15.09.2012, 10:45

Spanien Wandern in Galicien – abseits der Pilgermassen

Foto: Bildagentur Huber/Gräfenhain / picture-alliance / Bildagentur H

Von Ulrike Heitholt

Tausende Pilger zieht es Jahr für Jahr in den Norden Spaniens. Ruhiger ist es auf den Nebenstrecken des Jakobswegs. Und eine davon führt durch die landschaftlich reizvolle Serra da Enciña da Lastra.

Hinter der Dorfkirche geht es links hoch, aber der Weg ist verstellt. Auf kurzen Beinen stürmen drei Hunde heran und bellen um die Wette. Ebenso eifrig wackeln sie mit dem Schwanz, und ein paar Schritte weiter ist klar: Die drei wollen die Wanderer begleiten.

Das Trio stürzt wagemutig voraus und hinein in die Serra da Enciña da Lastra. Der rund 3000 Hektar große Naturpark liegt im äußersten Südosten Galiciens, direkt an der Grenze zur Provinz Léon.

Mächtige Felsen ragen über 1000 Meter auf, Eidechsen huschen über den Weg, ein Zwitschern ertönt in den Büschen. Weit und breit keine Menschenseele. Gut, dass die Hunde dabei sind. Sie bekommen von uns Namen: Juan, Carlos und Sofía.

Am Himmel zeigen sich dunkle Schatten. Sind es Raben? Oder gar Adler? Zur Auswahl stehen Stein- oder Schlangenadler, Habichts- oder Zwergadler. Auch die in Deutschland ausgestorbene Alpenkrähe lebt in der Serra.

Die Minen von Las Médulas stehen auf der Unesco-Liste

Das überschaubare Gebiet wurde nicht zuletzt wegen seiner artenreichen und seltenen Tier- und Pflanzenwelt unter Schutz gestellt. Dutzende Kräuter wachsen auf den Hängen, die alten Frauen in den Dörfern der Serra wissen noch um ihre Heilkräfte und nutzen sie.

Höhlen durchlöchern die Felswände. Sie zu betreten ist streng verboten, denn elf verschiedene Fledermausarten nisten hier. Jetzt lassen sie sich nicht blicken, die Hunde vergraulen auch die tagaktiven Fledermäuse.

In irrem Tempo jagen sie den Weg entlang, hin und zurück, nehmen die Abkürzung über die Wiese, stöbern begeistert in den Büschen. Sie kennen die Strecke genau, man braucht ihnen nur zu folgen. Der Blick geht weit ins Land, rüber nach Léon.

Über mehrere Staustufen nähert sich der Río Sil, und rechter Hand blitzt es zwischen dem Grün leuchtend rot hervor: die Minen von Las Médulas. Die außergewöhnliche, von Menschenhand geschaffene Landschaft steht auf der Unesco-Weltkulturerbeliste.

Schon früh wurde hier Gold gewonnen, die Römer ließen bis zu 100.000 Sklaven in dem Gebiet arbeiten. Sie gruben Minen und Schächte in das rötliche Gestein, fluteten sie und sprengten dadurch den darüberliegenden Fels. So wurde der Berg quasi Stück für Stück abgetragen. Das Resultat sind bizarr zerklüftete Felsformationen.

Die Häuser sind mit Schiefer gedeckt

Noch immer spielt der Bergbau eine wichtige Rolle in der Region. Die Gewerkschaft ist mächtig, und als kürzlich die Löhne nicht gezahlt wurden, streikten die Minenarbeiter und blockierten die Autobahn – der Stau auf den wenig befahrenen Straßen Nordspaniens wurde zur Attraktion für die Wartenden.

Erz ist der begehrte Rohstoff, und über den anderen Bodenschatz stolpern wir förmlich in der Serra: Im Boden, an den Felswänden, dann unübersehbar im Dorf hinter der nächsten Kurve – überall sehen wir Schiefer.

Juan, Carlos und Sofía klären lautstark das Wegerecht mit dem Platzhund, dann dürfen wir Pardollán passieren. Kaum zwei Dutzend Häuser schmiegen sich an den Hang, der Dorfbrunnen ist mit Schiefer eingefasst, viele Dächer sind mit dem schwarzen Gestein gedeckt, manchmal akkurat, manchmal kreuz und quer; doch es finden sich auch mit Reet gedeckte Anwesen.

Pardollán ist nur über eine schmale Straße erreichbar. Doch die Zeit ist in dem Dorf keineswegs stehen geblieben: "W-LAN-Zone" verkündet eine Tafel an der Kneipe des Örtchens. Die Hunde wollen weiter, ein gelber Pfeil zeigt uns die Richtung.

Ruhe vor pilgernden Heerscharen

Eine Nebenstrecke des Jakobswegs führt durch die Serra – hier findet man dann auch die nötige Ruhe zur Besinnung, die auf der Hauptroute nicht selten von pilgernden Heerscharen gestört wird.

Durch einen Kastanienhain erreichen wir schließlich Anfang und Ziel der Wanderung: Vilar de Silva, kaum größer als Pardollán. Juan, Carlos und Sofía flitzen nun schnell zu den heimischen Fressnäpfen, ohne die Wanderer noch eines Blickes zu würdigen. Wir bleiben hängen.

Die "Casa Chao do Prao" ist Dorfkneipe und eine gute Übernachtungsgelegenheit im Naturpark. Vor dem mächtigen Bruchsteinhaus sitzt Tito und ordnet die Kiesel auf dem Platz mit seinem Stock.

Ein Mix aus Deutsch, Spanisch und Gallego

Der 81-Jährige war viele Jahre in New York, zwischendurch in Deutschland, jetzt ist er in seinen Geburtsort zurückgekehrt. Er plaudert gern mit den Besuchern in einem fantasievollen Mix aus Deutsch, Spanisch und Gallego, der galicischen Regionalsprache.

Seinen Neffen verstehen wir besser; Antonio ist in Deutschland aufgewachsen und hat lange dort gelebt. Er führt das Haus, das ein Treffpunkt der Dorfbewohner ist, wenn sie denn in Vilar de Silva sind. Zumindest zeitweise wohnen und arbeiten viele Einwohner in der Stadt oder im Ausland.

Antonio hat den Gemeinschaftsofen für ein Festmahl angeheizt. Um ihn herum stehen die Männer, beobachten das Feuer und binden Zweige zum Ausfegen zusammen. Auch Bruno schaut vorbei, das Pferd des Ziegenhirten David spaziert durchs Dorf, wie es ihm gefällt.

Vom Einsperren der Tiere hält David nichts, sie sollen frei sein, solange es geht. Das Zicklein kann nicht mehr herumlaufen. David zerteilt es bereits in kleine Stücke, das Essen kann beginnen.

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