur Huber

Das Essen und das Wetter in Griechenland sind wegen der Schuldenkrise nicht schlechter geworden
Das Essen und das Wetter in Griechenland sind wegen der Schuldenkrise nicht schlechter geworden

Blaue Fensterläden an weiß verputzten Häuschen, warmer Sand zwischen den Zehen, würziger Feta und süßer Wein – so stellen sich viele Griechenlandurlauber ihre Ferien vor. Dem guten Essen und dem guten Wetter konnte die Schuldenkrise nichts anhaben.

Trotzdem machten dort 2012 deutlich weniger Deutsche Urlaub als im Vorjahr. Schuld war vor allem die Angst vor Unruhen, Streiks und Demonstrationen, vor Bargeld-Knappheit und Einheimischen mit einem Hass auf Deutsche. Solche Krisenfolgen sind ja schließlich überall im Land Alltag. Oder?

Keine Proteste in Urlaubsregionen

"Nein, eben nicht", sagt Torsten Schäfer vomDeutschen Reiseverband (DRV) in Berlin. "Das Wasser ist das gleiche, das Essen, die Sonne, die Gastfreundschaft."

Immer wieder demonstrieren die Menschen in Athen. Auf die beliebten Urlaubsregionen der Deutschen habe das aber keinen Einfluss, sagt Schäfer. Weniger als fünf Prozent der deutschen Griechenlandurlauber reisen nach Athen. Die meisten wollen an die Strände und auf die Inseln.

Trotzdem blieben 2012 auch dort die deutschen Urlauber fern. Für dieses Jahr geht Schäfer von einem Buchungsrückgang um etwa neun bis zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr aus.

Buchungen stark eingebrochen

Ist das nicht ungerecht? "Zumindest ein Kuriosum", findet Michael Karavás. Der Geschäftsführer des Griechenland-SpezialistenAttika Reisen in München hält den Zusammenhang zwischen Finanzkrise und Tourismusflaute für unlogisch.

Durchschnittlich nur rund zwei bis drei Prozent der Attika-Kunden entscheiden sich für den Trip in die Hauptstadt. "Trotzdem trägt die Lage in Athen unverhältnismäßig dazu bei, bei den deutschen Urlaubern Zweifel und Sorgen aufzubauen", sagt Karavás. Nach ersten Berechnungen verzeichnete sein Unternehmen für 2012 einen Buchungsrückgang von mehr als 20 Prozent.

Besonders schmerzhaft ist der Vergleich zum Vorjahr auch deshalb, weil 2011 mit besonders guten Zahlen glänzte: Trotz Schuldenkrise reisten laut DRV 2,5 Millionen Deutsche an die Ägäis, ein Plus von rund zehn Prozent. "Das war eine hohe Messlatte", sagt Schäfer.

Ein Grund dafür sei auch der Arabische Frühling gewesen, erklärt Karavás. Viele Urlauber, die ursprünglich nach Nordafrika wollten, mussten sich nach einer vergleichbaren Alternative umsehen – und landeten in Griechenland. "2012 hatten sie genug Zeit, von vornherein etwas anderes zu suchen." Das allein kann aber nicht die Erklärung für die Misere sein.

Neues Vertrauen in die Sicherheit des Landes

Das Jahr 2012 begann katastrophal. Panagiotis Skordas, Direktor der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr in Frankfurt am Main, berichtet von einem Buchungsrückgang um bis zu 30 Prozent in den ersten Monaten. Nach den Neuwahlen im Juni wendete sich das Blatt: Die Buchungen legten deutlich zu.

Der Grund war nach Einschätzung von Skordas, dass die Deutschen mit der neuen Regierung neues Vertrauen in die Stabilität und Sicherheit des Landes fassten. In den letzten Monaten der Sommersaison habe es sogar einen Zuwachs von bis zu 20 Prozent gegeben. Das riss die Branche zwar aus dem Superminus, ließ sie aber trotzdem noch mit Verlusten zurück – die verhagelte Saison war nicht mehr zu retten.

Die Krise kratzte am Image des Landes. Mit einem Vorurteil will Karavás aber unbedingt aufräumen: "Die Griechen sind nicht zu Antideutschen geworden." Die Angst der Deutschen, sie dürften nicht mehr mit griechischer Gastfreundschaft rechnen, sei unbegründet.

Niedrige Preise und ein größeres Angebot

In den Griechenland-Urlaub zwingen lassen sich die Deutschen nicht – aber locken vielleicht? Darauf setzen zumindest die Reiseveranstalter. Niedrige Preise und ein größeres Angebot sollen die Deutschen wieder in Griechenland-Stimmung bringen. Viele Veranstalter halten die Preise stabil oder senken sie leicht.

Eineregelrechte Offensive startetFTI: Im Sommer 2013 soll es rund 55 Prozent mehr Flüge von sieben deutschen Flughäfen nach Korfu, Kreta und Rhodos geben. Die Anzahl der Hotels bleibt mit 275 zwar weitgehend stabil, rund 60 hat FTI allerdings ausgetauscht.

"Wir sind überzeugt, dass die allgemeine Nachfrage für diese vielfältige Destination im kommenden Sommer wieder deutlich ansteigen wird", sagte Heike Niederberghaus, Geschäftsführerin von FTI Touristik, Mitte November bei der Vorstellung der Sommerkataloge.

Stärker als für jedes andere Land bautSchauinsland Reisen das Programm für Griechenland aus. Mehr als 40 neue Hotels, Pensionen und Ferienanlagen kommen hinzu.

Reiseveranstalter sind sehr zuversichtlich

Auch Thomas Cook legt sich ordentlich ins Zeug, um die Nachfrage anzukurbeln: Unkompliziertes Umbuchen, Gutscheine, eine Saisonverlängerung und mehrere neue Anlagen sollen den Deutschen wieder Lust auf Griechenland machen.

Neu im Griechenland-Katalog von Alltours sind Skala Potamia auf Thassos und Kardamena auf Kos. Insgesamt elf zusätzliche Anlagen nimmt der Veranstalter für die kommende Saison in sein Programm auf. Alltours-Chef Willi Verhuven zeigte sich bei der Vorstellung der Sommerkataloge im Oktober zuversichtlich: "Die Talsohle ist durchschritten. Im kommenden Jahr wird es deutlich aufwärtsgehen."

Ganz ähnlich klingt das beim BranchenriesenTUI. "Im nächsten Sommer werden wir die Lücke wieder schließen", sagte Touristikchef Oliver Dörschuck bei derKatalogvorstellung im November. Die Lücke sei ein einstelliger Buchungsrückgang, heißt es auf Anfrage. Die allgemeine Zuversicht in der Branche wundert Experten nicht. "Griechenland ist eines der wichtigsten Ziele für deutsche Veranstalter", sagt Schäfer.

"Korrupte Nutznießer und Populisten"

Auch Attika-Chef Karavás ist optimistisch. Seine Theorie: "Die Griechen wissen ja sehr genau, dass die an ihnen geübte Kritik berechtigt war." Er schimpft über "korrupte Nutznießer", "Populisten" und "extreme Leute", die für das marode System verantwortlich gewesen seien.

Er glaubt an eine gute Sommersaison 2013 – und hat für seine Zuversicht ein mehr oder weniger handfestes Argument: "Die allermeisten Menschen in Deutschland und Griechenland sind vernünftige Leute."

Quelle: dpa
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Unglück in Moskau Total-Chef stirbt bei Kollision mit Schneepflug
Afghanistan Terroranschlag in Kabul auf Armeebus
Ukraine Panik bei Pressekonferenz in Donezk nach Explosion
DJ Hardwell Holländer zum zweiten Mal bester DJ der Welt
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Lichterglanz

Berlin erstrahlt beim "Festival of Lights"

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote