23.09.2012, 08:36

Sprachreisen So wird Englisch lernen für Kinder zum Abenteuer

Von Georg J. Schulz

Wenn eine Zwölfjährige plötzlich allein nach England fliegen will, sind Eltern erstmal skeptisch. Doch: An einer Sprachschule wie dem Harrow House lernen Kinder mehr als sonst in einem halben Jahr.

Ben hat, ganz old fashioned, eine Kassette mitgebracht. Er erklärt den Kindern im Kurs, dass es heute um "creative writing" gehen soll, und schiebt das Band ins Abspielgerät.

Seltsame Geräusche sind zu hören. Schritte auf losem Kies. Das Miauen einer Katze. Das Klimpern eines Schlüsselbundes. Ein Motor, der nicht starten will. Flaches Atmen. Und schließlich: ein kurzer, angsterfüllter Schrei.

"What happend? Please write a short story and use everything we heard." Die Bitte des Lehrers stößt bei der kleinen Klasse – es sind nur zwölf Jungen und Mädchen in ähnlichem Alter – auf geteilte Begeisterung. Während die Osteuropäer und die dunkelhaarige Italienerin schnell bei der Sache sind, albern die zwei Schweizer erst einmal herum.

Aber nur bei Salim aus der Türkei bleibt das Papier die ganze Zeit über weiß. Er hat offenbar nichts von dem verstanden, was Ben gesagt hat, und legt nun frustriert den Kopf auf den Tisch – selbst die mehrfache Aufmunterung des Lehrers bringt bei ihm nichts.

Antonia hingegen schreibt Satz um Satz, bis die kleine Geschichte fertig ist – nicht fehlerfrei, aber dafür immerhin eine ganze Seite lang.

Das erste Mal allein im Flugzeug

Zehn Tage vor dieser Englischstunde war Antonia, meine zwölf Jahre alte Tochter, in Hamburg alleine in den Flieger gestiegen – und knapp zwei Stunden später am Londoner Flughafen Heathrow mit anderen Sprachschülern und den Betreuern vom Harrow House in Swanage zusammengetroffen.

Ein Abenteuer nicht nur für sie, sondern auch für uns Eltern, denn bisher waren wir immer zusammen unterwegs gewesen, jedenfalls im Ausland. Doch Kinder werden größer, selbstständiger, mutiger und damit auch weltoffener. Und sie wissen, dass die Schule zu Hause ihnen zwar eine Menge beibringen kann, Fremdsprachen man aber am besten dort lernt, wo sie gesprochen werden.

Antonia selbst hatte den Wunsch, eine Sprachreise zu machen, und mir an einem Sonntagmorgen gesagt: "Wir waren doch letztes Jahr zusammen in Oxford und London. Das fand ich echt super da. Kann ich in den Ferien nicht mal alleine nach England fliegen und dort in so ein College für Sprachschüler gehen? Im Internet habe ich schon viel darüber gelesen!"

Warum die Wahl auf England fiel

Da die verschiedenen Anbieter von Sprachreisen ihr weltweites Angebot online gut präsentieren, kamen wir beim Suchen schnell zu Ergebnissen. Erste Erkenntnis: Man kann zwar auch Sprachcamps auf Spanisch oder Französisch buchen, aber Englisch als wichtigste Weltsprache steht nach wie vor ganz oben in der Gunst.

Zweite Erkenntnis: Wenn wir wollten, könnten wir unser Kind zum Lernen sogar nach Malta, Amerika, Australien oder Südafrika schicken. Dritte Erkenntnis, auch beim Blick auf die Kosten: Man muss es ja nicht gleich übertreiben ...

Also: England. Doch wohin dort genau? Groß ist das Angebot, viele Offerten klingen ähnlich: ein Standort abseits von London, Unterkunft im College oder bei Gasteltern, drei bis vier Stunden Englisch am Tag, dazu ein buntes Freizeitprogramm mit Ausflügen, Sport und Abendunterhaltung.

Wir entschieden uns schließlich für das Harrow House an der südenglischen Küste. Denn schon dessen Website verspricht richtige College-Atmosphäre mit mehr als 700 Kindern. Es gibt einen überdachten Swimmingpool, Minigolf, Tennisplätze, Sport am Strand, kleine Klassen, freies WLAN – und abends Tanzen in der Disco.

Auch Swanage, ein überschaubarer familiärer Badeort mit typisch britischem Flair, schien eine gute Wahl.

Kontrolle dank moderner Kommunikation

An einem Sonnabend im Juli ging es dann los – zum ersten Mal ohne Eltern im Flugzeug. In Zeiten moderner Kommunikation mit iPhone, Skype, Facebook & Co. ist es zum Glück nicht schwierig, sein Kind halbwegs im Auge (und im Ohr) zu behalten, auch wenn es 1000 Kilometer entfernt von einem weilt. Deshalb sind wir in den ersten Tagen nach der Ankunft recht gut informiert, was sich vor Ort tut und wie Antonia sich fühlt.

So erzählt sie uns: "Ich habe am Sonntag einen kleinen Test geschrieben. Die wollen jeden so einstufen, dass er beim Unterricht mitkommt. Mein Test war leider nicht so doll, glau- be ich. Na ja, dann wird der Unterricht wenigstens leichter."

Lernen auch außerhalb des Unterrichts

Die jüngsten Schüler im Harrow House sind acht, die ältesten 17 Jahre alt. Da liegen nicht nur die Vorkenntnisse weit auseinander, sondern auch die sonstigen Interessen. Deshalb werden die Kinder nicht nur nach den Testergebnissen eingeteilt, sondern auch nach Altersklassen.

Entsprechend gestaltet sich dann der Stundenplan. "Wir haben morgens ab 9 Uhr vier Stunden Sport, nicht nur Fußball, Basketball, Tennis und solche Sachen, sondern auch Wandern oder Beachgames unten am Strand", berichtet Antonia. Nach dem Essen – das viel besser schmeckt als erwartet – und einer Mittagspause folgen dann drei Stunden Englischunterricht bei verschiedenen Lehrern: "Charlie hat sich hauptsächlich aufs Reden spezialisiert, Ben aufs Hören und Katrina auf die Grammatik."

Doch der Unterricht alleine ist es gar nicht, der dafür sorgt, dass sich die Sprachkenntnisse unserer Tochter in den Tagen darauf schnell verbessern. "Wenn du selbst noch nicht viel sprichst, hörst du dafür dreimal so viel", schreibt uns Antonia in einer Mail. "Und weil da ja kaum einer Deutsch kann, musst du dich einfach überwinden und irgendwann doch Englisch reden oder es zumindest versuchen."

Die Kinder sollen auch Spaß haben

Für den Sport – außer Tennis, das übernimmt ein professioneller Lehrer – ist im Harrow House das Staff-Team zuständig. "Die sind so ähnlich wie die Betreuer auf einem Ponyhof ", erklärt Antonia, "sie haben alle die gleichen blauen T-Shirts an und sind immer nett und hilfsbereit. Meine Lieblings-Staffs heißen Jenn und Lucas, aber eigentlich sind die alle gut drauf."

Das ist wichtig, denn wenn Kinder in ihren Ferien ins Harrow House kommen, sollen sie nicht nur lernen, sondern auch Spaß haben. Die Gründer – ein Sportlehrer aus England und seine deutsche Frau, die als Englischlehrerin gearbeitet hat – haben seit 1969 immer wieder in den Ausbau der Anlage investiert und sie Stück für Stück ergänzt.

Selbst ein kleines Kino, einen Fitnessraum, ein Billardzimmer und eine Chill-out-Lounge gibt es heute. "Mit einer normalen Schule kannst du das gar nicht vergleichen", schwärmt Antonia schon beim zweiten Anruf in der Heimat.

Respekt vor anderen Kulturen

Direktorin des Harrow House ist mittlerweile Sabine Booth, die Tochter der Besitzer. Sie und ihre bis zu 150 Mitarbeiter – 30 feste und viele Studenten – achten darauf, dass alles reibungslos abläuft und die Kinder gut zurechtkommen.

"Wir wollen, dass die Schüler gerne hier sind", sagt sie. "Deshalb haben wir ein so vielfältiges Angebot – und natürlich ein paar Regeln." Zu diesen gehört unabdingbar auch der Respekt vor anderen Kulturen, was zum Beispiel manchen verwöhnten Kindern aus den Arabischen Emiraten erst einmal klar- gemacht werden muss.

Das Heimweh ist schnell vorbei

Da sich im Haus bis zu 60 Nationen treffen (etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen kommen aus Deutschland), kann sich nur verständigen, wer sich traut, Englisch zu sprechen.

Schon bei der Zimmervergabe wird darauf geachtet, dass keine Ländercliquen entstehen, die sich in ihrer Muttersprache unterhalten und so durchmogeln könnten. "Mancher hat in den ersten Tagen dann schon mal Heimweh", sagt Sabine Booth, "aber bei fast allen ist das spätestens nach einer Woche vorbei."

Auch Antonia hat in Swanage schnell Anschluss gefunden – und bewegt sich in der zweiten Woche schon wie ein alter Hase durch das Labyrinth von Gängen, Fluren, Zimmern und Aufenthaltsräumen.

Normalerweise würde sie bis zum nächsten Sonnabend bleiben und dann wieder mit dem Bus nach Heathrow gebracht werden, um von dort alleine zurück nach Hamburg zu fliegen – mit dem gestiegenen Selbstbewusstsein sicher kein Problem. Doch weil die Ferien enden und der Papa ohnehin schon in der Gegend ist, gibt es ein vorzeitiges Wiedersehen und eine gemeinsame Heimreise.

Und was hat das alles nun gebracht? Mehr als erwartet. Vom Erfolg zeugt nicht nur das zeugnisähnliche Zertifikat von der Schule, sondern vor allem das Fazit meiner Tochter: "Ich glaube, ich habe hier mehr gelernt als im letzten Halbjahr an der Schule. Darf ich irgendwann noch einmal ohne euch nach England fahren?"

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vonCarpe Diem. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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