27.10.12

Labyrinth aus Stein

Italiens arme Schönheit – Wilder Westen Basilikata

Die Basilikata, eingeklemmt zwischen Apulien und Kalabrien, gehört zu den am dünnsten besiedelten Regionen des Landes. Längst vom Film entdeckt, besuchen jetzt auch immer mehr Touristen die Gegend.

Foto: Getty Images/Flickr RF

Die Basilikata, eingeklemmt zwischen Apulien und Kalabrien, gehört zu den am dünnsten besiedelten Regionen Italiens. Matera ist einer der größten Besuchermagneten der Basilikata. Grund dafür sind die...

6 Bilder

Hinter der Autobahnausfahrt beginnt der Wilde Westen. Zumindest erinnert die Landschaft der Basilikata mit ihren menschenleeren Ebenen und von unzähligen Runsen zerfurchten Lehmhängen stark an die Kulisse eines Cowboyfilms. Nur dass auf den ausgedörrten Hügelkuppen keine Westernstädte mit hölzernen Saloons, sondern steinerne Siedlungen auftauchen.

Eines der wehrhaften Dörfer aus eng zusammengerückten Häusern ist Aliano. Wenig vertrauenserweckend aussehende Männer stehen hier breitbeinig und mit verspiegelter Sonnenbrille vor den Eingängen der Bars an der Hauptgasse.

Bewohner beäugen Touristen

Statt eines Colts tragen sie allerdings nur ein Glas vino rosso in der Hand. So verfolgen sie jede Bewegung der auswärtigen Gäste. Offensichtlich gibt es in dem etwas mehr als 1000 Einwohner zählenden Ort sehr wenig zu tun.

Eine Ausnahme unter den Müßiggängern ist Giovanni Colaicolo, der fast jeden Tag zur Mittagszeit auf der Piazza Garibaldi auf einem Betonsockel sitzt und neugierige Touristenfragen beantwortet.

Colaicolo ist so etwas wie eine lokale Berühmtheit. Als der antifaschistische Autor des Buches "Christus kam nur bis Eboli", Carlo Levi, 1935 in Aliano seine einjährige Verbannungszeit verbrachte, malte er ein Portrait des heute 87-Jährigen. Das Original hängt im Museo storico Carlo Levi von Matera.

Das Buch des berühmten Schriftstellers habe er nie gelesen, sagt Colaicolo und grinst. Selbst eine Reproduktion jenes Bildes, das ihn als fröhlichen Jungen mit seiner Ziege zeigt, besitze er nicht.

Keine Zeit für Schöngeistiges

"Ich bin Bauer! Es hat immer gerade zum Überleben gereicht", sagt er mit dünner Greisenstimme und schiebt seine graue Coppola-Mütze in den Nacken. Für Schöngeistiges sei eben nie Zeit gewesen. Noch heute hänge sein Herz an den Tieren und den mageren Feldern dieser Gegend.

Der knorrige Alte passt gut in die Basilikata, in dieses steinige Gebiet tief im Mezziogiorno mit seiner geizigen Erde. Eingeklemmt zwischen Apulien, der Hacke, und Kalabrien, der Spitze des italienischen Stiefels, blieb Lukanien, wie die Einheimischen die Basilikata lieber nennen, immer hinter der Entwicklung im übrigen Land zurück.

Bildungsreisende des 18. und 19. Jahrhunderts machten um die Basilikata stets einen weiten Bogen. Zu gefährlich, hieß es, denn durch die Region streiften Wölfe, Räuberbanden terrorisierten die Bevölkerung. Heute fehlen Arbeitsplätze, vor allem für die Jungen.

Seit vor einigen Jahren einer der weltgrößten Polstermöbelfabrikanten die Produktion nach Asien verlegt hat und nun von einer drohenden Schließung der Fiat-Werke bei Melfi die Rede ist, wandern wieder viele der knapp 600.000 Basilikater nach Norden ab.

Labyrinthisches Gewirr

Die Hoffnung liegt jetzt im Tourismus, in Orten wie zum Beispiel Matera – heute einer der größten Besuchermagneten der Basilikata. Grund dafür sind die "Sassi", aus weichem Tuffstein geschlagene Höhlenwohnungen, in denen noch nach dem Zweiten Weltkrieg 20.000 Menschen wie Ölsardinen hausten.

In den 60er-Jahren begann man die Sassi verfallen zu lassen. Sie galten plötzlich als nationaler Schandfleck. Doch dann entdeckte die Filmindustrie Matera. 1964 drehte hier Pasolini "Das 1. Evangelium Matthäus".

2002 wurde das labyrinthische Gewirr der Höhlenwohnungen zum Schauplatz von Mel Gibsons "Die Passion Christi". Und 1993 wurde Matera mit seinen Sassi von der Unesco sogar zum Weltkulturerbe ernannt.

"1964 trug ich lange, modische Haare. Das gefiel Pasolini", erzählt Eustachio Antezza, einer der älteren Männer auf der Piazza Vittorio Veneto, unter der sich die Sassi-Viertel wie ein steinernes Amphitheater ausbreiten.

Bewohner als Komparsen

Der 73-Jährige hatte in "Das 1. Evangelium Matthäus" einen Komparsenauftritt. "Wir mussten im Film zwei Volksgruppen spielen, die Armen und die Reichen. Ich schlug mich zur letzten Gruppe."

Dass die Touristen heute gerne in den zu Luxushotels umgebauten Höhlen übernachten, leuchtet Antezza nicht wirklich ein. In den labyrinthischen Sassi verbrachte er eine entbehrungsreiche Kindheit.

Eine knappe Autostunde von Matera in Richtung Ionische Küste gelangt man nach Bernalda. Aus der Stadt emigrierte Anfang des 20. Jahrhunderts Francis Ford Coppolas Großvater nach Amerika. Vor kurzem erwarb der Enkel den Palazzo Margherita und verwandelte ihn in ein Hotel mit neun Suiten.

Illustre Gäste im Hotel-Palazzo

Der durch Filme wie "Der Pate" oder "Apocalypse Now" weltberühmt gewordene Regisseur, Produzent und Oscarpreisträger komme oft zu Besuch, erzählt Concierge Angela Manolio. "Seine Tochter Sofia hat im Palazzo 2011 ihre Hochzeit mit dem Sänger Thomas Mars gefeiert."

Auch wenn man sich als normaler Urlauber die 360 Euro für das günstigste Quartier in der Nachsaison nicht leisten kann (eine Übernachtung in der "Suite Coppola" kostet 1800 Euro), lohnt es sich, vorbeizuschauen – allein wegen der Bar im Palazzo.

Neben guter Drinks gibt es hier Schwarzweißfotos italienischstämmiger Filmgrößen zu sehen. Nur ein Bild des Hausherrn sucht man vergebens. Er sei so bescheiden, meint Angela Manolio. Wenn Coppola im Haus sei, würde er am liebsten Crapiata esse, deftige Bohnensuppe, oder Gnumeredde, Innereien vom Lamm. "Die einfachen Gerichte erinnern ihn an früher."

Weht in Bernalda ein Hauch von Glamour, so herrscht im nahen Craco Endzeitstimmung. Die pittoreske, mittelalterliche Stadt wurde 1963 durch einen Erdrutsch zerstört und riss viele Häuser mit sich ins Tal. Dort baute man sie unter dem Namen Craco Peschiera wieder auf.

Craco wirkt wie eine Geisterstadt

Das alte, verfallene Craco ist heute völlig verlassen. Bewacht wird das auf einem Hügel thronende Nest von einem Normannenturm. Steht man am Fuß der steinernen Treppe, die vom Dorfeingang zum Turm hinaufführt, mutet Craco wie eine Geisterstadt an.

Die Hauswände links und rechts der Treppengasse sind geborsten. Es geht vorbei an zerschlagenen Fensterscheiben, der Blick durch geöffnete Türen fällt auf die Überreste vergangener Leben: ein rostiges Bettgestell, eine Blechschüssel, vor langer Zeit auf einem Fenstersims abgelegt und dann vergessen. Außer einem fotografierenden Japaner lässt sich niemand blicken.

Doch zum Glück war auch Craco bereits mehrfach imposante Kulisse für Kinoproduktionen wie zum Beispiel den 007-Film "Ein Quantum Trost" oder Gibsons "Die Passion Christi". Deshalb soll es hier bald geführte Stadtbesichtigungen geben – zwischen Ruinen und den Orten, an denen schon James Bond vorbeigeschaut hat.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der regionalen Tourismusorganisation APT Basilicata. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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Tipps für die Basilikata
  • Anreise

    Zum Beispiel mit Germanwings (www.germanwings.de) oder Air Berlin (www.airberlin.de) von Berlin nach Bari in der Region Apulien. Weiter mit dem Mietwagen. Die Fahrt bis nach Matera/Basilikata dauert circa eine Stunde. Die Busgesellschaft Casam bietet einen Shuttle vom Flughafen Bari nach Matera an, www.casam.it

  • Unterkunft

    Matera eignet sich gut als Ausgangspunkt für Exkursionen durch die Basilikata: „Sax Barisano“, B&B in den Sassi von Matera, DZ ab 75 Euro, www.saxbarisano.it; „Sant’ Angelo“, Luxusunterkunft in den Sassi, DZ mit Frühstück ab 226 Euro, www.hotelsantangelosassi.it; „Palazzo Margherita“ in Bernalda, Hotel-Palast von Regisseur Francis Ford Coppola, DZ ab 360 Euro, www.coppolaresorts.com

  • Auskunft

    Tourismusorganisation der Basilikata: www.aptbasilicata.it

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