15.08.12

40 Jahre Interrail

Postsozialistischer Urlaub – drei Freunde im Balkan

Mit Betrügern und Milizionären mit Maschinengewehren muss sich unser Autor auf seiner Reise 1994 nach Polen, Ungarn und Rumänien rumschlagen – und am Ende geht es per Anhalter zurück ins Rheinland.

Foto: Privat

Autor Cornelius Tittel (Mitte) 1994 mit seinen Freunden Niklas (l.) und Florian auf Interrail-Tour in Rumänien
Autor Cornelius Tittel (Mitte) 1994 mit seinen Freunden Niklas (l.) und Florian auf Interrail-Tour in Rumänien

Die erste Interrailreise mit 16 hatte entschieden nicht für den erwünschten Nervenkitzel gesorgt. Amsterdam, Brüssel, Paris, London und eine Woche Schottland waren derart ereignisarm an mir vorbeigezogen, dass in den folgenden Sommerferien die Dosis erhöht werden musste.

Jetzt, 1994, stehen Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien auf dem Programm. Postsozialistischer Abenteuerurlaub, so hatten wir es uns vorgestellt, mit ein paar Tagen Istanbul als krönendem Abschluss.

Spätestens ab Rumänien werden unsere Erwartungen übertroffen. In den Karpaten zelten wir – meine Freunde Niklas, Florian und ich – auf einem verlassenen Berg, der bei Tag betrachtet recht idyllisch wirkte, sich jedoch mit Einbruch der Dunkelheit und einsetzendem Wolfsgeheul als Horrorfilm-Setting entpuppte.

Schnell nach Bukarest

Da wir die Nacht überlebt haben und unser Glück nicht noch einmal auf die Probe stellen wollen, zieht es uns in die nächstgelegene Großstadt: Bukarest.

Auf der Zugfahrt dorthin lernen wir einen ebenso sympathischen wie athletischen Deutsch-Türken kennen, der uns nach einigen gemeinsamen Joints am offenen Abteilfenster eröffnet, als Türsteher einer Diskothek am Kölner Ring derart mit der Justiz in Konflikt geraten zu sein, dass er sich nun für unabsehbare Zeit bei der Familie einer Freundin in Siebenbürgen verstecke.

Nach Bukarest fahre er nur, um Kokain zu kaufen, das dort übrigens sehr gute Qualität habe und einen unschlagbaren Preis, er würde uns bei Bedarf selbstverständlich auch etwas besorgen.

Wir, "Buddenbrooks" lesende Gymnasiasten, lehnen dankend ab und verabschieden uns am Bukarester Hauptbahnhof von unserem neuen Freund aus der alten Heimat.

Einladung auf ein Bier von Ion Tiriac-Doppelgänger

Einen Tag später, an ebendiesem Bahnhof (wir sind gerade dabei, Tickets in die Hafenstadt Constanta zu lösen), spricht uns ein Mann von der Seite an.

Mit seinem Schnurrbart, seinem Trainingsanzug und seinem rumänisch gefärbten Deutsch erinnert er uns an Ion Tiriac, was uns als Boris-Becker-Fans schneller als unbedingt nötig Vertrauen schöpfen lässt.

Er, der in den 70er-Jahren an der Universität Leipzig Philosophie studiert habe, würde uns aus alter Liebe zum Land der Dichter und Denker nur zu gern auf ein Bier einladen.

Ein Bier später erzählt er, dass er von Philosophie auf Import/Export umgesattelt habe, damit nun sehr gut verdiene, sich ausschließlich in Devisen bezahlen lasse, aber leider nur eine begrenzte Summe an Devisen wieder ausführen dürfe, um neue Waren zu kaufen.

Geschäft mit Traveller Checks

Nur Traveller Checks, des Interrailers liebstes Zahlungsmittel, könne er problemlos ausführen. Sein Vorschlag: Er kaufe uns unsere abgezeichneten Traveller Checks ab, zahle mit 25 Prozent Aufschlag in Mark, Pfund und Dollar. Die führt er bündelweise in seinem prall gefüllten Rucksack mit sich, den er uns zur Probe reicht.

Die Scheine sind echt, daran hegen wir keinen Zweifel. Wir erbitten uns Bedenkzeit, ziehen uns zu einer kurzen Beratung zurück (Fazit: "Die Story klingt plausibel, wir werden fast 600 Mark verdienen, das ist unser Glückstag!"), treffen währenddessen aber unseren Kölner Türsteherfreund wieder, der nach einer munteren Nacht in Bukarest zurück in sein siebenbürgisches Versteck will.

Er bietet uns an, sich im Hintergrund zu halten. Sollte etwas schieflaufen, wovon er auszugehen scheint, würde er eingreifen.

Devisen werden gezählt

Zum Transfer soll es im Wartebereich des Bahnhofs kommen. Der Philosoph zählt vor unseren Augen die Devisen auf einer dünnen Aktenmappe auf seinen Knien. Er lässt uns nachzählen, und weil er uns Deutsche so mag, gibt er uns noch ein wenig rumänisches Geld obendrauf.

Genau in dem Moment, in dem er die rumänischen Scheine auf die Dollar- und D-Mark-Noten packt, das Ganze zusammenrollt und ein Gummiband darum macht, nähert sich ein Passant mit Zigarette im Mund, der ihn um Feuer bittet.

Der Philosoph springt auf, verscheucht gestikulierend den Passanten, um uns daraufhin um die Übergabe der abgezeichneten Schecks zu bitten.

Einzig mein Freund Niklas guckt im entscheidenden Moment genau hin: Der Philosoph hat im Aufspringen seine Aktenmappe umgedreht, auf der anderen Seite befindet sich eine identisch wirkende Geldscheinrolle, die er uns nun übergeben will.

Niklas gibt unserem Kölner Türsteher ein Signal, woraufhin der an den Tatort sprintet und den Philosophen eindrucksvoll bedroht. Und tatsächlich: Die zweite Geldrolle besteht ausschließlich aus rumänischen Scheinen und ist keine 20 Mark wert.

Mit dem Zug ans Schwarze Meer

Der Philosoph flüchtet, wir verabschieden uns von unserem Schutzengel und nehmen erleichtert den nächsten Zug ans Schwarze Meer, nach Constanta. Dort lasse ich mir beim Versuch, Geld auf der Strandpromenade zu tauschen, ein Messer an den Hals setzen (die 30 Mark sind natürlich weg), was uns eher noch ermuntert, in dieser Nacht das Geld für ein Hotel zu sparen und am selben Strand zu übernachten – sternförmig liegend, unsere Köpfe auf den zusammengeschobenen Rucksäcken.

Da uns die Zeit davonläuft, ein Monat Interrail ist schnell rum, schenken wir uns Bulgarien und fahren nach Istanbul weiter, wo uns ein Homosexueller in ein Restaurant einlädt und derart mit Raki abfüllt, dass ich mich am kommenden Tag auf dem Weg nach Wien bis hinter Sofia übergeben muss, die Beine aus der offenen Tür des letzten Waggons baumelnd.

Milizionäre mit Maschinengewehren

Es ist der bis dato schlimmste Tag meines Lebens. Nie wieder habe ich mich so schlecht gefühlt, nie wieder habe ich den Fehler begangen, meine Urlaubsheimreise durch ein Kriegsgebiet zu legen.

Es ist schon dunkel, als der Zug knapp 20 Kilometer hinter der serbischen Grenze anhält, außerplanmäßig, an einem Provinzbahnhof. Milizionäre steigen ein, mit Maschinengewehren bewaffnet suchen sie nach Feinden des serbischen Volkes und allen, die dumm genug sind, ohne Transitvisa im Zug zu sitzen. Auf uns Deutsche trifft beides zu.

Auch ein norwegischer Student wird aussortiert sowie ein algerischer Arzt samt Ehefrau. Während wir uns auf dem Bahnsteig anbrüllen lassen, fährt der Zug ohne uns weiter.

Irgendwo im Niemandsland

Man bringt uns in einen Warteraum, wo wir weiter angebrüllt und mit einem Maschinengewehr bewacht werden. Zwei Stunden vergehen, bis man uns zu einem Bus bringt, der nach einer halben Stunde Fahrt an einer Waldstraße hält.

Wieder schreit man uns an, scheucht uns aus dem Bus und deutet gen Osten, wo vage Lichter zu erkennen sind. Unsere Pässe wirft man uns vor die Füße. Langsam wird uns klar, dass wir uns im Niemandsland zwischen Serbien und Bulgarien befinden. Und nicht erst im Taxi nach Sofia, das der Algerier wenig später organisiert (sechs Passagiere plus Fahrer in einem winzigen Lada) wünsche ich mir, ich hätte doch wieder Interrail in Schottland gemacht.

Über Rumänien nach Wien, von dort wegen abgelaufenem Interrailticket per Anhalter zurück ins Rheinland, habe ich das erhebende Gefühl, von nun an werde mein Leben ein einziges Abenteuer sein. Seitdem ist dann nicht mehr viel passiert.

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Interrail – Reisen mit der Bahn zum Pauschalpreis

Infos zu Interrail heute
  • Interrail Global-Pass

    Der Interrail Global-Pass gilt für 30 europäische Länder. Gab es früher nur eine Variante, wird beim aktuellen Interrail-Pass nach Altersgruppen (Jugendliche unter 26, Erwachsene, Senioren ab 60 Jahren) und in 2. und 1. Klasse (letztere für Erwachsene und Senioren) unterschieden. Der Preis hängt zudem von Geltungsdauer und Reisetagen ab. Möglich ist es, 5 Tage in 10 Tagen oder 10 Tage in 22 Tagen zu reisen; wer will, kann auch durchgehend 15 oder 22 Tage oder einen Monat lang Bahnfahren.

  • Interrail

    Ein-Land-Pass ermöglicht Bahnfahrten in einem bestimmten Land. Innerhalb eines Monats kann an 3, 4, 6 oder 8 Tagen gereist werden. In der teuersten Ländergruppe (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) zahlt ein Jugendlicher für 8 Tage 211 Euro, in der günstigsten (Bulgarien, Mazedonien, Serbien, Türkei) 82 Euro (2. Klasse).

  • Preisbeispiele

    Für den Klassiker, also jenen Fahrschein, der dem Urpass von 1972 entspricht, zahlen Jugendliche für einen Monat 422 Euro (Erwachsene: 638 Euro, Senioren: 575 Euro). Jugendliche, die nur 22 Tage durch Europa touren wollen, kaufen ein Ticket für 329 Euro. Wer in diesen 22 Tagen nur an 10 Tagen Bahnfahren möchte, zahlt 257 Euro. Die günstigste Karte kostet 175 Euro. Sie gilt 10 Tage, an 5 davon ist Zugfahren erlaubt.

  • Ausstellung

    „40 Jahre Interrail“ im DB Museum in Nürnberg ab 29. September, www. dbmuseum.de

  • Auskunft

    www.interrailnet.com

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