Portugal
Aufpolierter Glanz in den Pousadas an der Algarve
Die Portugiesen trauern ihrer vergangenen Größe gern hinterher. Wie opulent man einst lebte, können Reisende heute in Pousadas nachfühlen – in Palästen und Klöstern, die zu Hotels wurden.
Ich betrachte das Leben als eine Herberge, in der ich verweilen muss, bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft", hielt der Dichter Fernando Pessoa in seinem "Buch der Unruhe" fest. Wer so schreibt, kommt natürlich aus Portugal.
Dem Land des Lichts, das trotz seiner Leuchtkraft, dem strahlenden Weiß, Sonnengelb, Rosé und sattem Blau, melancholischer, weicher und verlorener wirkt als der stolze spanische Nachbar. Saudade, das vorherrschende Lebensgefühl der Portugiesen, ist eine Traurigkeit, die sich mit Sehnsucht paart – nach vergangener kolonialer Größe, der Zeit der Entdecker, Seefahrer, Könige.
Wer würde nicht lieber von der Ferne, dem Wagemut und der Macht der alten Eroberer träumen, statt sich einzugestehen, trotz aller Bemühungen weiter von den reichen Ländern der Eurozone abhängig zu sein.
Schätze abseits der Bettenburgen
Besucher aus diesen Ländern sind gern zu Gast am südlichen Zipfel Portugals, an der Algarve. Die wenigsten aber, die in der Stadt Faro landen, wissen, welche Schätze hier abseits der Bettenburgen, der Sonnenanbeterzentren aus Beton, stehen: Klöster, Herrensitze, Weingüter, Mühlen, Paläste. "Pousadas" heißen sie, wenn sie dem Staat gehören, "Solares" sind Häuser in Adelsbesitz.
Längst wären sie verfallen, hätte man sie nicht in Hotels verwandelt, sie umgebaut, oft um kühne, moderne Architektur ergänzt, um genug Gäste unterbringen zu können. Manche sind so schön, dass man sie kaum verlassen mag – wie die "Pousada Palácio de Estoi", ein barocker Traum in Altrosa und Weiß, ein Lustschloss mit Teehaus und Garten im Versailles-Stil, gebaut Ende des 18. Jahrhunderts von José Francisco da Silva, der Visconde, also der Vizegraf, von Estoi.
Verwunschen und morbide – aber mit Pool
Das Dorf liegt zehn Kilometer von Faro entfernt im grünen Hinterland, inmitten von Palmen, Zitronen- und Granatapfelbäumen. Im ersten Morgenlicht wirkt der verwilderte Teil der Gartens mit den schmiedeeisernen Toren, blau-weißen Kacheln, Erkern, Säulen verwunschen und morbid – ganz anders als der moderne Pool und die Zimmer im weißen, puristischen Neubau.
Zum Frühstück geht der Gast durch einen prächtigen Spiegelsaal auf die Terrasse des Säulenparks. Seit 1987 gehört der Rokokopalast der Stadt Faro. Vor drei Jahren erst wurde er als Luxushotel eröffnet. Wer nach Portugal fährt, sollte unbedingt auch einmal in einer alten Mühle schlafen.
"Mill to chill", Mühle zum Ausspannen, nennen Michaela und Emanuel dos Santos ihr Anwesen aus dem 17. Jahrhundert bei Algoz scherzhaft. 2006 haben die deutsche Designerin und ihr portugiesischer Mann ihr Landhotel "Moinho do Pedro" eröffnet.
Wo Sänger Cliff Richard Wein keltert
So hieß ihre Mühle schon, als es kein elektronisches Tor gab, man noch nicht im blauen Himmelbett im Freien schlafen oder Massagen buchen konnte. Abends liegen die Gäste hier entspannt in der Hängematte, blicken herab auf glitzernde Küstenorte, beobachten vom Mühlenturm mit dem Teleskop die Sterne.
Wem es auf der Mühle zu langweilig wird, der fährt zur Praia Grande, einem unverbauten Strandstück zwischen den Touristenzentren Albufeira und Armação de Pêra, in die alte maurische Stadt Silves, wo man abends für wenig Geld knusprige, scharfe Hähnchen am Fluss essen kann.
Oder zum Weingut des britischen Sängers Sir Cliff Richard, der bei Guia in der Nähe von Albufeira in seiner "Adega do Cantor" gute Rosé- und Rotweine keltert. "Vida Nova" nennt er sie, neues Leben. Das haben auch zwei Niederländer an der Ostalgarve begonnen, bei Moncarapacho.
Salzwiesen und lange, weiße Badestrände
Michelle Elst, 33, und Theo Hordijk, 31, wollten weg aus dem kalten, nassen Norden und kauften von zwei deutschen Schwestern eine alte Quinta. Das portugiesische Landhaus richteten sie im maurischen Stil ein und eröffneten 2011 "O Tartufo", ein Bed & Breakfast – nahe dem Naturschutzgebiet Ria Formosa mit Salzwiesen und langen, weißen Badestränden.
Die Schwestern hatten für ihr Gästehaus einen tropischen Garten angelegt und in der bäuerlichen Gegend Yogastunden und Trommelkurse angeboten. Nebenan wohnen Portugiesen. "Die fragten auch uns zunächst: Trommelt ihr?", erinnert sich Theo Hordijk.
Morgens krähen Hähne. Hunde bellen. Und ab und zu hört man einen alten Mann singen und klatschen. Der Verrückte wird Amato von den anderen Nachbarn genannt. "Als ich ihm sagte, wir wollen bald Öl aus unseren Oliven herstellen, die er ja so gern isst, meinte er, dann haben wir beide was von deinen Oliven", erzählt Hordijk. "Da wusste ich, der ist in Ordnung."
"O fim do mundo" – das Ende der Welt
Sotavento nennen die Portugiesen diesen wärmeren, windärmeren Teil der Algarve zwischen Faro und der spanischen Küste. Barlavento, die windige Westküste, reicht von Faro bis zum Cabo de São Vicente, dem Kap, dem die Seefahrer den Namen "o fim do mundo" gaben, das Ende der Welt.
Hier ist der Massentourismus noch fern, zum Glück. Die wilde, felsige Küste und ihre einsamen Strände wie der Praia do Amado, an denen Baden nicht ungefährlich ist, gehören den Könnern unter den Surfern.
Lässig ist es bei Carrapateira, am Atlantik. Surfer trocknen ihre Häute, die eigene und die schwarze aus Neopren, auf den Felsen und trinken Sagres-Bier aus Flaschen. Eine Hippiefrau verkauft geknüpfte Armbänder. An Ende der Holztreppe, auf dem Parkplatz, stehen VW-Busse, es gibt nur eine Bude mit Plastikstühlen.
Ein guter Ort, um Kinder zu bekommen
Der Wind bläst. Bei Sonnenuntergang pilgern viele zum Cabo de São Vicente, dem rot-weißen Leuchtturm. Auf dem Weg wird Blo-Kart angeboten: Rollsegeln im roten Sand. Wenn das Heinrich der Seefahrer wüsste, der 1460 hier bei Sagres gestorben ist, der große Kartograf und Navigator, der selbst nie ein Schiff geführt hat, aber Europa von Portugal aus den Weg in die Neue Welt wies.
Ihm zu Ehren wurde an seinem 500. Todestag 1960 die "Pousada do Infante" eröffnet, die über dem Atlantik und der Steilküste von Sagres thront. Direkt gegenüber liegt das neue Designhotel "Martinhal". Ein guter Ort, um Kinder zu bekommen, fanden die Eigentümer Roman Stern aus der Schweiz und seine Frau Chitra aus Indien, die sich als Unternehmensberater in London kennenlernten.
Im lila Sitzsack mit einem Glas Rotwein in der Hand
Vier Kinder haben sie inzwischen – und ein Familienhotel der Extraklasse, im Naturpark Costa Vicentina, mit Privatstrand, Kinderklub, Restaurants und kubischen Villen, die Englands Stardesigner Sir Terence Conran geplant hat. Die bunten, runden Retro-Möbel für das Hotel hat der Londoner Designer Michael Sodeau entworfen. Sie erst machen den Charme der Villen aus.
Mittags schieben hier britische Manager ihr Kind im McLaren-Buggy, während die Mütter sich im Finisterra Spa durchkneten lassen. "Das Leben ist eine experimentelle Reise, die unfreiwillig unternommen wird", heißt es bei Fernando Pessoa. Wer hier rastet, in einer Ocean Villa, im lila Sitzsack, beim Glas Esporão, einem Rotwein aus dem Alentejo, im wilden, zerzausten Sagres, hofft inständig, dass sie noch ein wenig andauern wird.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Olimar, dem "Martinhal Beach Resort" und Air Berlin. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.
















