26.08.12

Frankreich

Logieren in Marcel Prousts Lieblingshotel

In Cabourg verbrachte der französische Schriftsteller sieben Sommer. Das Hotel am Meer gibt es noch und auch das Zimmer, in dem er sein epochales Werk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" schrieb.

Foto: picture alliance / Ellen Rooney/

In Cabourgs „Grand Hôtel“ verbrachte Marcel Proust (1871 – 1922) sieben Sommer – von 1907 bis 1913. Vor einem Jahr wurde das Haus komplett renoviert und kann sich seither wieder ähnlichen Glanzes rühmen wie das Haus, das den Schriftsteller seinerzeit so beeindruckt hatte.

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Ein brandneues Hotel am Meer, ausgestattet mit modernstem Komfort – sogar Strom gab es dort, private Bäder für die Gäste und Zentralheizung. Marcel Proust (1871-1922) ließ den "Figaro" vom 10. Juni 1907 sinken.

Zentralheizung? Damit konnte kaum ein anderes Hotel in ganz Frankreich aufwarten. Aufenthalte im schicken normannischen Seebad Trouville gehörten zu Prousts Leben, seit er im Alter von elf Jahren Asthma entwickelt hatte. Doch der Luxus, den dieses neue "Grand Hôtel" versprach, war sogar für Pariser Verhältnisse unerhört.

Das "Grand Hôtel" war eines der modernsten Frankreichs

Unverzüglich reiste Proust gen Cabourg ab. Im Gepäck hatte er ein Manuskript, kaum mehr als eine Skizze. Es war der Keim seines literarischen Großprojekts, dem er die nächsten Jahre widmen sollte.

Als Sohn vermögender Eltern war er auf die zeitraubenden Mühen des Broterwerbs nicht angewiesen. Proust nahm im vierten Stock des nagelneuen Hotels in Cabourg drei Zimmer. Im mittleren schlief er, die beiden anderen waren eine Schutzzone.

Ganz sicher wollte er sein, dass er seine Ruhe haben würde, ohne plappernde Zimmernachbarn. Weil er die Sonne verabscheute, verließ er selten vor dem frühen Abend seine Zimmer. Dann aß er einen Fisch und ging ins Kasino; dazu musste man seinerzeit nicht einmal das Haus verlassen, da diese beiden Mittelpunkte des örtlichen gesellschaftlichen Lebens miteinander verbunden waren.

Proust traf Freunde und beobachtete Aristokraten in der Sommerfrische. Sobald er nach Mitternacht ins Zimmer zurückkehrte, schrieb er alles auf – angereichert durch den neuesten Klatsch aus der Hauptstadt, den er Briefen seiner Freunde aus Paris entnahm.

Cabourg ist das Balbec aus Prousts Werk

Bis 1914 kam Proust jedes Jahr wieder, spielte in den Abendstunden Tennis und vollendete sein siebenbändiges Werk: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".

Balbec – der Schauplatz des epochalen Romans – ist die literarische Entsprechung Cabourgs und heute der Name eines Literaturfestivals, das in ungeraden Jahren hier und im nahe gelegenen, von Proust ebenfalls geschätzten Trouville stattfindet.

Mit solch großer Leidenschaft gedenken die Einwohner Cabourgs ihres berühmten Gastes, dass sie anlässlich der sommerlichen Festivitäten die Ortsschilder verhüllen und durch solche mit dem Schriftzug "Balbec" ersetzen.

Damit die Zeit zwischen zwei Festivals nicht zu lang wird, lädt die Proust-Gesellschaft im Sommer wöchentlich zu Vorträgen rund um ihren Lieblingsliteraten ein. In diesem Jahr finden im September erstmals die "Journées Musicales de Marcel Proust" statt, eine Reihe von Konzerten und Vorträgen zum Thema "Proust und das Meer". Schauplatz ist natürlich das "Grand Hôtel".

Großzügig sieht man in Cabourg darüber hinweg, dass der Besuch des Dichters auch eine Wunde hinterlassen hat. "Wir wissen nicht, warum er nach 1914 nicht mehr zurückgekommen ist, obwohl er es doch vorhatte", seufzt Jean-Paul Henriet, Bürgermeister der Stadt und ein großer Verehrer des Literaten.

Seit 150 Jahren fahren die Pariser an die Küste

Jeden Tag lese er in Prousts Werk, mit besonderem Vergnügen in den Briefen. "Ich habe Proust gelesen, als ich jung war, und hatte große Probleme damit", erläutert er. Als der Beruf ihn von Paris nach Cabourg führte, wagte er sich nochmals an die "Suche nach der verlorenen Zeit". Sofort war er gebannt. Heute ist er Proust-Kenner und -Sammler.

Als Proust das neue "Grand Hôtel" zum ersten Mal besuchte, war Cabourg als Seebad seit längerem beliebt. Schon seit 1855 fuhr die Bahn von Paris bis hierher. Grund für die Anstrengung war vor allem das im Vorjahr errichtete Casino, damals ein hölzerner Bau; aber auch das Kurwesen, das an der Küste entstand.

Mit sieben Stunden Fahrzeit war die Anfahrt nichts für einen Wochenendausflug. Die mondänen Gäste aus Paris blieben daher gleich mehrere Wochen. 1861 entstand das erste "Grand Hôtel", 1886 folgten die ersten der Dauergäste. 1906 wurde das Haus zugunsten eines moderneren Nachfolgerbaus im Belle-Époque-Stil abgerissen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Cabourg so beliebt, dass das "Grand Hôtel" allein die vielen Gäste aus Paris nicht mehr aufnehmen konnte. Es bekam Konkurrenz von anderen Herbergen – keine ernst zunehmende, wie man noch heute versichert.

Prousts Lieblingshotel erstrahlt seit 2011 in neuem Glanz

Seit jenen frühen Tagen hat sich einiges verändert in der Normandie. Aber nicht so viel, dass Prousts Sommer-Idylle unter der Wucht der Zeit begraben worden wäre.

Mit 4000 Einwohnern ist Cabourg beschaulich geblieben. Und noch immer ist es angelegt wie ein Amphitheater, in dem alle Wege auf das Kasino und das "Grand Hôtel" zulaufen.

Prousts Lieblingshotel selbst wurde 2011 renoviert und kann sich seither wieder ähnlichen Glanzes rühmen wie das Haus, das den Schriftsteller seinerzeit so beeindruckt hatte.

Gleich vor dem Haus verläuft die Promenade, die heute nach Proust benannt ist. Bei Ebbe vergrößert sich der Strand dahinter aufgrund der extremen Gezeitenunterschiede ins annähernd Unendliche. Das Meer ist dann kaum mehr zu erkennen.

Das Zimmer, in dem der Schriftsteller sieben Sommer lang schrieb und schlief, ist als Nummer 414 des "Grand Hôtel" bis heute buchbar. Das Bett stammt zwar aus dem frühen 20. Jahrhundert, aber nicht aus dem ursprünglichen Hotel.

Der Schreibtisch ist ebenfalls ein Stück aus der Epoche, es ist jedoch nicht jener, an dem Proust um Worte rang. Im Bücherschrank stehen die Werke unsterblicher französischer Schriftsteller: Stendhal, Balzac – und Marcel Proust.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Atout France. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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