16.08.2012, 16:52

40 Jahre Interrail Wenn Zugreisende per Anhalter zurückkehren müssen

Von Steffen Fründt

Ungewaschen, aber glücklich: Unser Autor reiste 1991 sogar mit einem Interrail-Doppelticket quer durch Europa. Doch auch das reichte nicht aus. So extrem reisen noch nicht einmal die Japaner.

Nach dem Abi haben wir konsequent die Grenzen des Interrail-Tickets und unserer selbst ausgelotet. Mein Schulfreund Peter und ich buchten jeweils zwei aufeinanderfolgende Tickets und kurvten mit Minimalbudget (30 Mark pro Tag inklusive Übernachtung, Essen, Getränke) und einem langsam schrumpfenden Bücherberg durch halb Europa.

Von Münster in Westfalen ging es nach Paris. Nach ein paar Stunden an der Seine flüchteten wir vor den horrenden Übernachtungspreisen in einen Nachtzug nach Madrid.

Die spanische Extremadura durchquerten wir in einem klimatisierten Talgo-Zug; ein Luxus, der sich für den Rest der Reise nicht wiederholen sollte.

Strafe für frühe Spießer

In Málaga angekommen, wärmten wir uns bei Freunden auf, die sich etwas getraut hatten, was für Vertreter der Generation Interrail schon an Verrücktheit grenzte: drei Wochen Urlaub im Ferienbungalow.

Wir bestraften die Frühverspießten (und uns selbst), indem wir ihre Sangriavorräte leer tranken, und setzten uns dann für ein paar Tage nach Marokko ab.

Zurück in Europa, durchmaßen wir mit ein paar Zwischenstopps erneut die Iberische Halbinsel, steuerten nach einer Kanutour auf der südfranzösischen Ardèche und einer langen Nacht in Avignon Italien an.

Brindisi ohne Bier

Die Hafenstadt Brindisi quoll von Rucksacktouristen nur so über, in sämtlichen Geschäften waren die Biervorräte erschöpft. Alle hatten dasselbe Ziel wie wir: Patras, Griechenland. Die Deckpassage war für Interrailer kostenlos, weshalb sich täglich Tausende einschifften.

Die Überfahrten waren ein einziges Gelage. Was der Kapitän unserer Fähre offenbar schon wusste, als er per Lautsprecher ausdrücklich die "Fahrgäste, die eine Kabine gebucht haben", begrüßte. Und nicht das ungewaschene, besoffene und/oder bekiffte Pack vom Sonnendeck, das wir waren.

In Griechenland schauten wir uns ein paar alte Steine an und schifften uns dann im stinkenden Hafenmoloch Piräus schnell wieder ein, um die griechischen Inseln zu durchkreuzen. Paros, Naxos, Santorin. Tagsüber knatterten wir mit geliehenen Mopeds abgelegene Strände an, nachts schliefen wir an Deck der nächsten Fähre.

Gedanken an die Heimat

Auf demselben Weg zurück, führte uns nunmehr das zweite Interrail-Ticket über den italienischen Stiefel in die Alpen und nach Wien, wo uns im Riesenrad Gedanken an die Heimat anrührten, die wir mit ein paar Postkarten an die Daheimgebliebenen und einem Essen bei McDonald's problemlos niederrangen.

Dann ging's weiter bis an die östliche Gültigkeitsgrenze unserer Tickets, Ungarn. Weil ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt der Papst in Budapest weilte, fanden wir nur noch eine zwielichtige Unterkunft für die Nacht.

Das Ende der Urlaubskasse

Wir flüchteten zurück Richtung Westen, in die Tschechoslowakei. In den Schwarzbierkneipen zu Füßen des Prager Hradschins kam dann der Moment, wo nach ein paar Tausend Schienenkilometern, ungezählten Nächten in Bahnhofshallen oder verlausten Pensionen und vielen verrückten Begegnungen mit anderen Interrailern die Gültigkeitsdauer unserer Doppeltickets erschöpft war, unsere Urlaubskasse ebenso.

Es blieb uns nichts übrig, als uns mit ausgestrecktem Daumen an eine Prager Ausfallstraße zu stellen, wo uns ein altersschwacher Kleinlaster auflas und bis nach Berlin chauffierte. Dort endete unsere Tour.

Und wir hatten auf Lebenszeit das Recht zum Spott über japanische Touristen verloren, die wie die Geisteskranken in zwei Wochen durch Europa hetzen.

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