11.11.12

Italien

Ein Gang nach Canossa kann ganz schön anstrengen!

Unser Autor lief 1637 Kilometer zu Fuß von Hamburg über die Alpen nach Italien. Dann klopfte er wie König Heinrich IV. ans Portal der berühmten Burg. Geöffnet hat – der Hausmeister. Ein Buchauszug.

Von Dennis Gastmann
Foto: picture-alliance/dpa

Bittgänger: Der exkommunizierte römisch-deutsche König Heinrich IV. kniet im Büßerhemd im Winter 1077 vor dem Portal der Burg Canossa, um Papst Gregor VII. zu bitten, den kirchlichen Bann wieder aufzuheben. Es war bloß politisches Kalkül.

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Hinter dem Dorf Salvarano leuchtet ein blaues Straßenschild: "Bedogno 3, Canossa 5". Noch fünf Kilometer bis Canossa, und mein Grinsen ist so breit wie das Haifischlächeln von Silvio Berlusconi. Wann habe ich mich jemals so sehr über ein doofes Straßenschild gefreut?

Als wäre ich mit einer aufgescheuchten japanischen Touristengruppe auf Europa-Tournee, ziehe ich meine Kamera aus dem Rucksack und knipse einfach alles, was mir auffällt. Das dämliche Schild, den heißen Asphalt, die klatschroten Mohnblumen im Gras, die minzgrünen Lorbeerbäume und den Wein, der an den Hängen kurz vor der Blüte steht.

Aufstieg nach Canossa

Glückwunsch, ich habe diese Wanderung mal wieder perfekt getimt – pünktlich zur Mittagshitze beginne ich mit dem Aufstieg in die Berge, und die Strecke schraubt sich über viele Hügel schleichend nach oben, auf und ab, wieder auf und wieder ab. Es sind die vielleicht längsten fünf Kilometer meiner Reise, sie erinnern mich an den Weg des kleinen Glücks, Sudden Rush und den Schwächeanfall kurz vor Lanslebourg.

Noch einmal stapfe ich durch ein erbarmungslos brütendes Solarium, Wolken sind nicht in Sicht, auf meiner schwarzen Kappe hat sich ein weißer Salzrand gebildet, meine langen Haare sind pitschenass, weiße Schlieren aus Sonnenmilch quellen aus den Poren meiner Stirn und rinnen mir in die Augen, Tropfen fallen von der Spitze meines Kinns auf das glänzende Leder der Schuhe, die Thermoskanne und meine beiden Wasserflaschen sind leer, die Schokoladen-Müsliriegel zerfließen im Rucksack, das linke Knie beginnt zu quietschen wie ein rostiges Scharnier, und plötzlich sticht es auch noch in meiner Hüfte.

Wandern heißt leiden

Wow, ein ganz neuer Schmerz, herzlich willkommen im Klub. Trotzdem komme ich voran, das Adrenalin trägt mich von Hügel zu Hügel. Wandern heißt auch leiden, und ich ziehe unermüdlich weiter.

Noch immer zischen die fluchenden Litfaßsäulen Welle um Welle an mir vorbei, so als würde Heinrichs wütender Geist auf den höchsten Zinnen der Burg toben und bunte Blitze auf mich herabfeuern. Der alte König muss mich hassen, ich zerstöre gerade seinen Mythos. Links und rechts der Straße lauern große braune Mülltonnen mit weit aufgerissenen Mäulern. Die meisten Radler haben sie offenbar verfehlt, denn ein Meer aus weißen Deckelchen und zerdrückten Plastikflaschen bedeckt den Boden der letzten, quälend langen Steigung.

Ich kämpfe um jeden Schritt

Du packst das nicht, sagen meine Unterschenkel, du packst das nicht, sagt mein quietschendes Knie, du packst das nicht, sagt meine Hüfte. Ich packe das, sagt mein Verstand, und ich kämpfe mich Schritt für Schritt immer höher bis auf den Kamm.

Oben treffe ich auf eine Kreuzung, an der jemand auf mich wartet. Ein verdutzter Rentner in neongelber Warnweste. "Castello Canossa?", frage ich. "Si, si! A sinistra, nach links, nur zwei Kilometer!", antwortet der Streckenposten ganz automatisch. Trotzdem zieht er ein Gesicht, als hätte er gerade ein Gespenst gesehen. Mein Kopf ist puterrot, wahrscheinlich ist es eine Frage von wenigen Minuten, bis sich das Fleisch von meinen Knochen löst.

Wie eine Fata Morgana

"Overheated, overheated!", rufen meine Freunde immer, wenn mir das passiert. Ich bin und bleibe nun mal ein nordischer Typ. Innerlich kochend, schleppe ich mich noch ein paar Hundert Meter weiter und glaube bald, eine Fata Morgana zu sehen, denn hinter der letzten Kurve steht ein Erfrischungsstand: ein schwarzes Partyzelt, ein Tapeziertisch und 500 kleine, eisgekühlte Plastikflaschen. Als hätte man das alles für mich aufgebaut und schon seit Wochen auf meinen Zieleinlauf gewartet.

Ein Junge mit Schirmmütze und Radlerhosen drückt mir halb mitleidig, halb bewundernd eine Flasche Wasser und eine Banane in die Hand. Derweil beschallen zwei DJs das Tal mit Popmusik.

Ein Pressefotograf kommt auf mich zugeeilt und möchte unbedingt eine Aufnahme von mir machen. Er sagt, in meinem Aufzug würde ich großartig vor dem Castello Canossa aussehen, ein wenig wie dieser deutsche König aus dem Mittelalter. "Castello Canossa?", rufe ich und drehe mich blitzartig um.

"Oh, oh mercy, mercy me"

Genau in der Sekunde, in der ich die Burg das erste Mal sehe, singt der viel zu früh verstorbene Robert Palmer aus den Lautsprechern "Oh, oh mercy, mercy me". Witzig. So hatte ich mir diesen großen Moment nicht vorgestellt. Allerdings hätte ich auch nie geglaubt, dass es auf dem furchterregenden Mont Cenis Milka-Alpenmilchschokolade gibt.

Die legendäre Burg Canossa ist zwar nur noch eine Ruine, trotzdem wirkt sie sicher noch genauso erhaben wie vor eintausend Jahren. Sie hat etwas Magisches. Ihre letzte steinerne Außenwand trotzt Wind und Wetter auf einem gigantischen, über und über mit Bäumen bewachsenen Felsen.

Benvenuti a Canossa

Der riesige, zerklüftete Stein überragt alle anderen Hügel dieser Gegend. Es wirkt, als hätte ihn ein Riese in die grüne Landschaft geworfen. Um die Klippe herum stehen fünf Häuschen mit roten fleckigen Ziegeldächern wie Fliegenpilze. Benvenuti a Canossa. Ist das zu fassen, ich bin wirklich da!

"Sunday Bloody Sunday", "Roxanne" und "Sweet Child o' Mine" begleiten mich bis an den Fuß der Festung. Jemand hat sich die Mühe gemacht, direkt unter dem Felsen ein rot-weißes Wanderschild aufzustellen: "Castello di Canossa: 0,1 km". Das gefällt mir.

Canossa schien immer so unwirklich und völlig unerreichbar, nun ist es meine Wohnung in Hamburg, die utopisch weit entfernt scheint. Ganz genau 999,99 Kilometer Luftlinie. Welcher Trottel würde die ganze Strecke zu Fuß laufen?

Die rostige Pforte ist geöffnet

Neben dem Briefkasten und der Klingel am Eingang der Burg hängt eine Hausordnung. Man bittet mich, die Ringmauer nicht zu beschädigen, keine Brände zu legen und nicht auf Bäume zu klettern. Ich habe Glück, die rostige Pforte ist geöffnet, ich trete ein und schreite langsam und würdevoll die flachen, lang gezogenen Stufen hinauf. Ganz wie ein König – oder wie ein alter italienischer Mann. Eben so, wie es sich gehört, Alberto Bolognesi wäre stolz auf mich.

Die Hänge links und rechts der steinernen Treppe sind mit rotem Flatterband abgesperrt. In den Büschen liegen Rohre, Schubkarren, Gasflaschen, Planiermaschinen und Eimer mit Bauschutt. Na, wenigstens wird mal renoviert.

Barfuß im Schnee mit dünnem Büßergewand

Heinrich IV. muss ein unheimlich vitales Immunsystem gehabt haben. Angeblich winselte Hochwohlgeboren drei Tage und drei Nächte vor dem Burgtor um Gnade – barfuß im Schnee, nur mit einem dünnen Büßergewand bekleidet. Seine Krone und alle anderen königlichen Insignien hatte er abgelegt, fast nackt stand er da und bettelte wie ein einfacher Sterblicher um Erbarmen. Doch erst am vierten Tag ließ der Papst die Tore der Festung öffnen und nahm den verlorenen Sohn zurück in die liebenden Arme der Kirche.

Der Bann war gebrochen, Heinrich rettete seinen Thron, und manche sagen, Gregor VII., der Stellvertreter Christi, hätte erfolgreich seine Muskeln spielen lassen.

Doch das ist naiv. Heinrich hat seinen gehassten, gottesfürchtigen Feind schlicht und einfach erpresst. Oder anders gesagt: Er schlug ihn mit seinen eigenen Waffen. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Welche Wahl hatte der Papst denn noch? Hätte er den armen Sünder etwa erfrieren lassen sollen?

Schlacht verloren, aber nicht den Krieg

Der König bekam, was er wollte, doch er empfand keine Reue. Sieben Jahre nach seinem Gang nach Canossa zog er nach Rom, setzte den ungeliebten Pontifex ab und ließ sich von einem neuen Papst zum Kaiser krönen. Er hatte eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg.

Obwohl sie sich aus tiefster Seele verachteten, sollen sich Papst und König auf der Burg Canossa in die Arme gefallen sein und bitterlich geweint haben. Ich habe mir fest vorgenommen, heute nicht sentimental zu werden.

Ungeweinte Krokodilstränen

Es klappt ganz gut, offenbar habe ich die meisten meiner ungeweinten Krokodilstränen in den Alpen vergossen. Nur ein paar Nachzügler kullern meine Wangen hinunter. Mein Gott, was habe ich nicht alles überlebt: die Landstraßen, das wilde Norddeutschland, die Zeugen Jehovas, die Alpen, sogar die große Überquerung des Jura-Gebirges zu Fuß. Was soll mich jetzt noch schocken? Wovor muss ich Angst haben? Warum sollte ich je wieder an mir zweifeln? Es gibt keine Grenzen für den, der sie nicht hinnimmt.

Es ist der Hausmeister

Und wer empfängt mich auf der Burg? Kein Papst, keine Blaskapelle, auch nicht die Queen. Es ist der Hausmeister. Ein langhaariger, schmerbäuchiger Latino im Camouflage-T-Shirt, der apathisch an der Mauer eines kleinen Museums lehnt und raucht. "Buongiorno!", rufe ich. "Ciao", mault er zurück und wendet sich ab.

Ich würde ihm so gern sagen, dass ich fast drei Monate zu Fuß gelaufen bin, nur um hier oben auf diese alten Steine zu starren. Ich möchte ihm vom Muffelwild erzählen, von meiner ersten Beichte, von Amphibienfahrzeugen auf dem Rhein, von der grünen Fee und vom Pfeifen der Murmeltiere in den Alpen. Aber es würde ihn wohl kaum interessieren.

Er hat nur Augen für den bordeauxroten Stringtanga, der sich unter der Segelhose einer Touristin abzeichnet. Nur manchmal, zwischen zwei Zigaretten, rafft er sich auf und verscheucht Kinder, die auf den Mauerresten herumturnen.

Wer ist noch hier oben?

Die üblichen Verdächtigen. Ein Deutscher in Radlerhosen, Baseballkappe, beige Weste, Sandalen, und natürlich baumelt eine Spiegelreflexkamera vor seinem Kugelbauch. Seine Frau ist eilig auf der Damentoilette verschwunden, die mitten in den historischen Stein gehauen wurde.

Und das Canossa-Museum? Es ist, nun ja, klein. In den Glasvitrinen hängen bunte Keramikscherben aus dem 14. bis 16. Jahrhundert, eine rostige Eisenschere, ein Tonteller aus der Renaissance mit Blumenmotiv und nicht viel mehr. Es gibt zwar eine Audio-Tour wie im Dom zu Speyer, doch ich verzichte lieber.

Stattdessen trage ich mich in das schwarze Gästebuch ein. "Olga da Russia" schrieb "Bel Museo!", "Dieter aus Darmstadt" fand das Museum "sehr interessant", ich notiere, dass ich der erste Deutsche bin, der den Gang nach Canossa tatsächlich zu Fuß geschafft hat. Na ja, fast.

"Glückwunsch, Schätzeken!"

Mein Handy vibriert. "Glückwunsch, Schätzeken! Ich denke, du bist am Ziel", schreibt Lotte. Doch welches Ziel meint der Knallfrosch aus dem Kohlenpott? Ja, ich habe Canossa erreicht. Ja, die Tränen sind geflossen. Aber bin ich auf meiner Reise auch erwachsen geworden? Hoffentlich nicht.

Ich lege den Rucksack ab, setze mich auf eine Mauer im Schatten einer Kiefer und blicke auf die letzte Außenwand der Burg Canossa. Ein wenig fühle ich mich wie der seltsame Kobold auf meinem Küchensims in Hamburg. Ich bin einer fixen Idee hinterhergerannt, und manchmal erkenne ich mich äußerlich kaum noch wieder.

Ich trage einen seltsamen, kräuseligen Fusselbart, der sich an den Seiten leicht rot färbt, und meine Ananas-Haare stehen unter der ausgeblichenen Castro-Kappe so weit ab wie die spitzen Ohren der Gremlins.

Absolute innere Ruhe

Man müsste sich ernsthaft Sorgen um mich machen, wäre da nicht etwas in meinem Blick, das mich jeden Morgen und jeden Abend aufs Neue freut, wenn ich in den Spiegel sehe: absolute Ruhe.

Innerlich bin ich so sehr bei mir selbst wie schon ewig nicht mehr. Ich brauche keine Telefonkonferenzen, keine Deadlines, keine Meetings, keine Markenkerne, keine Sendeplätze, keine Quoten, keine Zielgruppen und auch keinen anderen Unsinn. Das alles hat hier und heute keine Bedeutung mehr für mich.

Elf Wochen, fünf Tage fort

Ich bin 1637 oder was weiß ich wie viele Kilometer zu Fuß gelaufen, und zwischen mir und meiner Welt in Hamburg liegt ein ganzes Universum. Alles, was ich noch brauche, sind Tortelli mit Ricotta, Spinat und einer Prise Salz. Und eine Liebe, die zu Hause seit elf Wochen, fünf Tagen und zwölf Stunden geduldig auf mich wartet.

Wie sagte der Pfarrer noch gleich? Manche beten, manche fasten, manche geben Almosen. Und manche gehen eben nach Canossa.

Der Text ist ein leicht gekürzter Auszug aus dem am 9. November erschienenen Band "Gang nach Canossa" von Dennis Gastmann, Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 18,95 Euro.

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