08.08.12

40 Jahre Interrail

Quer durch Europa, soweit die Gleise reichen

Das Interrail-Ticket war 1972 nur als kurzer Werbegag gedacht. Doch die Zugfahrten zum Pauschalpreis revolutionierten den Jugendurlaub. Jetzt leidet das Ticket unter der Konkurrenz der Billigflieger.

Foto: Getty Images

Seit 40 Jahren erlaubt Interrail das Zugfahren durch Europa zum Pauschalpreis.

16 Bilder

Die Fahrt in die Freiheit begann für viele im Gepäckabteil. Eingezwängt zwischen Rucksäcken, Kekspackungen und Dosenbier kauerten sie dort auf dem Boden. Die Züge waren überfüllt, Mief waberte durch die Waggons, und das Rumpeln der Räder zerriss die Gespräche.

Komfort? Gab es nicht auf diesen Fahrten. Denn eines sind Abenteuer eben nicht: bequem.

Und auf ein großes Abenteuer waren die jungen Fahrgäste aus. Sie hatten ein besonderes Ticket im Gepäck – ein neues Billett, mit dem sie durch Europa reisen konnten, so weit die Gleise reichten. Plötzlich wartete ein ganzer Kontinent auf sie: Heute Nizza, morgen Barcelona, dazwischen eine Nacht im schwankenden Abteil.

Der Fahrschein mit dem Aufdruck "Interrail", der in diesem Jahr 40 Jahre alt wurde, machte Reisende unabhängig wie nie zuvor.

Interrail als Türöffner nach Europa

Wohl kein Sonderangebot der Deutschen Bahn ist so bekannt und so beliebt. "Interrail dient als Türöffner nach Europa", sagt Ana Dias e Seixas von der Eurail Group. Das Unternehmen mit Sitz in Luxemburg vermarktet heute das grenzenlose Europa-Ticket, und Ana Dias e Seixas hofft, dass es noch lange ein Dauerbrenner bleiben wird. "Wir setzen uns dafür ein, Interrail weitere 40 Jahre anbieten zu können."

Dabei war der Fahrschein zunächst nur als kurzfristige Aktion gedacht, als Werbegag. Der Internationale Eisenbahnverband hatte das Angebot 1972 zur Feier seines 50-jährigen Bestehens auf den Markt gebracht.

Mit einem einzigen Ticket sollten junge Leute einen Monat lang beliebig oft in 21 europäische Länder reisen können. 235 Mark kostete die Flatrate, die zwischen Helsinki und Athen, zwischen Lissabon und Budapest alle Orte zugänglich machte, die einen Bahnhof hatten.

Der Weg wurde zum Ziel

Und Interrail veränderte in kürzester Zeit die Art, wie Jugendliche Urlaub machten. Es ging nicht länger nur ums Ankommen, um das Erreichen eines bestimmten Ziels – sondern darum, unterwegs zu sein, um das sorgenfreie Dahinreisen in einem Raum ohne Grenzen.

Ohne Grenzen zumindest auf den Tickets, denn zwischen den Staaten waren die Übergänge sehr wohl spürbar. Wann immer die Züge ins nächste Land rollten, mussten die Passagiere ihre Papiere zeigen. Das Schengener Abkommen, mit dem die Ausweiskontrollen fast überall in Europa wegfielen, war noch lange nicht in Kraft.

Billigflieger sind eine harte Konkurrenz

Heute, da die Bahnen an den meisten Grenzen durchrauschen, haben es Interrailer leichter. Doch die Nachfrage nach den paneuropäischen Pass ist längst nicht mehr so hoch wie früher. Die Zeiten sind härter geworden, seit auch Billigflieger die Städte des Kontinents verbinden.

Die weitaus meisten Tickets, nämlich rund 370.000 pro Jahr, wurden in den 80er- und 90er-Jahren verkauft. 2010 reisten nur noch 243.000 Menschen mit dem Flatrate-Fahrschein. 2011 waren es immerhin wieder 5000 mehr.

Ein kleines Plus, das die Interrail-Vermarkter zuversichtlich stimmt. Der Zuwachs zeige, dass das Angebot nach wie vor bestens geeignet sei, um Europa zu erkunden, sagt René de Groot, Geschäftsführer der Eurail Group.

Das Ticket gilt für 30 Länder

Nicht nur die Verkaufszahlen haben sich in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert, sondern auch das Streckennetz. Je stärker Europa zusammenwuchs, desto weiter verzweigten sich die Routen. Das aktuelle Ticket, der "Interrail Global Pass", gilt für 30 Länder.

Und anders als früher soll das Angebot auch nicht mehr nur Abenteurer bis 21 Jahre ansprechen – sondern alle: Schüler wie Erwachsene, Rucksacktouristen wie Familien, Geschäftsleute wie Rentner.

Das Angebot ist heute breiter

"Interrail hat sich ganz klar zu einem Produkt für Jedermann weiterentwickelt", sagt Dias e Seixas. Und zu einem Produkt, das komplizierter geworden ist, das leider auch ein wenig vom Charme des Simplen verloren hat. Denn heute gibt es nicht mehr nur das eine Ticket mit den immer gleichen Konditionen, nämlich einen Monat Europa zum Pauschalpreis, sondern eine ganze Reihe von Angeboten.

Die Preise sind nach Altersgruppen gegliedert und hängen von der Geltungsdauer und der Anzahl der Reisetage ab. Für den Klassiker, also jenen Fahrschein, der dem Ur-Pass von 1972 entspricht, zahlen Passagiere unter 26 Jahren für einen Monat 422 Euro.

Wer nur 22 Tage durch Europa touren will, kauft ein Ticket für 329 Euro. Alle, die in diesen 22 Tagen nicht jederzeit, sondern zum Beispiel nur an zehn Tagen Bahnfahren möchten, legen 257 Euro hin. Die günstigste Karte kostet 175 Euro. Sie gilt für zehn Tage, an fünf davon erlaubt sie das Fahren mit dem Zug.

Interrail-Pioniere wären empört

Für Touristen, die sich nur ein Land ansehen wollen, gibt es zudem den "One Country Pass". Am liebsten fahren die Reisenden damit durch Deutschland, Frankreich und Italien. Das sind auch die teuersten Touren: Acht Tage freie Fahrt durch die Bundesrepublik kosten 211 Euro – dieselbe Zeit in Bulgarien, Serbien oder der Türkei nur 82 Euro.

Die Preise gelten alle für einen Platz in der zweiten Klasse. Anders als früher kann man heute aber auch in der ersten reisen. Die Monatskarte hierfür kostet 977 Euro.

Unter den Interrail-Pionieren wäre dieses Angebot wohl verpönt gewesen. Denn es war eben auch die Mühsal – das Hocken im überfüllten Waggon, das Schlafen auf Isomatten im Gang – die Zugfahren für die Jugendlichen zum Abenteuer machte.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Joachim Sauer zeigt Malia (l.) und Sasha sowie Michelle (r.) und Auma Obama die Mauergedenkstätte. Er habe viele Geschichten erzählt, heißt es später
07:24"Sonderprogramm"
Joachim Sauer erklärt der First Family die Hauptstadt

Michelle Obama und ihre beiden Töchter Malia und Sasha haben mit Angela Merkels Ehemann Joachim Sauer Holocaust-Mahnmal, "Mauerpanorama" und Bernauer Straße in Berlin-Mitte besucht. mehr...

Die Schüler des JFK-Gymnasiums
12:08Obama in Berlin
600 Berliner Schüler und ein amerikanischer Präsident

Die Schüler und Lehrer der Kennedy-Schule in Zehlendorf durften den US-Präsidenten am Mittwoch in Berlin hautnah erleben. Schon im Vorfeld war die Aufregung groß. mehr...


Zwei Linkshänder mit Humor: US-Präsident Barack Obama und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am Brandenburger Tor in Berlin
07:31Obama in Berlin
Was Klaus Wowereit und Barack Obama gemein haben

Berlins Regierender Bürgermeister findet auf dem Podium am Brandenburger Tor einen lockeren Umgangston mit US-Präsident Barack Obama. Die beiden verbindet eine Gemeinsamkeit aus ihrer Jugend. mehr...

Berlin droht am Donnerstagabend ein Unwetter
14:21Extremes Wetter
Gewitter, Hagel, Tornado – Berlin droht heftiges Unwetter

Der Donnerstag war mit Höchstwerten von 36 Grad der bislang heißeste Tag des Jahres in Berlin. Am Abend muss man allerdings mit schweren Unwettern rechnen. Ein Tief ist im Anmarsch. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Multimedia
Urlauber

Eine Typologie des deutschen Weltreisenden

Infos zu Interrail heute
  • Interrail Global-Pass

    Der Interrail Global-Pass gilt für 30 europäische Länder. Gab es früher nur eine Variante, wird beim aktuellen Interrail-Pass nach Altersgruppen (Jugendliche unter 26, Erwachsene, Senioren ab 60 Jahren) und in 2. und 1. Klasse (letztere für Erwachsene und Senioren) unterschieden. Der Preis hängt zudem von Geltungsdauer und Reisetagen ab. Möglich ist es, 5 Tage in 10 Tagen oder 10 Tage in 22 Tagen zu reisen; wer will, kann auch durchgehend 15 oder 22 Tage oder einen Monat lang Bahnfahren.

  • Interrail

    Ein-Land-Pass ermöglicht Bahnfahrten in einem bestimmten Land. Innerhalb eines Monats kann an 3, 4, 6 oder 8 Tagen gereist werden. In der teuersten Ländergruppe (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) zahlt ein Jugendlicher für 8 Tage 211 Euro, in der günstigsten (Bulgarien, Mazedonien, Serbien, Türkei) 82 Euro (2. Klasse).

  • Preisbeispiele

    Für den Klassiker, also jenen Fahrschein, der dem Urpass von 1972 entspricht, zahlen Jugendliche für einen Monat 422 Euro (Erwachsene: 638 Euro, Senioren: 575 Euro). Jugendliche, die nur 22 Tage durch Europa touren wollen, kaufen ein Ticket für 329 Euro. Wer in diesen 22 Tagen nur an 10 Tagen Bahnfahren möchte, zahlt 257 Euro. Die günstigste Karte kostet 175 Euro. Sie gilt 10 Tage, an 5 davon ist Zugfahren erlaubt.

  • Ausstellung

    „40 Jahre Interrail“ im DB Museum in Nürnberg ab 29. September, www. dbmuseum.de

  • Auskunft

    www.interrailnet.com

Top-Thema

Aus dem Bett ihrer Suite im „Ritz-Carlton“ kann das Präsidentenpaar auf den Potsdamer Platz schauen
Obamas Hotel in Berlin

Hier übernachtete die First Family

Video Nachrichten mehr
Berlin-Besuch Obamas Rede in voller Länge
Berlin Präsident Obama verabschiedet sich nach dem Dinner
Berlin-Besuch Absperrungen und Hitze am Brandenburger Tor
Deutschland-Besuch Familie Obama zu Gast in Berlin
 
Top Bildershows mehr
US-Präsident

Barack Obama und sein Tag in Berlin

Damenprogramm

First Lady Michelle Obama unterwegs in Berlin

First Lady

Das ist die Stilikone Michelle Obama

Bei 35 Grad

Dirk Nowitzkis 35. Geburtstag in Berlin

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote