08.08.12

Seiser Alm

Alltagsfernes Biotop auf 1900 Metern Höhe

Wer auf der Seiser Alm steht, der kann nicht anders, als den Ausblick zu rühmen. Kaum eine Alpenlandschaft hat sich ihre Einzigartigkeit so bewahrt wie dieses ursprüngliche Südtiroler Hochplateau.

Von Holger Kreitling
Foto: dpa/picture alliance/Frank Baumgart

Eine Landschaft von göttlicher Bravour: Blick von der Seiser Alm auf den 3178 Meter hohen Langkofel (l.) und den Plattkofel (2980 Meter).

22 Bilder

Dem Zauber und der Schönheit der Seiser Alm verdanke ich den Umstand, dass ich meine Uhr verlor. Das mag man mit Fug und Recht wenig schön nennen, zumal ich sehr an meiner Uhr hänge, erzählt aber dennoch einiges über die Alm. Wir waren am Nachmittag angekommen, es hatte geregnet, Dunst hing über den Wiesen. Wir gingen noch eine gute Stunde vom Dorf Compatsch aus, weit und breit war niemand zu sehen, es soll also niemand glauben, die berühmte Seiser Alm sei zu jeder Zeit überlaufen.

Wer auf diesem Südtiroler Hochplateau in 1900 Meter Höhe steht oder geht, der kann nicht anders, als den Blick zu rühmen. Vor uns lagen die zwei gewaltigen Gipfel des Langkofels und des Plattkofels, die aus der Ferne noch den altertümlichen Eindruck erwecken, der Mensch sei nicht fähig, derartige Berge zu besteigen. Und überhaupt zu welchem Zwecke auch?

Monsieur Dolomieu bescherte den Dolomiten den Namen

Linker Hand war das Massiv über dem Grödnertal zu sehen, mit den berühmten Geislerspitzen. Einheimischen rufen wir fairerweise zu, ja sie sind nur zu erahnen, und das auch noch von hinten. Aber für Hauptstadtkinder auf Urlaub, also für mich, war es dennoch ein erhabener Anblick. Ich verlor mich in diesen Minuten schon in der Welt der legendären Gipfel und ihrer Geschichten.

Wir gingen an einem Schild vorbei, das erklärte, hier habe ein Monsieur de Dolomieu im Jahre des Herrn 1791 nach Steinen gesucht und Fossile gefunden. Deshalb wurde die Gegend fürderhin genauer erforscht, das besondere Steingemisch aber nach dem Franzosen Dolomieu benannt, nämlich Dolomit. Daher der Name des Bergmassivs. Die lange Fahrt mit dem Auto war bereits Vergangenheit.

Wir gingen nun bergauf, es wurde uns warm. Die Regenjacke störte. Auf einem Hang, der die Sicht bis an die spitzzackigen Rosszähne zuließ, bogen wir einen kleinen Weg ab zur Gostner Schwaige, einer Almhütte. Die Wiese zog sich, wir stapften durch ein Blumenmeer.

Plötzlich war sie weg, meine Uhr

Jetzt ein Radler, das wäre fein, dachte ich.

"Jetzt ein Radler, oder?", sagte meine Frau.

Wir sind ein gutes Wander-Team. Als wir den Weg hinabschritten, kamen gerade die Almkühe die Wiese herunter. Später erfuhren wir, dass dort ein Spitzenkoch tolle Sachen zubereitet, Heusuppe mit Trüffeln oder einen beinahe legendären Blütensalat. Es standen rohe Tische draußen, aber niemand war zu sehen. Durch die offene Tür sah ich ein Schild, geöffnet bis 18 Uhr. Ich drehte den Arm und sah auf die Uhr. Sie war weg.

Am nächsten Morgen regnete es, die Wolken hingen so tief, dass wir keine zehn Meter weit sehen konnten. Zwischen den Wassertropfen erblickte meine Frau Schnee. Wir verschoben die Wanderung. An diesem Tag erklärte uns der Herr Steiner das Wesen der deutschen Touristen. Herr Steiner ist ein Zugereister, aber er arbeitet schon lange auf der Seiser Alm als Hotelwirt.

Italiener wandern höchstens eine Stunde lang

Hier in die Dolomiten, sagte er mit fester Stimme, kämen viele Deutsche, aber auch viele Italiener. Die Italiener würden bei gutem Wetter ungefähr eine Stunde lang um das Hotel herumspazieren und sich dann wieder an den Tisch setzen. Oder hinlegen. Sie waren dann wandern. Auf gar keinen Fall aber würden Italiener bei schlechtem Wetter das tun, was sie unter wandern verstehen.

Das führt auf der Seiser Alm dazu, dass man als Deutscher unterwegs praktisch nie auf Italiener trifft, es sei denn, es sind Südtiroler. Und die fühlen sich bekanntlich vor allem als Südtiroler.

Der Wind treibt Wolkenfetzen den Berg hinauf

Kurz vor elf Uhr gingen wir los in Richtung Plattkofel, es nieselte. Wir waren allein, was nicht bloß an der weiterhin eingeschränkten Sicht lag. Berge: nirgendwo zu sehen. Nach einer halben Stunde trafen wir eine Gruppe Skandinavier mit Regenjacken. Sie lachten munter. Sie kannten sich mit schlechtem Wetter aus. Wir fühlten uns gut. Beim Aufstieg zur Plattkofelhütte trieb der Wind Wolkenfetzen den Berg hinauf, oben lag Schneematsch, in der Hütte saßen die Einheimischen munter beim Roten und Knödel, als kämen sie täglich hierher, egal, welcher Wind weht.

Wir gingen dann eine Weile auf dem Grat entlang, die Marmolata blieb im Nebel. Naturerhabenheit, kam mir in den Sinn, wird durch Nebel und Wolken noch deutlicher, als wolle der liebe Gott die Wettertrotzenden belohnen und alle Zauderer abstrafen. Ich fühlte mich sogleich als Romantiker. Am Nachmittag kam die Sonne wieder zum Vorschein.

Der Schlern ist das Wahrzeichen Südtirols

Der gewaltige Schlern ragte vor uns auf, ein fast 2500 Meter hohes Massiv mit zwei abgebrochenen Spitzen, das Wahrzeichen Südtirols. Immer noch waren weit und breit kaum Wanderer zu sehen. Zufrieden stapften wir zum Hotel zurück. Dort lagen die anderen in Liegestühlen und warteten aufs Abendessen.

Wir dachten: Aah, Italiener.

Die Seiser Alm ist ein Biotop, auch ein Erinnerungsraum. Trotz all der Infrastruktur, der Seilbahn, der Lifte, der Skipisten, der geführten Wege, der Radtour-Vorschläge, stellt fast jeder Gang auf dem Hochplateau die Frage, wie das wohl früher hier war?

Wie leidvoll und zurückgezogen, wie beschwerlich und einsam, wie wenig Urlaub auch. Das harte, von Armut getriebene Leben wurde der Alm abgerungen, das erkennt man auf alten Bildern leicht. Wir genießen heute die Straßen und die bequemen Wege und wissen doch, wie mühsam einst allein der Aufstieg zu den Almwiesen gewesen ist.

Die Dörfer ringsum zählen 1,3 Millionen Übernachtungen

Die Demut, die der Wanderer erfährt, wenn er sich in Richtung der Berge bewegt, verbindet sich mit Geschichtserfahrung, man taucht in dieser Höhe ein in vergangene Zeiten, leichter als auf anderen Bergen. Ein kleines bisschen der "verlorenen Welt" spürt der Besucher, obwohl die Wellnessangebote, die Wegemarkierung, die Kulturerläuterungen präsent sind und auf der Alm und den drei Dörfern unten, Seis, Vols und Kastelruth, 1,3 Millionen Übernachtungen im Jahr gezählt werden.

Wir fuhren dann an einem Nachmittag halb vom Berg herunter bis zu einem Bauernhof unterhalb des Schlern. Fliegen summten in der Luft herum, als gäbe es etwas umsonst, und eigentlich ist das auch so, jedenfalls aus Fliegensicht. Florian Rabanser schaut um die Ecke, ein überaus freundlicher Mann, der von seinem Hobby schwärmen wird.

Balsamico aus Südtirol

Der 50-Jährige macht hier Bergessig und brennt bemerkenswerten Schnaps. In der Garage steht eine 15 Jahre alte Brennblase aus Kupfer, Körbe mit Früchten stehen herum, geduldig erklärt der Chef, wie das Obst zu Flüssigkeiten verarbeitet wird.

Erst der Essig. Heimische Lagreintrauben werden zu Most verarbeitet und eingekocht, dann mit Weinessig versetzt. Der Rest braucht Zeit und recht komplexe Umfüllarbeiten, Rabanser formt mit den Händen große und dann immer kleinere Fässer, bis nur noch ein kleines Fässchen mit altem Stoff übrig bleibt.

Dann erzählt er, wie Mitte der 90er-Jahre ein Gast aus Modena, der Stadt des Balsamico, zu ihm kam und meinte, man könne den Essig nirgendwo sonst machen. Prompt fing Rabanser, gelernter Koch und im Hauptberuf Hotelier, auf dem Dachboden mit der Arbeit an. Dickflüssig und klebrig und ungemein intensiv ist der erste Balsamico aus Südtirol, sein Balsamico. Auch teuer. Rabanser zuckt mit den Achseln. Wenn von 200 Liter Most nach vielen Jahren vier Liter übrig bleiben, dann ist das eben so.

Aus Bergbeeren wird Schnaps gebrannt

Florian Rabanser schwärmt von den Produkten der Gegend. Den Birnen und Marillen, Kirschen und Himbeeren. Auch von den Kräutern und den Vogelbeeren von der Seiser Alm. Pensionäre sammeln die Beeren in der Höhe, daraus wird Schnaps. Die üblichen Sachen hätten ihm nicht geschmeckt, sagt Rabanser, da habe er eben versucht, etwas für sein Empfinden zu brennen.

Das Wichtigste ist die Qualität der Früchte, jedes Stück Obst wird begutachtet. Sie müssen gut riechen, gut schmecken, reif sein, sagt er. Es wäre schade, wenn seine Brände nicht nach genau den Früchten schmecken würden, schade um die viele Arbeit. Bei den wenigen Mengen, die auf dem Plun-Hof hergestellt werden, geht diese Auslese bis zum absoluten Ergebnis. Und mehr will er nicht.

Höchstens mehr Sorten. Mit Orangen hat er experimentiert, mit Melasse einen Rum angesetzt und im Fass liegen, bald soll es Gin geben, nur aus Kräutern der Seiser Alm, zumindest Wacholder gibt es dort, vieles andere nicht. Ein Versuch, ein Wagnis. Ein besseres Hobby. Was den Bränden komplett fehlt, ist Zucker. Schnaps sei etwas für Erwachsene, nicht für Kinder, sagt er. Zucker gehöre da nicht hinein, Punctum. Das Ergebnis ist Frucht pur, aber anders als bei normalen Schnäpsen.

Der Ur-Geschmack der Seiser Alm

Das Verführerische fehlt. Die falsche Süße. Die Überrumpelung. Die Reinheit schmeckt erst seltsam und ungewohnt, dann auf eine ganz beklemmende Art erhaben. Wie ein Ur-Geschmack, als ginge man zurück in der Zeit und zugleich in der Höhe. Und darum erzählen wir das alles. Rabansers Arbeitsweise hat etwas mit dem Ort zu tun. Der Schlern mit seinen Zeigefingerspitzen mahnt zu Kompromisslosigkeit.

Die Seiser Alm in ihrer Abgelegenheit ist, ungeachtet der Italiener, Österreicher, Deutschen, der Wanderer, der Busreisegruppen, der Volksmusikfreunde, ein Eiland in der Zeit. Alltagsfern, aber bodenständig. Elitär, doch nicht avantgardistisch. Luftig und verwurzelt zugleich. Tourismus hin oder her, die Seiser Alm hat sich die Einzigartigkeit bewahrt, und wer so manches Hotel beim Wandern in seiner Klotzigkeit anschaut, ahnt, wie schwer das war. Allerdings hilft es, wenn man dafür zu Fuß geht und nicht den Sessellift nimmt.

Auf Uhrensuche im Gebirge

Was war eigentlich mit der Uhr passiert, als sie an der Gostner Schwaige plötzlich fehlte?

Ich war ratlos. Ich überlegte. Ich hatte wohl die Uhr ausgezogen, um das Band nicht mit Schweiß durchzuweichen, und in die Jackentasche gelegt. Dann die Jacke ausgezogen und um die Hüfte gebunden. Aber wo? Und wann? Die Jacke war da, die Tasche leer.

"Wann hast du zuletzt auf die Uhr gesehen?", fragte meine Frau. "Um kurz nach sechs."

Ich ging um die Schwaige herum, fand den Kuhstall. Dort arbeitete eine Frau. Es war nach halb sieben Uhr, sagte sie. So weit weg konnte das gute Stück nicht liegen. Also zurück, immer die Augen auf den Boden gerichtet. Mehr Blumen. Ein paar Steine. Auch Kuhfladen. Beim Aufschauen zeigten sich über dem Plattkofel schwere Wolken. Ich zog die Jacke wieder an. In der Ferne lockte der Schlern.

Die Beine wollen nicht weiter bergauf

Eigentlich ein schöner Weg, wenn man ihn nicht gerade erst gegangen wäre. Seit wann trug ich die Uhr? Ein Weihnachtsgeschenk meiner Frau. Wie viele Jahre war das her? Es roch nach Heu jetzt. Die Beine sagten: Bitte nicht mehr bergauf gehen. In der Ferne die Rosszähne wieder. Die Augen auf dem Boden zu halten und nach etwas zu suchen, was nicht da liegt, hat mit Wandern wenig zu tun.

Ich schaute auf. Meine Frau war schneller gegangen. Sie stand in hundert Meter Entfernung an dem Punkt, wo wir vor einer Stunde abgezweigt waren. Sie winkte. Ich strahlte. Sie hielt etwas hoch.

Die Seiser Alm wird der Ort bleiben, an dem ich meine Uhr wiederfand.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Seiser Alm Marketing. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Infos zur Seiser Alm
  • Anreise

    Mit dem Auto: Nach Südtirol quer durch Österreich über die Brennerautobahn, Autobahnausfahrt Klausen/Seiser Alm/Schlerngebiet, von hier sind es zur Seiser Alm 24 Kilometer. Auf der Seiser Alm besteht grundsätzlich Fahrverbot. Die Straße auf die Alm ist in Saisonzeiten von 9 bis 17 Uhr für den Privatverkehr gesperrt. Übernachtungsgäste dürfen aber durchfahren. Eine Gondelbahn fährt von Seis aus, außerdem gibt es Shuttlebusse von anderen Orten. Mit dem Zug: IC- und EC-Züge halten in Bozen und Brixen. Von dort bestehen direkte Busverbindungen zu den Dörfern rund um die Seiser Alm. Je nach Unterkunft kann man sich auch von seinem Gastgeber am Zugbahnhof abholen lassen.

  • Unterkunft

    Das urige Vier-Sterne-Hotel „Steger-Dellai“ hat eine lange Tradition und ist ein wenig abseits des Ortes Compatsch gelegen, ab 90 Euro pro Person im Doppelzimmer inklusive Frühstück und Abendessen (www.hotelsteger-dellai.com). Günstiger übernachtet man in der rustikalen „Puflatschhütte“ auf 2110 Meter über dem Meer im Vierbettlager oder Doppelzimmer ab 27 Euro pro Person (www. puflatsch.it).

  • Auskunft

    Seiser Alm Marketing, Völs am Schlern, Tel. 0039/0471/70 96 00, www.seiseralm.it; Südtirol Marketing Gesellschaft, Bozen, Tel. 0039/0471/99 99 99, www.suedtirol.info

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