06.11.12

Frankreich

In Cognac verdunsten pro Jahr acht Millionen Liter

Der berühmteste Weinbrand der Welt ist nach der gleichnamigen Stadt im Südwesten Frankreichs benannt. Der Herbst ist die beste Jahreszeit, um den Ort zu entdecken – und Cognac zu trinken.

Von Hans Schloemer
Foto: Getty Images/age fotostock RM

Der aus Weißweinen der Region gewonnene Cognac ist weltberühmt.

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Man muss weder fromm noch Esoteriker sein, um in Cognac den Engeln zu begegnen. In der 20.000-Seelen-Stadt im Südwesten Frankreichs sprechen die Menschen ständig vom "part des anges", dem Anteil für die Engel. Damit meinen sie die Dünste, die während der Reifung des Cognacs aus den Eichenfässern entweichen.

Was da unsichtbar bei der Produktion von Weinbrand wabert, ist wahrlich nicht zu knapp. Pro Jahr sollen es acht Millionen Liter sein, die einfach so verdunsten. Das ist etwa die Menge, die im gleichen Zeitraum in ganz Frankreich von irdischen Wesen getrunken wird.

Um die höchste Qualität zu erzielen, nehmen die Cognac-Hersteller den Verlust von umgerechnet rund 22 Millionen Flaschen gern in Kauf.

Pilz sorgt für schwärzliche Patina

Die Verdunstung reduziert den Alkoholanteil im Fass, das nach alter Tradition aus Eichenholz aus dem Limousin gefertigt wird, und verleiht dem himmlischen Brand einen milden Geschmack. Neben den vermutlich haltlos angeheiterten Flügelwesen gibt es aber noch ein Wesen, das sich von den Dünsten nährt. "Torula compniacensis" heißt der Pilz, der sich überall einnistet, wo Weinbrand lagert, und der den Fassaden der Häuser und Cognac-Schlösser eine schwärzliche Patina verpasst.

Das sollte man wissen, um die hübsche Stadt aufgrund ihrer seltsam dunklen Einfärbung nicht mit einer Ortschaft aus einem Steinkohlerevier zu verwechseln.

Die Spirituose, die aus Weißweinen der Region Cognac gewonnen wird, hat den Namen weltberühmt gemacht. Und die Stadt überaus vermögend.

Keine Luxusherberge in Cognac

Erstaunlicherweise ist die Hotellerie trotzdem bescheiden geblieben. Wer eine Luxusunterkunft sucht, muss schon aufs Land ausweichen, wo sich zum Beispiel mit dem "Château de Mirambeau" ein Mitglied der feinen Hotelvereinigung "Relais & Châteaux" anbietet.

In der Stadt selbst lohnt sich eine andere Bleibe: die romantischen Gästezimmer von Marie-Christine Coates in "Les tilleuls" (Die Linden), einem Bürgerhaus aus dem 19. Jahrhundert. Die Suite "Grande Champagne" mit ihrer riesigen Comic-Bibliothek – in Frankreich gelten die sogenannten "Bandes dessinées" als Kunstform – besticht durch Charme, genau wie der Ort Cognac.

Prächtige alte Handelshäuser und das imposante Tor Saint-Jacques aus dem 15. Jahrhundert dominieren das Bild. Der üppig bepflanzte und sieben Hektar große Park am Hôtel de Ville, dem Bürgermeisteramt, ist eine von jenen traumhaften Grünanlagen, in denen man mit einem guten Buch stundenlang verweilen möchte.

Aus der Renaissance stammt die Rue Saulnier mit ihren gut erhaltenen Patrizierhäusern des 16. und 17. Jahrhunderts. Der Name Saulnier erinnert an den Salzhandel, der Cognac Wohlstand brachte, schon bevor mit den edlen Bränden das ganz große Geld verdient wurde.

Durch Gassen zum Fluss Charente

Durch die Rue du Palais, Rue Henri-Germain und die Rue Magdeleine mit dem pittoresken Salamanderhaus zu flanieren, kommt einer Zeitreise gleich. Verwinkelte Kopfsteinpflastergassen führen hinunter zum Fluss Charente, der sich alle Mühe gibt, dem Bild einer typisch französischen Idylle zu entsprechen. Direkt am Ufer haben einige der großen Cognac-Häuser ihre Sitze.

Das imposanteste ist das Schloss der Valois aus dem 10. Jahrhundert. Im Château de Cognac kam Franz I. zur Welt, der am 25. Januar 1515 in Reims zum König von Frankreich gekrönt wurde.

Der Monarch, ein Liebhaber der Kunst und Literatur, gilt für viele Franzosen als eine Art Urvater der Nation, weil er das Land heldenhaft gegen Preußen und Österreicher verteidigte.

Nach dem Tod Franz I. verfiel das Schloss, bis sich 1795 mit dem Schnapshändler Jean-Baptiste Antoine Otard, Spross einer schottischen Adelsfamilie, ein Käufer für das marode Bauwerk fand. Otard interessierte sich vor allem für die Keller.

Ideale Lagerbedingungen für Weinbrandfässer

Ihre meterdicken Mauern sorgten für eine gleichbleibend kühle Temperatur, der nahe Fluss Charente für eine hohe Luftfeuchtigkeit. Beides zusammen ergab ideale Lagerbedingungen für Weinbrandfässer. Heute noch ruhen die ältesten und kostbarsten Tropfen, genannt "le paradis", in einem ehemaligen Verlies.

Ein Besuch der Kellerei Otard lohnt sich aber nicht nur wegen der Verkostung: Im "Salle au Casque", dem Helmsaal, ehelichte Philipp, der Sohn von Richard Löwenherz, die liebreizende Amélie von Cognac.

Noch interessanter als dieser romantische Aspekt ist allerdings die prächtige Dekoration der festlichen Räumlichkeiten, denn die stammt von keinem Geringeren als Leonardo da Vinci, den Franz I. finanziell unterstützte.

Nur ein paar Schritte vom Schloss entfernt geht die Stadt unversehens in Naturlandschaft über. Entlang der Charente erstrecken sich Wälder, Wiesen und Auen. Wilde Orchideen, Lavendel und Rosen verheißen noch bis in den November hinein einen letzten Hauch von Sommer.

Wein, wohin das Auge blickt

Die warme Herbstsonne lässt Bäume und Weinberge in kräftigen Rottönen leuchten, es duftet nach Erde. An manchen Stellen reichen die Rebstöcke der Folle Blanche und Ugni Blanc, aus deren Trauben der Cognac gebrannt wird, sogar bis ans Flussufer.

Wein, wohin das Auge blickt: Nach Bordeaux ist das Cognac mit über 80.000 Hektar das zweitgrößte Anbaugebiet in Frankreich. Die Lagen umgeben die Stadt nahezu kreisförmig: Grande Champagne, Petite Champagne, Borderies, Fin Bois, Bons Bois und Bois Ordinaires.

Die Herstellung des Brandes ist eine komplexe Kunst, die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitervererbt wird. Wie Otard waren es meist Männer angelsächsischen Ursprungs, die in Cognac Handelshäuser gründeten wie zum Beispiel Richard Hennessy, Rittmeister in den irischen Regimentern Ludwigs XV., oder Jean Martell, der von der Insel Jersey stammte.

Anfangs kauften sie fertige Branntweine aus der Region ein und verschifften sie nach Nordeuropa. Bis heute ist der Cognac ein Exportprodukt geblieben und wird als Symbol für französische Lebensart zu über 90 Prozent ins Ausland veräußert.

Jedes Handelshaus hat seine eigene Persönlichkeit, Philosophie und Geschichte, viele kann man besichtigen. Über das enorm weitläufige Gelände der Kellerei Rémy Martin gleich vor den Toren der Stadt fährt sogar eine kleine Bahn, die die Gäste zu den diversen Lagerhallen befördert. Der Besuch ist multimedial kurzweilig aufbereitet.

Wertvolle Schätze

Besonders beeindruckend sind die Keller, in denen die wertvollsten Schätze, mehrere Jahrzehnte alter Cognac, lagern. Dort herrscht eine geradezu weihevolle Atmosphäre. Am Ende erwartet einen dann noch die Degustation einiger Brände des Hauses, zu der süße und salzige Häppchen gereicht werden.

Kulinarisch muss man in Cognac auch sonst nicht darben, ist doch der Atlantik ganz nah. Folgerichtig tummeln sich Fische und Meeresfrüchte in großer Auswahl auf den Speisekarten wie etwa in den gut besuchten Restaurants "Cochon Rouge", "La Courtine" oder im "Les Pigeons Blancs".

Auch bei Entenstopfleber sagen die Einheimischen selten Nein. Und dazu kann man doch gleich ein Gläschen Cognac probieren. Das renommierte Haus Pierre Ferrand hat eine seiner besonders edlen Kreationen "Sélection des Anges" genannt, die Auswahl der Engel. Sie duftet nach Geißblatt, Vanille und Honig. Ein Genuss, der auch irdischen Wesen Flügel verleiht.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt der RegionPoitou-Charentes. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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