22.09.12

Österreich

Presswurst und Muschelkalk – Genuss im Burgenland

Wer sich von den teils irritierenden Namen der Küche im Burgenland nicht abschrecken lässt, wird erkennen: Österreichs östlichstes und kleinstes Bundesland nennt sich zu Recht eine Genussregion.

Foto: picture alliance / Herbert Lehma

Der erste Schritt zum guten Tropfen: Traubenlese auf Weingut Krutzler am Eisenberg im Südburgenland.

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Die harte Wahrheit muss gleich am Anfang raus: Uhudler taugt nichts! Und mag ihm auch das halbe Burgenland verfallen sein und mögen ihm die Gralshüter des "Slow Food" den Traditionsorden erster Klasse umhängen – diesen Verschnittwein aus sieben Rebsorten kann man schlicht vergessen.

Was sich elegant "Fox-Ton" nennt, heißt im Schwäbischen "Katzensoichler" – womit schon alles gesagt wäre. Stellt sich die Frage: Warum nur hängen die Burgenländer so an ihrem Teufelsbräu? Liegt es am Ende daran, dass sie ihre wahren Delikatessen prima hinter ihm verstecken können?

Wer den Uhudler kennt, erwartet schließlich nicht mehr viel. Ein bonbongreller Rosé-See schützt die Köstlichkeiten des Burgenlands wie der Reisbreiberg das Schlaraffenland. Hat man ihn erst überwunden, ist der Feinschmecker im irdischen Paradies: Österreichs östlichstes und kleinstes Bundesland nennt sich mit Fug und Recht "Genussregion".

Ausgangpunkt für kulinarische Streifzüge

Ein kulinarischer Streifzug durch das Burgenland beginnt besonders romantisch am Eisenberg im Naturpark "Weinidylle". In der sanften Hügellandschaft des Südburgenlandes schmiegen sich mitten in den Weinbergen von Deutsch Schützen kleine Holzhäuser zwischen die Rebzeilen: Die "Wohnothek" ist das Projekt lokaler Winzer und ein ausgezeichneter Ausgangpunkt für kulinarische Streifzüge.

Zum Beispiel zum Buschenschank des Weinguts Wachter-Wiesler am Gegenhang. Dort lässt sich herrlich vespern. Zu Welschriesling und Blaufränkisch (Toplagen: Pfarrweingarten und Steinweg) wird allerlei Hausgemachtes aufgetischt – Verhackertes, Presswurst mit Essig und Kernöl, Hauswürstel, milder Rohschinken und hervorragender Speck.

Unbedingt lohnt anschließend ein kurzer Abstecher zum Weingut Krutzler in der Nachbarschaft. Zum einen der Weine wegen, zum anderen wegen Seniorchef Hermann – des größten Charmeurs von ganz Deutsch Schützen und angrenzender Hanglagen.

Internationales Niveau mit regionalen Produkten

Auch wenn der Mensch im Grunde nicht viel mehr braucht als eine Vesper und ein Glas Wein, sollte man sich ein Abendessen im "Gasthaus Csencsits" im Örtchen Harmisch nicht entgehen lassen. Hier kocht ein junger Mann auf einem alten Holzofen und auf internationalem Niveau mit regionalen Produkten.

Schon Jürgen Csencsits' modernisierter Bohnensterz – ein Arme-Leute-Essen aus Getreidemehl und Trockenbohnen – lohnt die Reise. Bei aller Bodenständigkeit schmeckt man bei jedem Teller das Talent des Chefs heraus, dem langjährigen Sous-Chef des "Taubenkobel", dem nach offiziellen Wertungen besten Restaurant des Burgenlandes. Und das alles zu unschlagbaren Preisen: Das Menü mit fünf Gängen kostet weniger als 60 Euro.

Ein Besuch im Burgenland ohne Besuch einer Burg geht natürlich gar nicht. Für Genießer ist die Burg Bernstein erste Wahl. Waldumsäumt thront die Anlage aus dem 13. Jahrhundert gebieterisch als höchstgelegene Burg des Landes über dem Tauchental. Von ihren Mauern blickt man weit über die südliche Steiermark und die ungarische Tiefebene.

k.u.k. Schmankerl im Renaissancesaal

1892 wurde das Anwesen von der gräflichen Familie Almásy gekauft, deren Spross Ladislaus als "Englischer Patient" weltweite Bekanntheit erlangte. Die Zimmer der Burg heißen Gottgetröst, Tanten-Zimmer oder Almásy-Pascha – genauso individuell und eigensinnig sind sie auch eingerichtet.

Der Höhepunkt aber ist ein Abendessen im kerzenbeleuchteten Renaissancesaal. Die Hausherrin, eine begnadete Köchin, fabriziert in ihrer Schlossküche solch herrliche k.u.k. Schmankerl, dass es nicht nur eingefleischten Nostalgikern die Tränen der Rührung in die Augen treibt: Leberknödelsuppe, Tafelspitz mit Apfelkren, Böhmische Rahmdalken mit Marillenröster.

Am nächsten Morgen ließe sich die genussvolle Gondelpartie von Süd nach Nord durch das Burgenland mit einem Abstecher zum schindelgedeckten Geburtshaus von Franz Liszt inmitten eines hübschen Gärtchens in Raiding verbinden, bevor bei einer Probe auf dem Weingut Tesch in Neckenmarkt im Mittelburgenland die Hochkultur im Glas wieder zum Zuge kommt.

Vorbildliche Weinkultur

Pepi Tesch gilt als Initiator des österreichischen Blaufränkisch-Wunders, schon Ende der 70er-Jahre hat er reinsortigen Blaufränkisch (in Deutschland: Lemberger) ausgebaut. Auf insgesamt 16 Hektar Weingärten an den Ausläufern des Ödenburger Gebirges baut er zudem Zweigelt, Merlot, Cabernet Sauvignon, Syrah und Chardonnay an.

Von der Qualität seiner Weine lässt man sich am besten bei einem Mittagessen ein paar Häuser weiter im Landgasthof "Zur Traube" überzeugen. Das Traditionshaus bietet burgenländische Köstlichkeiten – Waller mit Krautfleckerln, Rehbeuscherl, geschmorte Ochsenbackerl –, eine vorbildliche Weinkultur sowie Anni, eine Vollblutwirtin, wie sie in keinem Bilderbuch schöner gemalt sein könnte.

Das Meer der Burgenländer heißt Neusiedler See, liegt im Norden und ist ebenso breit wie flach. Hier spürt man die Nähe der ungarischen Puszta, die Alpen sind fern und der Himmel weit, im Nationalpark Seewinkel grasen Steppenrinder und Wasserbüffel.

Ein Theologe mit Geschmack

Von Neckenmarkt nimmt man am besten die Abkürzung über Ungarn, das hier wie ein Handtuchzipfel nach Österreich hineinragt. In Fraunkrichen nahe der Grenze wirkt Erich Stekovics – je nach landsmannschaftlicher Zugehörigkeit als "Tomaten-Papst" oder "Paradeiser-Kaiser" apostrophiert.

Auf einem Stein unter einem jungen Walnussbaum im Vorgarten des studierten Theologen sind die wahren Worte zu lesen: "Geschmack erzählt in schönster Weise vom Himmel." 3200 Tomatensorten, mehr als 50.000 Pflanzen, nennt Stekovits sein Eigen; rund 40 Tonnen verarbeitet er jährlich zu Pesto, Marmeladen, Aufstrichen, Kompotten.

Sein Hofladen ist ein zwingendes Ziel für kulinarische Mitbringsel. Gleiches gilt für Johannes Pinterits in Klingenbach mit seinen herrlichen Gewürzen (erstklassiger Safran, Neusiedler Majoran, Pannonische Fenchelpollen) und hocharomatischen Gewürzölen.

Eine Reise ins Hügelland lohnt sich

Othmar Tschürtz in Loipersbach wiederum ist ein renommierter Fleischhauer, Richard Triebaumer weckt herausragende Kompotte und Chutneys in Rust ein. In Mönchhof, dem ältesten Weinort Österreichs, produziert Gerhard Braunschmidt Brände und Essige aus dem eigenen Garten, in Pamhagen betreibt Barbara Gelbmann eine feine Nudelmanufaktur.

Und dann erst die Winzer! Östlich des Sees, in Apetlon, ist ein Besuch bei Velich ein absolutes Muss – berühmt für Chardonnays, die sich selbst hinter Montrachets nicht verstecken müssen. Im nördlichen Gols wirkt der Rotweinspezialist Paul Achs, die Weine von Anton und Andi Kollwentz lohnen eine Reise ins Hügelland westlich des Sees.

Wohin auch immer die Wege den Genießer um den Neusiedler See führen, zum Schluss sollten sie alle im Gut Purbach enden. Hier, im weiß gekalkten Vierkanthof von Max Stiegl, kann man nicht nur wunderbar übernachten – der junge Chef ist vor allem ein ausgezeichneter Koch.

Ein Glas Muschelkalk – die Welt ist in Ordnung

Bei ihm lässt sich von Senfkutteln mit Linsen über eine Halászlé ("pannonische Fischsuppe") bis zu geschmorten Ziegenwangerl mit Krenpüree die große Vielfalt und enorme Qualität der Produkte des Burgenlandes aufs Schönste rekapitulieren.

Dazu ein Glas Muschelkalk 2011 von Thomas Schwarz' Kloster am Spitz – und die Welt ist in Ordnung. Und das Beste: Der Flughafen Wien liegt am nächsten Morgen nur eine halbe Autostunde vom Gut Purbach entfernt. Andererseits: Was will man da?

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Burgenland Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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