11.08.12

40 Jahre Interrail

Mit Kiffern, Rotlichtviertel und Karl-Marx-Grab

Vier Wochen Freiheit – von der badischen Heimat und vor allem von den Eltern. Unser Autor denkt gern an die Interrail-Tour 1976 zurück, als er sich mit 17 Jahren nicht nur Kirchen und Schlösser ansah.

Foto: Getty Images

Seit 40 Jahren erlaubt Interrail das Zugfahren durch Europa zum Pauschalpreis.

16 Bilder

Wir schreiben das Jahr 1976, und es ist Frühling. Im Heim des Autors hängt der Haussegen schief, die Mutter ist sorgenvoll, der Vater erbost. Doch der Bub bleibt hartnäckig. Sein verwegener Plan: Er will, mit zarten 17, für vier Wochen aus dem badischen Kleinstädtchen in die Welt hinaus.

Interrail ist die Verlockung, der Verführer der Jugend heißt Deutsche Bundesbahn. Das Ticket kostet die für den Schüler nicht unerhebliche Summe von 235 Mark. Hinzu kommt das Budget für Kost und Logis während der Reise. Das Geld hatte er sich durch Jobs verdient. Von den Eltern ist er in diesem Punkt also unabhängig.

Die verbalen Waffen der Eltern sind geladen mit dem Kaliber "Viel zu gefährlich". Was alles passieren kann zwischen dem wilden Nordkap, den vampirverseuchten Karpaten, der hitzeflirrenden Hochebene der spanischen Meseta und dem ouzotrunkenen Peloponnes. In diesem Viereck gilt das Ticket.

Der Rucksack in Knallorange, der Schlafsack geblümt

Nach Monaten hat der Junge seinen Willen durchgesetzt. Ein knallorangefarbener Rucksack, ein geblümter Schlafsack und ein knapp befüllter Geldbeutel (unter dem T-Shirt versteckt) liegen bereit. Die Eltern fügen sich am Ende, unter anderem, weil er nicht alleine reist, sondern in einer Gruppe.

Die Gruppe, das sind Walter, Charly, Oliver und ich. Unserem Verständnis von Weltläufigkeit und Freiheit entspricht, nur die großen Städte anzusteuern: Paris, London, Brüssel, Amsterdam, Kopenhagen, Oslo, Stockholm. Dazwischen, von Holland bis Dänemark, liegt ein kurzes Stück deutsche Gleise, wo Interrail nicht gilt und extra bezahlt werden muss. Dieser Abschnitt muss folglich kurz gewählt werden.

Hamburg liegt auf der Transitstrecke. Und wo verbringen 17-Jährige aus der Provinz den Abend bis zum Einsteigen in den Nachtzug? In einem Alter, in dem junge Männer auf dem Höhepunkt ihrer Testosteronproduktion stehen?

Als auf der Reeperbahn nach Rotlicht brannte

Natürlich: auf der Reeperbahn, die Mitte der 70er tatsächlich noch Rotlichtviertel ist und nicht Kulturmeile wie heute. Schauer laufen den Jungs die Rücken rauf und runter, als sie mit großen Augen die Kontakthöfe durchstreifen, im Bewusstsein, etwas Verrufenes zu tun. Wir lassen uns schließlich in ein Striplokal ködern, starren auf das leicht bekleidete Mädel auf der Bühne und halten uns an unserem happig teuren 5-Mark-Bier fest.

Wir besuchen, was man als Tourist eben so besucht. Das Kopenhagener Tivoli und das Wikingerschiffmuseum in Oslo. Wir sitzen an den Grachten von Amsterdam und beobachten die Kiffer (wirklich nur beobachten). Bei der Queen sehen wir die Wachablösung, und in Paris geht"s auf den Eiffelturm.

Am Grab von Karl Marx

Wir schlendern zu Schlössern und Residenzen, Brücken und Türmen, Bürgerhäusern und Handelskontoren, Villen und Museen und in London zum Grab von Karl Marx. Blumen liegen vor dem polierten Steinblock mit der mächtigen Büste, die hauptsächlich aus Bart besteht, Vertreter eines DKP-Ortsvereins hatten sie abgelegt.

Im Frühjahr 2012 sichte ich meine Dias von damals und lasse die Zeit Revue passieren. Die Bilder harren der Digitalisierung. 300 Dias mögen es gewesen sein, die ich nach Hause brachte, rund 100 haben überlebt. Die restlichen wurden über die Jahre hinweg in mehreren Wellen aussortiert. Zumeist Fotos von Schlössern und Plätzen, an deren Namen und Funktionen ich mich nicht mehr entsinne.

Das Interrail-Feeling ist aber noch präsent. Später sollten exotischere Reisen auf alle Kontinente folgen, doch diese vier Sommerwochen rangieren ebenbürtig neben ihnen. Beim Betrachten der Dias liegt auch nach 36 Jahren noch immer der unvergleichliche Geschmack der Freiheit auf der Zunge.

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Infos zu Interrail heute
  • Interrail Global-Pass

    Der Interrail Global-Pass gilt für 30 europäische Länder. Gab es früher nur eine Variante, wird beim aktuellen Interrail-Pass nach Altersgruppen (Jugendliche unter 26, Erwachsene, Senioren ab 60 Jahren) und in 2. und 1. Klasse (letztere für Erwachsene und Senioren) unterschieden. Der Preis hängt zudem von Geltungsdauer und Reisetagen ab. Möglich ist es, 5 Tage in 10 Tagen oder 10 Tage in 22 Tagen zu reisen; wer will, kann auch durchgehend 15 oder 22 Tage oder einen Monat lang Bahnfahren.

  • Interrail

    Ein-Land-Pass ermöglicht Bahnfahrten in einem bestimmten Land. Innerhalb eines Monats kann an 3, 4, 6 oder 8 Tagen gereist werden. In der teuersten Ländergruppe (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) zahlt ein Jugendlicher für 8 Tage 211 Euro, in der günstigsten (Bulgarien, Mazedonien, Serbien, Türkei) 82 Euro (2. Klasse).

  • Preisbeispiele

    Für den Klassiker, also jenen Fahrschein, der dem Urpass von 1972 entspricht, zahlen Jugendliche für einen Monat 422 Euro (Erwachsene: 638 Euro, Senioren: 575 Euro). Jugendliche, die nur 22 Tage durch Europa touren wollen, kaufen ein Ticket für 329 Euro. Wer in diesen 22 Tagen nur an 10 Tagen Bahnfahren möchte, zahlt 257 Euro. Die günstigste Karte kostet 175 Euro. Sie gilt 10 Tage, an 5 davon ist Zugfahren erlaubt.

  • Ausstellung

    „40 Jahre Interrail“ im DB Museum in Nürnberg ab 29. September, www. dbmuseum.de

  • Auskunft

    www.interrailnet.com

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