24.08.12

Polen

Ein Heimatfilm-Sommer im alten Ostpreußen

Ermland und Masuren sind Sehnsuchtsziele mit Seen, kilometerlangen Alleen und zauberhaften Lichtspielen. Statt an die Schlachtplätze der Vergangenheit denkt der Reisende an Marion Gräfin Dönhoff.

Foto: dpa/PA/Bildagentur Huber

Sehnsucht nach Wasser: Jugendliche am Seeufer bei Nikolaiken (polnisch: Mikolajki), dem heutigen touristischen Zentrum Masurens.

14 Bilder

Ist das der berühmte Zauber von Masuren? Wenn das Taubenblau des Himmels aufreißt und die Sonne noch einmal ihre Strahlen ausstreckt, Ufersaum, Boote und Angler in ein blendendes Grün taucht? Zum Sonnenuntergang über dem Wulpingsee malt der Himmel ein Bild nach dem andern.

Wortlos schaut man, wie sich alle Farben von Gold bis Mandarinenrot glänzend wie Öl auf dem Wasser ergießen und schließlich ermatten. Auch die Fische feiern den Sommertag und tanzen einen letzten Tanz. Für einen kurzen Moment, wenn sie springen, sieht man ihre silbernen Leiber aufblitzen.

Das Buch der Gräfin als Inspiration

Es ist schon sehr lange her, da schenkte mir Marion Gräfin Dönhoff ihr Buch "Namen, die keiner mehr nennt" über Ostpreußens Geschichte und Menschen. Ich war damals Mitte Zwanzig und habe es verschlungen. Seitdem steht es in meinem Bücherregal, hin und wieder nehme ich es heraus, freue mich an der persönlichen Widmung.

Vor kurzem dann hatte ich in der alten Heimat der Gräfin zu tun, im Süden des früheren Ostpreußens, in der heute polnischen Region Ermland-Masuren. Nein, ganz gewiss wollte ich nicht auf den Spuren der Gräfin reisen, wie es viele tun. Ich hatte meine eigenen Erinnerungen an sie, und auch diesem Teil Polens wollte ich ganz neu begegnen.

Im Windschatten des Heimwehtourismus

Das Ermland und Westmasuren liegen im Windschatten des Heimwehtourismus, der noch immer Tausende Deutsche in die alten Ostgebiete zieht, aus denen sie nach dem Krieg vertrieben wurden. Für ein Wochenende stieg ich ab am Wulpinskiesee, wie der Wulpingsee heute heißt.

Von dort sind es nur 14 Kilometer bis Allenstein (Olsztyn) im Norden. Im Westen liegen Osterode (Ostróda) und der Oberländische Kanal aus dem 19. Jahrhundert, wo die Ausflugsdampfer über Schienen wegen des Höhenunterschiedes von einem Gewässerabschnitt in den nächsten gezogen werden. Ein herrliches Erlebnis.

Die ermländische Gemeinde Stabigotten (Stawiguda), 1357 gegründet, liegt mitten in einem Landschaftsschutzgebiet mit uralten Wäldern und hat drei Seen vorzuweisen: den Lansker See, den Plautziger See und eben den Wulpingsee. Der scheint glücklicherweise touristisch noch im Dornröschenschlaf zu liegen.

Biber und Sumpfschildkröten

Nur wenige Häuser säumen sein Ufer. Biber und Sumpfschildkröten sollen hier leben. Mittendrin ragt ein dicker grüner Baumbusch in den Himmel: die Kormoraninsel. Wer lange genug wartet, sieht einen Segler vorbeiziehen, einen eingenickten Angler in seiner Nussschale. Sonst niemanden.

Das schönste Domizil hier ist das "Hotel Galery 69" – mit Seeblick von fast allen 21 Zimmern. Im Long-Island-Style steht es da, wie sonst in Martha's Vineyard. Rippe für Rippe ist es mit Holz verschalt, schimmert silbern in der Sonne.

Das leise Schmatzen der Wellen

Zum Wasser hin breitet sich eine Butterblumenwiese aus, und ein Bootssteg reckt seine Zunge ins Wasser. Hier könnte man jetzt sitzen bleiben im Brausewind und den Kindern mit den weißen Schleifen um ihre strammen Zöpfe zuschauen, die im Strandkorb rumalbern. Oder dem leisen Schmatzen der kleinen Wellen lauschen, die ans Ufer schlagen.

Das Hotel gehört Malgorzata, 46, und Wojciech Zoltowsky, 45. Sie entdeckten die alte, leerstehende Dorfschule am Seeufer 2007 und bauten sie seither zum "Galery 69" aus, samt Schwimmbad. Die Ökonomin und der studierte Landwirtschaft waren Gärtner, Schreiner und Inneneinrichter.

Fast alles an diesem Ort ist aus ihrer Hand, außer Keramik und Glas und den Bildern an der Wand: Die Fußböden aus bemaltem Beton, die Möbel aus Buche, Erle und Birke. Überall hängt schöne Kunst.

Offen für Neues und Traditionelles

Dass die beiden mit dem Herzen dabei sind, merkt man sofort. Ihre Gäste sind großenteils designbewusste Polen, Fremde noch eine Seltenheit.

"Wir sind offen für Neues", betonen Malgorzata und Wojciech. Zugleich schätzen sie alte Werte. Zum Beispiel in der Küche, wo bewusst regional gekocht wird. Das Gemüse kommt vom Wochenmarkt in Allenstein oder aus umliegenden privaten Gärten. Die Fische und Krebse, die Forellen, Barsche und Lachse fängt der Nachbar.

Ich ziehe mich auf den Bootssteg zurück, lasse mich vom Wind verwuscheln und denke daran, wie mir Piotr, ein kundiger Reiseführer, in den letzten Tagen die ermländische und masurische Landschaft zeigte.

Milchkühe, Störche, hüfthohes Gras

Hin und wieder hatten wir mit seinem Auto ein Dörfchen passiert. Rechts und links blühten die Sommerwiesen, die alten Lindenalleen bildeten einen Tunnel aus Laub, kilometerlang. Die Milchkühe in den Wildkräutern ließen sich von uns ebenso wenig stören wie die Störche im hüfthohen Gras.

Schöner ist kein Sommer im Heimatfilm. Die Schlachtplätze der Vergangenheit, die es in dieser Gegend weiß Gott gab, konnten mir gestohlen bleiben.

Eine Landschaft zum Lockerlassen

Stattdessen balancierte ich ein wenig auf stillgelegten Bahnstrecken und schaute von oben in die weite Landschaft und auf ein paar verfallende Gehöfte, vor denen der Bauer im Kartoffelacker stand. Ich ließ locker, auch ohne Entspannungsübung.

In Osterode flanierte ich an der Uferpromenade des Drewenzsees entlang und schaute den Wassersportlern zu, die ein ums andere Mal von einem elektrisch betriebenen Skilifter über das Wasser geschliddert wurden. An der alten Mühle trank ich einen Kaffee und schwieg mit den Anglern am schmalen Rinnsal.

Dann wollte ich schnell wieder raus in die Landschaft, die heute genau so berührend ist wie zu Zeiten der Gräfin Dönhoff. Sie ist eigentlich wie zum Radeln gemacht, zum Wandern sowieso, zum Paddeln auf allerlei Kanälen.

"Ritt durch Masuren"

Wer reiten kann und sich auskennt, der hat vielleicht auch den "Ritt durch Masuren" gelesen, deren bewegende Eindrücke samt Route die Gräfin 1941 aufschrieb für ihren Bruder Dietrich.

Am Abend kam Gräfin Dönhoff dann doch noch an den See. Über dem kreiste ein Storch, und ein Schwanenpaar flog mit ächzenden Schwingen dicht über dem Wasser. Wojciech hatte ihr Buch unterm Arm und eine Geschichte zu erzählen.

Die neue Heimat Ermland

Seine Eltern waren aus Posen (Poznan) und Mittelpolen hierher gekommen, nach dem Krieg wurde das alte Ermland ihre neue Heimat. Wojciechs Vater machte sich mit Gewächshäusern selbstständig, und Wojciech wuchs, wie die Gräfin Dönhoff, mit Pferden auf.

Eines Tages kamen ein paar Frauen aus Norddeutschland nach Masuren, die wollten dem Ritt der Gräfin von 1941 nachfolgen. "Mein Vater hatte die Pferde", erzählt Wojciech.

"Und ich war 17 und sollte deutsch lernen. Mit meinem Bruder habe ich alles organisiert. Ich hatte nur eine alte deutsche Karte und einen Kompass. Ach, vieles gab es ja gar nicht mehr so wie beschrieben. Aber jeden Abend, wenn wir irgendwo rasteten, haben wir das Buch von Gräfin Dönhoff etappenweise vorgelesen. Das war toll!"

Mit Kindern und Pferden im Wald

"Eine großartige Frau", schwärmt Wojciech voller Respekt von der Gräfin. Kennengelernt hat er sie nie. Wojciech und Malgorzata leben heute mit ihren zwei Kindern und fünf herrlichen Pferden nicht weit von See und Hotel in einem stillen Waldstück.

Das schönste für sie ist, tagelang auf dem Rücken ihrer Tiere durch Ermland und Masuren zu reiten. Beide Eheleute sprechen deutsch. Sie haben in Wien studiert.

Silberhell strahlt der Himmel

Als ich am nächsten Morgen um sechs Uhr früh aufwache, ist der Tag bereits da. Silberhell strahlt der Himmel, eisblau das Wasser. Ufersaum und die Kormoraninsel tragen noch einen leichten Morgenschleier.

Schon springen die Fische wieder, zum Mücken fangen. Ihre weißen Bäuche sieht man kurz in der Sonne blitzen. Masurens Seenlandschaft, die sich schon in der Eiszeit bildete, bleibt ein Sehnsuchtsziel.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Polen. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter axelspringer.de/unabhaengigkeit .

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