09.09.12

Kanada

Der Thrill am Abgrund – in 353 Metern Höhe

Wer seinen Mut proben will, steigt auf den CN Tower in Toronto – und versucht, beim weltweit höchsten freihändigen Panorama-Spaziergang in 353 Metern Höhe die Aussicht zu genießen.

Langsam schiebe ich meinen rechten Fuß vor, dann den linken und wieder den rechten. So nähere ich mich der Kante des nur eineinhalb Meter breiten Metallstegs.

Unter mir tut sich ein Panorama auf, das an die Karibik erinnert: hellblaues Wasser, das in der Sonne funkelt. Viele kleine grüne Inseln, einige mit Sandstränden. Es ist an die dreißig Grad warm. Das Wasser ist allerdings "nur" der Ontariosee, die Inseln sind die Toronto Islands, die wenige hundert Meter vor Kanadas größter Stadt liegen.

Freihändig und ohne Absperrung

Ich bekomme weiche Knie, und das nicht nur von der Aussicht. Ich stehe jetzt nämlich direkt an der Stegkante auf 356 Metern Höhe, und das ganz ohne Geländer oder sonstige Absperrung.

Vor einer Stunde habe ich mir noch eingeredet, dass ich ja keine Höhenangst hätte und meine Balance auch nicht so schlecht wäre. Zu dem Zeitpunkt saß ich allerdings noch vor dem CN Tower (Canadian National Tower), jetzt stehe ich auf dem Dach des Drehrestaurants. Ich soll den halben Fuß über den Abgrund schieben.

"Komm, noch fünf Zentimeter und die Arme ausbreiten", wird mir zugerufen. Das sagt sich so leicht. Einmal durchatmen, doch dann gelingt es mir, eine halbe Minute lang in dieser Pose zu verharren.

Die drei Mutproben des Edge Walk

Ich beginne zu kippeln und setze vorsichtshalber einen Schritt zurück. Auch wenn ich natürlich gesichert bin, will ich hier nicht wegrutschen, den Schock erspare ich mir lieber.

"Toes over Toronto", Zehen über Toronto, heißt diese Mutprobe, die von unserer Turm-Führerin Christine euphemistisch als "Aktivität" bezeichnet wird. Ganz so, als würden wir uns hier langweilen und müssten bei Laune gehalten werden. Dabei ist die Aussichtsplattform schon 30 Meter höher als die Spitze des Eiffelturms.

Können wir nicht einfach den Ausblick genießen? 200 Meter unter uns knattert gerade ein Flugzeug vorbei und landet auf dem der Stadt vorgelagerten Inselflughafen. Doch Ausreden lässt Christine nicht gelten und ich widme mich wieder den Aktivitäten.

Die neueste Attraktion der Stadt

Insgesamt sind drei dieser Mutproben Teil des Edge Walk am CN Tower, dem 553 Meter hohen Wahrzeichen Torontos. Der Edge Walk, oder "Spaziergang an der Kante", ist die neueste Attraktion in der Metropole; ideal für Menschen, die einen normalen Besuch des mittlerweile nur noch fünfthöchsten Gebäudes der Welt für zu langweilig halten.

Auf dem Sims oberhalb des Panorama-Restaurants im Turmkorb ist seit Herbst 2011 ein Steg angebracht, der einmal um den Turm führt, insgesamt sind es 150 Meter. Jeweils sechs Wagemutige werden mit einem Klettergeschirr gesichert, das über ein Seil und einen zweiten Gurt an einer Schiene über den Köpfen eingehakt ist und bei der Umrundung des Turmes mitläuft.

Der weltweit höchste Panorama-Spaziergang

Damit hat es der Edge Walk bereits ins Guiness-Buch der Rekorde geschafft: Die Anlage ist der weltweit höchste freihändige Panorama-Spaziergang. Und absolut sicher sei er auch, wird zumindest vehement behauptet.

Das Seil, das einen im Ernstfall halten soll, trägt angeblich 15.000 Pfund. "Das ist das Gewicht eines Kleinbusses", erklärt uns Christine. "So schwer ist doch sicher niemand von euch, oder?" witzelt sie weiter.

Nach Witzen ist mir momentan allerdings nicht zumute, denn die zweite Aktivität steht an. Man soll wieder bis zur Kante vorgehen, sich jetzt aber mit ausgebreiteten Armen rückwärts über die Stadt lehnen. "Vertraut einfach eurer Ausrüstung", sagt Christine.

"Oh ja, das bin ich über Toronto schwebend!"

Die Herangehensweise hierbei ist etwas merkwürdig. Man soll sich zuerst mitten auf der Plattform hinsetzen wie auf einem imaginären Stuhl und dann rückwärts bis zur Kante watscheln. Wenn man diese erreicht hat, drückt man die Knie durch und lächelt.

Christine lässt ihre Helmkamera laufen und holt auch noch einen Fotoapparat heraus. Jetzt werden die Bilder geschossen, die man zu Hause und auf Facebook gerne vorzeigt: "Oh ja, das bin ich, über Toronto schwebend!"

Videos und Fotos des eigenen Edge-Walk-Abenteuers sind im Preis inbegriffen, so muss man sich am Ende wenigstens nicht lange überlegen, ob man wirklich einen Beleg zum Angeben braucht.

Konfrontation mit Höhe gegen die Höhenangst

Groß prahlen steht bei meiner Mit-Walkerin Anne allerdings nicht im Fokus. Sie kommt aus Calgary und nutzt den Edge Walk, um sich auf kuriose Weise selbst von ihrer Höhenangst zu heilen.

Dazu hat sie eine Vier-Schritte-Therapie entwickelt: "Gestern habe ich mich auf den gläsernen Boden auf der normalen Aussichtsplattform am CN Tower gestellt und hinuntergeguckt, das war Schritt Nummer eins", sagt Anne.

Heute bestreitet sie den Edge Walk, für den Spätsommer ist ein Bungee-Sprung geplant und irgendwann soll dann zum krönenden Abschluss der Selbstbehandlung ein Fallschirmsprung folgen. "Ist zwar alles nicht so billig", sagt die 51-Jährige und lacht dabei, "insgesamt aber noch günstiger als eine richtige Therapie."

30 Minuten dauert der Nervenkitzel

Bislang hält sie sich wacker. Beim rückwärtigen Schweben über der Stadt hängt sie allerdings ziemlich verzweifelt in den Seilen. "Wann sind wir eigentlich fertig", fragt sie. Solange sie ihren Humor behält, kann sie ihre Höhenangst von mir aus gern loswerden.

Der eigentliche Edge Walk dauert rund 30 Minuten, das gesamte Erlebnis fast zwei Stunden. Da 356 Meter unter den luftigen Spaziergängern hektische Großstädter herumlaufen, wird penibel darauf geachtet, dass keiner der Edge Walker Gegenstände bei sich trägt, die auf Passanten regnen könnten.

Das bedeutet, dass man weder Kameras, noch Fotoapparate oder Mobiltelefone mit auf die Plattform nehmen darf. Pumps und Flipflops sind ebenso verboten. Wer will schon von einer aus 350 Metern herunterfallenden Birkenstock-Sandale ausgeknockt werden?

Brillen werden festgezurrt

Auch Ringe, Uhren und Ähnliches muss man abgeben. Einzig die Brillen dürfen aufbleiben. Sie werden mit einer Kette festgezurrt, die am roten Overall befestigt wird, den jeder Edge-Walker anzieht, bevor er das Klettergeschirr angelegt bekommt.

Meist ist eine Seite des CN Tower windstill, dort absolviert man dann die Aktivitäten. Ich habe, wie gesagt, Glück, und wir turnen bei schönstem Sonnenschein über der Seeseite herum. Der Edge Walk wird allerdings auch bei Regen und schlechter Sicht durchgezogen.

Wie Luke Skywalker in "Krieg der Sterne"

Und angeblich ist der Gang in schwindelerregender Höhe, wenn es neblig ist und man den Boden gar nicht mehr sehen kann, besonders aufregend. Warum, erklärt mir einer der Turm-Mitarbeiter: Man fühle sich so wie in der Wolkenstadt auf dem Planeten Bespin in "Krieg der Sterne" und spaziere durch den Himmel wie Luke Skywalker.

Jetzt sind alle fertig mit der zweiten Mutprobe und es ist Zeit für die letzte Aktivität: sich vorwärts über die Kante lehnen und, wenn man möchte, in Titanic-Manier irgendwas wie "Ich bin der König der Welt" über die Stadt brüllen.

Sehenden Auges an den Abgrund

Hat man sich bei Übung zwei noch recht lässig rückwärts an den Abgrund herangetastet, geht es jetzt sehenden Auges voran. Ich denke zwar nur für den Bruchteil einer Sekunde, dass ich vom Turm falle, doch es reicht mir langsam.

Wenn das hier so weitergeht, ist Anne vielleicht bald schwindelfrei, ich habe mir dann aber Höhenangst antrainiert. Jetzt wenden wir das Gelernte aber auch noch auf der Windseite des Turms an und choreografieren ein nettes Gruppenbild mit wehenden Haaren.

"Wenn du jetzt fällst", höre ich Anne neben mir sagen, "landest du wenigstens in der Steam-Whistle-Brauerei, da gibt's das beste Pils Kanadas." Ich bin beeindruckt: Passend zum finale furioso werden auf dem Edge Walk sogar die Witze besser.

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Toronto

Waghalsige Posen auf dem CN Tower

Toronto-Tipps
  • Anreise

    Zum Beispiel mit Lufthansa oder Air Canada von Frankfurt nach Toronto.

  • Übernachtung

    The Fairmont Royal York“, luxuriöses Traditionshaus, zehn Gehminuten vom CN Tower entfernt, DZ ab 190 Euro, Tel. 001/416/368 25 11.

    Delta Chelsea“, DZ ab 150 Euro, Tel. 001/416/595 19 75.

  • Edge Walk auf dem CN Tower

    Der CN Tower steht mitten in Toronto, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Zwischen 10 und 20 Uhr finden Touren um den Tower statt. Das Mindestalter für Teilnehmer beträgt 13 Jahre, die Mindestgröße ist 1,07 Meter. Der eigentliche Edge Walk dauert 30 Minuten, inklusive Vor- und Nachbereitung 90 Minuten. Bis auf Brillen dürfen keine persönlichen Gegenstände wie Handys und Fotoapparate mitgenommen werden. Täglich geöffnet von Mai bis Ende Oktober. Bei Gewittern und schweren Stürmen wird die Anlage geschlossen. An Wochenenden ist der Edge Walk häufig ausgebucht, sodass man reservieren sollte. Preis: ab umgerechnet 150 Euro pro Person, inklusive Fotos und Videos vom eigenen Walk sowie Eintritt für den regulären Besuch des CN Tower, Tel. 001/416/601 38 33, edgewalkcntower.ca

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